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Duderstadt Duderstädter Geistlicher verrät: Wie ein Wallfahrtslied zum Helene-Fischer-Hit wurde
Die Region Duderstadt Duderstädter Geistlicher verrät: Wie ein Wallfahrtslied zum Helene-Fischer-Hit wurde
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14:24 16.12.2019
Wolfgang Damm erläutert die Entstehungsgeschichte des Kirchenliedes „Maria durch den Dornwald ging“. Quelle: Markus Hartwig
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Westerode

Aus dem CD-Player dringt andächtig von einem Chor vorgetragen „Maria durch ein Dornwald ging“. Wolfgang Damm (76) sitzt an seinem Schreibtisch in Westerode bei Duderstadt und lauscht. Das Lied, auch von Künstlern wie Helene Fischer interpretiert, zählt noch immer zu den bekanntesten und beliebtesten in der Weihnachtszeit. Gedichtet worden sei es vor Jahrhunderten im Eichsfeld, sagt der ehemalige Propst. Noch heute hat sich die katholische Enklave östlich von Göttingen - auf niedersächsischer Seite das fruchtbare Untereichsfeld, auf Thüringer Seite das bergige und raue Obereichsfeld - ihre alte Tradition der Marienverehrung erhalten.

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Altarbilder und Lieder dienten in früheren Zeiten dazu, den Gläubigen die Geschichten der Bibel näherzubringen, sagt der frühere Domkapitular des Hildesheimer Doms. „Die Leute konnten früher ja nicht lesen.“ So veranschauliche „Maria durch ein Dornwald ging“ die Evangeliumsgeschichte nach Lukas.

Am Ende des Liedes steht die Geburt Jesu

Das Lied schildert Marias Weg durch einen Dornenwald. In der dritten Strophe schließlich „haben die Dornen Rosen getragen“, als Maria mit dem Jesuskind durch diesen Wald geht. Die Szene spiegele die adventliche Zeit wider, erläutert Damm. Und an deren Ende stehe die Geburt Jesu. Er sei als Erlöser und wie ein Licht in die Finsternis gekommen. „Wie Rosen in den unbelaubten Dornenwald“, sagt der frühere Propst. Dornen und Disteln seien außerdem Symbole für die Vertreibung aus dem Paradies. Danach habe Adam zur Strafe einen dornigen Acker bearbeiten müssen.

Erstmals findet sich das Lied in einer Sammlung geistlicher Volkslieder des Bistums Paderborns, zu dem damals das thüringische Obereichsfeld gehörte. Der Liedersammler und Jurist August von Haxthausen (1792-1866) hatte sie 1850 zusammengetragen.

Wahrscheinlich ist das Lied noch älter

Wahrscheinlich sei das feierlich-getragene ehemalige Wallfahrtslied jedoch sehr viel älter, sagt Damm. Forscher vermuteten eine Entstehung im 16. Jahrhundert. Für den evangelische Liedermacher und Pastor der hannoverschen Landeskirche, Fritz Baltruweit, gibt es sogar Anzeichen dafür, dass „Maria durch ein Dornwald ging“ nochmals 500 Jahre früher gedichtet wurde. Dafür spreche das Kyrieleis, griechisch für „Herr, erbarme dich“, in den Strophen: Eben jene als „Leisen“ bezeichneten Lieder ließen sich bis ins 11. Jahrhundert zurückdatieren.

Das Bild von „Rosen und Dornen“ hat Damm zufolge in der Region bereits mehrfach Liederdichter inspiriert. So soll ein Pater Laurentius der Legende nach in der Weihnachtsnacht des Jahres 1007 im nahen Pöhlde das bis heute bekannte „Es ist ein Ros’ entsprungen“ geschrieben haben. In einem weiterem Wallfahrtslied heißt es: „Rose ohne Dornen, oh Maria hilf!“

Populär erst im 20. Jahrhundert

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei „Maria durch ein Dornwald ging“ populär geworden - als Weihnachtslied und von sieben auf drei Strophen gekürzt. Damals habe es Eingang in Liederbücher der Jugendwanderbewegung gefunden, sagt Baltruweit. Inzwischen gehöre es auch bei Protestanten zum festen Repertoire: „Die Zeiten der Großeltern-Generation sind schon lange vorbei, in der einige sagten: ‚So etwas Katholisches wird bei uns in evangelischen Kirchen nicht gesungen.’“ Maria sei auch für Martin Luther eine besondere Frau gewesen.

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Von epd