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Duderstadt „Wir leben auf dem Land – nicht hinterm Mond“
Die Region Duderstadt „Wir leben auf dem Land – nicht hinterm Mond“
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18:46 19.09.2011
Von Kuno Mahnkopf
Vier Frauen, eine Schaukel: Marita Bornemann (OV Bodensee), Elisabeth Krone (OV Gieboldehausen), Michaela Diedrich (OV Rhumetal) und Mechthild Klingebiel (OV Duderstadt, von links) vertreten die vier Ortsvereine des Landfrauen-Kreisverbandes. Quelle: Pförtner
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Eichsfeld

Die meisten der rund 650 in den vier Vereinen des Duderstädter Kreisverbandes organisierten Landfrauen kennen aber noch wie Elisabeth Krone die „harte Arbeit und den ganzen Stress, der zur Landwirtschaft dazugehört“. Krone ist Vorsitzende des Landfrauenvereins Gieboldehausen, der bereits vor 60 Jahren gegründet wurde, mit rund 280 Frauen aus Gieboldehausen, Wollbrandshausen und Rollshausen der größte Verein im Kreisverband ist und bei der 1000-Jahr-Feier Gieboldehausens mit Ernte- und Flachswagen vertreten waren.

Von nostalgischer Verklärung der Vergangenheit hält die Kreisvorsitzende Michaela Diedrich aus Rhumspringe ebenso wie Krone und die Vereinsvorstandsmitglieder Marita Bornemann aus Bodensee und Mechthild Klingebiel aus Duderstadt nicht viel: „Wir wollen Altes bewahren, aber nicht daran kleben.“ Eher als ein Medienphänomen ohne Bodenhaftung betrachten sie die Hochglanzmagazine, die seit einigen Jahren der neuen Lust am Landleben frönen und mit Deko-, Mode-, Möbel-, Koch- und Gartentipps von gotischen Grundöfen bis zu Obstspalieren als Wandschmuck Erfolge am Zeitschriftenmarkt feiern. In erster Linie wohl deshalb, weil sie die Sehnsucht nach dem einfachen Leben und einer schönen heilen Welt bedienen. „Das ist nicht unsere Preisklasse“, meint Krone: „Das ist etwas für Städterinnen, die auf Rustikales stehen.“ Jeder wolle ein idyllisches Landleben, aber keiner Lärm und Güllegeruch.

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Nicht umsonst hat der Verband als Erkennungssignet die fleißige Biene. Von Anfang an haben sich die Landfrauen in Vortragsveranstaltungen und Diskussionen nicht nur mit landwirtschaftlichen Kernthemen, sondern zunehmend mit jeweils aktuellen gesellschaftlichen Themen und Problemen auseinandergesetzt. Nicht nur auf der Homepage des Landesverbandes geht es um Ehec und die Reform des Lebensmittelrechts, die Bäuerinnenrente und den demografischen Wandel. Auch in der Gesprächsrunde mit dem Tageblatt-Redakteur wird lebendig diskutiert. Die Frauen haben zu jedem Thema etwas zu sagen, strahlen dabei Lebenserfahrung und -weisheit aus und punkten mit einem erfrischenden Pragmatismus. Durchaus kontrovers debattieren sie über die inflationäre Verbreitung von Biogasanlagen, räumen ein, dass sich ältere Landwirte schwer damit tun, Flächen statt für die Nahrungsmittelproduktion für die Energiegewinnung zu nutzen.

Im Lauf der Jahre ist die Zahl der Haupt- und Nebenerwerbslandwirte drastisch zurückgegangen. Auch die Landfrauen selbst haben auf den Strukturwandel reagiert. „Heute kann jede Frau auf dem Lande Mitglied werden“, betont Krone: „Dazu gehören natürlich auch Städterinnen“. Ein bäuerlicher Hintergrund ist nicht mehr erforderlich, inzwischen sind alle Berufe vertreten.

Die Kreisvorsitzende Michaela Diedrich betreibt mit ihrer Familie schon seit elf Jahren keine Landwirtschaft mehr. Früher musste sie sich mit Hängern den Berg zu ihrem Rhumspringer Aussiedlerhof hochquälen, heute hängt in der Scheune ihres Rhumspringer Aussiedlerhofes eine riesige Disco-Kugel. Sie stammt aus der ehemaligen Landdisco Sham in Wulften. Diedrich, die als 18-Jährige zu den Landfrauen gestoßen ist („eine gute Schule für das Alter“), dort gut aufgenommen wurde und immer Spaß an der Sache hatte, zählt sich mit ihren 48 Lenzen noch zur jüngeren Landfrauen-Generation. Zwei Drittel der Mitglieder im Eichsfeld sind älter als 60 Jahre, die jüngsten drei 24-Jährige im erst 1973 gegründeten Landfrauenverein Rhumetal, zu dem die Orte Rhumspringe, Wollershausen, Lütgenhausen und Rüdershausen gehören. Als ältester Verein wurde vor 62 Jahren der Landfrauenverein Duderstadt gegründet, zu dem neben der Stadt und ihren Ortsteilen auch Seulingen und Seeburg gehören, vor 50 Jahren der Landfrauenverein Bodensee mit Lindau, Bilshausen, Krebeck und Renshausen.

