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Duderstadt Vor 50 Jahren: Im Eichsfeld entsteht Todesgrenze
Die Region Duderstadt Vor 50 Jahren: Im Eichsfeld entsteht Todesgrenze
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20:12 12.08.2011
Grenzsperranlagen im Eichsfeld: Ein zwei Meter hoher Metallgitterzaun wird von DDR-Pioniertruppen montiert.
Grenzsperranlagen im Eichsfeld: Ein zwei Meter hoher Metallgitterzaun wird von DDR-Pioniertruppen montiert.
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Eichsfeld

Dazwischen lagen 28 Jahre, in denen die Bürger des sozialistisch geprägten Arbeiter- und Bauernstaates brutal an Reisen ins westliche Ausland gehinderte wurden.

Absperrungen wie sie in Gefängnissen üblich sind, umgaben das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik. Für den Ausbau dieses Staatsgefängnisses hatte der 13. August in Berlin Signalwirkung. Es folgte über mehrere Jahre hinweg die systematische Grenzabschottung entlang der innerdeutschen Grenze über eine Strecke von 1400 Kilometern. Mittendrin: das Eichsfeld. Fluchten wurde massiv erschwert, schließlich fast unmöglich gemacht. Durch bewaffnete Grenzposten, Minen und Selbstschussanlagen bestand Gefahr für Leib und Leben. Viele, die die Flucht dennoch wagten, starben im schwer befestigten Grenzstreifen.

Dessen Ausbau begann im Bereich des Eichsfeldes im Oktober des Jahres 1961 mit großflächigen Kahlschlägen für die Anlage eines neuen Sperrzaunes. Im Dezember folgten Minenverlegungen an der Straße zwischen Duderstadt und Teistungen sowie am Paterhof. Zügig ging es im Eichsfeld 1962 weiter mit der Errichtung von Wachttürmen, Verminungen, Streifengängen und der Anbringung von Sichtblenden, beispielsweise an der Ziegelei bei Zwinge. 1963 wurde mit einer kulturhistorisch folgenschweren Tat begonnen, mit dem Abriss des Kloster Teistungenburg oberhalb der Grenze bei Teistungen. Ebenso begann die Errichtung des zwei Meter hohen Doppelzaunes aus Streckmetall.

In den nächsten Jahren erfolgte der Bau von Betonbunkern, die Anlage eines Kfz-Sperrgrabens, die Einrichtung von Hundelaufanlagen und das Ziehen von Signalzäunen. Ein markantes Datum innerhalb des mehrjährigen Grenzausbaus war der Januar 1970, da begann die Installation tödlicher Selbstschussanlagen vom Typ SM 70. Weiter ging es mit der systematischen Verminung des gesamten Grenzstreifens im eichsfeldischen Abschnitt der Grenze, mit dem Neubau von Beton-Beobachtungstürmen und Bunkern. Damit hatte die DDR auch im Eichsfelder Grenzabschnitt ein Gebilde geschaffen, das kaum zu überwinden war und den vormals starken Flüchtlingsstrom von Ost nach West fast komplett abwürgte.

Erst im Jahr 1973 war es soweit, dass dieses „Bollwerk des Sozialismus“ eine kleine Lücke bekam, durch die im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs wieder Menschen von hüben nach drüben reisen konnten – allerdings unter amtlich sehr erschwerten Auflagen und bei penibel durchgeführten Kontrollen durch Stasi-Mitarbeiter. Dennoch nutzen tausende von Menschen diese Möglichkeiten für Verwandtenbesuche und Tourismusaufenthalte im Obereichsfeld.

Doch trotz einer gewissen Annäherung der beiden deutschen Staaten unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ blieb die Einigelung der DDR bis zum 9. November 1989 in Form einer wehrhaft befestigten Grenze bestehen. In der Nacht zum 10. November aber gingen die Schlagbäume hoch – auch am Grenzübergang Duderstadt-Worbis. Die ganz und gar undemokratische Deutsche Demokratische Republik löste sich auf, die Wiedervereinigung erfolgte am 3.Oktober 1990. Jetzt entsteht auf dem ehemaligen Todesstreifen das Grüne Band – eines der artenreichsten Naturschutzgebiete Deutschlands.

Die Fotos dieser Seite sind dem Buch „Die Grenze im Eichsfeld“ entnommen, Verlag Göttinger Tageblatt,1991, ISBN 3-924 781-20-6, erhältlich in den Tageblatt-Geschäftsstellen.

Von Sebastian Rübbert