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Duderstadt „Wichtig, dass in Köpfen mehr Toleranz entsteht“
Die Region Duderstadt „Wichtig, dass in Köpfen mehr Toleranz entsteht“
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17:37 31.07.2011
Fühlen sich in Gerblingerode akzeptiert: Kerstin (l.) und Katja Heidelberg haben den Schritt in die Öffentlichkeit nicht bereut.
Fühlen sich in Gerblingerode akzeptiert: Kerstin (l.) und Katja Heidelberg haben den Schritt in die Öffentlichkeit nicht bereut. Quelle: Tietzek
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Gerblingerode

Damals waren die Bezeichnungen „Lebenspartnerschaft“ (homosexuelle Lebensgemeinschaft) und „Ehe“ (heterosexuelle Lebensgemeinschaft) nicht die einzigen Unterschiede, unter anderem im Steuer-, Versorgungs- und Beamtenrecht waren gleichgeschlechtliche Partnerschaften benachteiligt. Obwohl inzwischen einiges angeglichen wurde, sind Lebenspartnerschaft und Ehe noch nicht komplett gleichgestellt. Und erst jetzt, zehn Jahre nach Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes, hat Baden-Württemberg als letztes Bundesland die Homo-Eheschließung im Standesamt mit entsprechendem Rahmen genehmigt. Zuvor musste das Ordnungsamt, in Bayern ein Notar, diese Aufgabe übernehmen.

„Sehr oft kommt eine gleichgeschlechtliche Trauung in Duderstadt nicht vor“, sagt der Standesbeamte Thomas Kewitz und verweist auf die Zahlen: In den Jahren 2001, 2002 und 2005 gab es jeweils eine Homo-Ehe, 2010 zwei. Für ihn und seine Kollegen sei die Zeremonie dieselbe, wie bei heterosexuellen Paaren. „Ich spreche von Heirat, auch wenn es gesetzlich eine Lebenspartnerschaft ist.“ Sprachlich sei das eben kein Unterschied, gesetzlich schon, so der Standesbeamte.

„Das Lebenspartnerschaftsgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber die Diskriminierung ist noch lange nicht vorbei“, sind sich Katja und Kerstin Heidelberg aus Gerblingerode einig. Die beiden haben 2005 als erstes lesbisches Paar in Duderstadt geheiratet. Warum sie sich überhaupt zu einer Ehe entschlossen haben? Katja lacht: „Bestimmt nicht wegen finanzieller Vorteile, steuerrechtlich sind wir immer noch benachteiligt. Einfach aus Liebe“, sagt sie und blickt zu ihrer Frau. „Dabei wollte ich erst gar nicht. Wir haben beide schon eine Ehe mit einem Mann hinter uns, da hatte ich Zweifel, ob ich mich nochmal binden sollte“, sagt Kerstin. Aber Katja habe nach der ersten Abfuhr drei Jahre später den Antrag wiederholt und bekam endlich das ersehnte „Ja“. „Die Scheidungsgründe von unseren Männern waren aber andere“, betonen beide Frauen. Ein paar Jahre seien sie bereits befreundet gewesen, bis sie feststellten, dass die Gefühle füreinander anders geworden waren.

Die Reaktionen, als sie sich trauten, Hand in Hand in der Öffentlichkeit zu erscheinen, seien sehr unterschiedlich gewesen. „Ältere Damen sagen eher: Ach, das gab es früher auch. Von Jugendlichen sind wir schon beschimpft worden, und in reinen Männergesellschaften gibt es öfter abfällige Bemerkungen“, schildert Katja ihre Erfahrungen. „Nachdem unsere Beziehung bekannt war, hat sich unser soziales Umfeld vollkommen verändert. Freunde von früher haben sich abgewendet, dafür haben wir jetzt beste Freunde, die uns schon als Paar kennengelernt haben“, erklärt Kerstin. In den Familien seien ebenfalls Unterschiede zu spüren gewesen. Katjas Mutter war entsetzt, aber die insgesamt fünf Kinder aus den Ehen mit Männern wohnen alle bei den Frauen. „Natürlich war da der Trennungsschmerz, den alle Scheidungskinder spüren, aber dass der nächste Partner der Mutter eine Frau war, haben sie nicht als Problem empfunden. Sie waren noch klein und kannten uns vorher auch als Freundinnen“, sagt Katja. Beide Frauen bestätigen, dass sie wegen ihrer Homo-Ehe noch nie Probleme bei Vorgesetzten hatten, allerdings bei anderen Leuten. „Ich habe vor meiner Weiterbildung in einer katholischen Einrichtung in Duderstadt gearbeitet. Da kamen öfters Drohbriefe bei meiner Chefin an, wie man es denn verantworten könne, jemanden wie mich dort arbeiten zu lassen. Meine Chefin wusste allerdings von meiner lesbischen Partnerschaft und sagte, bei der Arbeit zähle meine Kompetenz und nicht mein Privatleben“, erzählt Kerstin.

Wer eine Lebenspartnerschaft eingeht, könne seine Homosexualität nie mehr verstecken, ist sich das Paar einig. „Das fängt an bei gewöhnlichen Fragen nach Kindern und dem Partner, und wir antworten, dass wir nicht einen Mann, sondern eine Frau haben. Und das geht bis zu Anträgen und Bewerbungsformularen mit der Frage nach dem Familienstand und dem Namen des Ehepartners“, weiß Kerstin. Aber verstecken wollen die beiden sich ohnehin nicht: „Es ist wichtig, dass in den Köpfen mehr Toleranz entsteht. Es gibt nicht nur das Schema Vater-Mutter-Kind, sondern viele andere Lebensformen. Wer seine Homosexualität versteckt, nimmt anderen die Chance, einen so kennenzulernen wie man ist“, sagt Kerstin. „Es nützt auch nichts wegzulaufen. Ob wir akzeptiert werden, liegt viel daran, wie wir selbst mit unserer Homosexualität umgehen. Wir fühlen uns sehr wohl hier in Gerblingerode. Die Leute wissen, dass wir als Paar zusammen leben, sie kennen uns so, und wir haben hier noch keine negativen Erfahrungen gemacht“, beschreibt Katja die Atmosphäre im Dorf.

Wünschen würde sich das Paar Gleichberechtigung in allen Bereichen. „Ich würde gern nochmal vorm Altar in Weiß heiraten“, verrät Katja. Kerstin seufzt: „Ich brauche das nicht unbedingt. Aber für die, denen es etwas bedeutet, wäre es wünschenswert“. Obwohl, wenn die kirchliche Zeremonie an einem schönen Strand stattfände... – überlegt sie lachend weiter.

Von Claudia Nachtwey