Wie viele Vereine werden auch die Landfrauen von Nachwuchssorgen geplagt. „Es kommt kaum eine nach“, bedauert Diedrich. „Die Frauen gehen arbeiten, können aus einer Fülle von Freizeitangeboten schöpfen, Haus und Hof haben nicht mehr den Stellenwert wie früher“, teilt sie mit ihren Mitstreiterinnen Erklärungsversuche. Es gibt noch Handarbeitsgruppen, aber die Tanzgruppe des Gieboldehäuser Vereins musste ebenso wie der Duderstädter Landfrauenchor mangels Masse aufgelöst werden. Männer können die Lücken nicht füllen. „Natürlich schätzen wir unsere Männer“, lacht Diedrich: „Aber Männer können nun einmal nicht Mitglied werden.“

Auf die Frage, was die Landfrauen für junge Frauen attraktiv mache, nennt Diedrich gleich eine ganze Reihe von Stichworten: weniger strenge Vorgaben und eine breitere Themenausrichtung als andere Vereine, Zusammenhalt der Generationen, Radtouren, Ausflüge und Busfahrten, Gemeinschaft und herzliche Geselligkeit, Ernährung und Gesundheit, Entspannung und Fortbildung. Seit der Landesausstellung in Duderstadt werden Frauen in Kursen zu Stadtführerinnen ausgebildet, inzwischen auch Qualifizierungen zu Seniorenbegleiterinnen angeboten. Seit drei Jahren organisiert Diedrich jährlich eine „Nacht der Sinne“. Bei dem Wellnessprogramm für Frauen in der Heimvolkshochschule Mariaspring unterhalb der Burg Plesse geht es um Rhetorik, Tanz, Buchvorstellungen, um Anregendes für Sinne, Körper, Geist und Seele.

Die Landfrauen arbeiten mit der Ländlichen Erwachsenenbildung, dem Landvolk und der Landwirtschafskammer zusammen. Beraterinnen der Kammer nahmen an der sogenannten Winterschule teil, in der hauswirtschaftliche Themen unterrichtet wurden. Die Hauswirtschaft spielt bei den Landfrauen heute allerdings nicht mehr die Rolle, die sie noch in den 50er- und 60er-Jahren einnahm.

So erfolgte die Einladung zur Gründungsversammlung des Landfrauenvereins Bodensee vor 50 Jahren über die Landwirtschaftsschule Duderstadt. „Es war die Zeit noch voller Kassen, der Einbauküchen, Dorfgemeinschaftshäuser, gemeinschaftlichen Gefrier-, Wasch-, Schlacht- und Melkanlagen“, erinnern sich die Frauen. Es ging um Themen wie Vorratshaltung, Kleintieraufzucht, Garten oder Elektrogeräte im Haushalt.

Die Zeiten, als „Eichsfelder mit Kisten und Kasten hinten einsteigen“ auch für die Bäuerinnen auf dem Weg zum Markt galt, sind schon lange vorbei. Heute wird der „Tag des offenen Hofes“ unterstützt. Immer vielfältiger ist die Themenpalette geworden, hat sich auf allgemeine Lebensfragen, Psychologie, Politik, Soziologie, Kunst und Kultur ausgeweitet. Der erste Vortrag beim Landfrauenverein Rhumetal drehte sich 1973 um das richtige Waschen moderner Textilien, 1977 ging es um Allergien, in den Folgejahren unter anderem um Krebsvorsorge, Waldsterben, Organspenden, Gesundheitsreform, Ozonloch, Jugendmedienschutz – 1984 noch am „aktuellen Problem Video“ festgemacht, Gewalt in der Familie und Schadstoffe in der Wohnung, aber auch nach wie vor um die Lebenspraxis auf dem Land: Blumen stecken, Schnellkochtöpfe, vollwertige Ernährung oder das Überwintern von Kübelpflanzen.

Mit Frauenpower fesseln und interessieren, miteinander arbeiten, erkunden und genießen wollen die Landfrauen auch künftig. „Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, zu verstehen“, denn übermorgen sind auch wir 65 plus“, betont die 48-jährige Diedrich. Ihr Selbstverständnis und sich gegen Vorurteile wehrendes Selbstbewusstsein auf den Punkt bringt der Aufdruck der T-Shirts, die die Landfrauen im vergangenen Jahr in Duderstadt beim Erdbeerkuchen-Städteduell gegen Ratzeburg trugen: „Wir leben auf dem Land und nicht hinter dem Mond.“

Gutsfrau legt Grundstein

Die Gutsfrau Elisabet Boehm gründete 1898 in Rastenburg in Ostpreußen den ersten Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein und legte damit den Grundstein für die Landfrauenbewegung in Deutschland. Der Verein mit emanzipatorischem Anspruch, zu dessen Zielen Aus- und Fortbildungsförderung, Anerkennung hauswirtschaftlicher Arbeit als Berufsarbeit sowie Ertrags- und Absatzverbesserung in der Landwirtschaft gehörten, startete mit 15 Mitgliedern. Heute sind im Deutschen Landfrauenverband rund 550 000 Frauen in 22 Landesverbänden mit rund 430 Kreisverbänden und mehr als 12 000 Ortsvereinen organisiert. Der Niedersächsische Landfrauenverband mit Sitz in Hannover hat rund 70 000 Mitglieder, davon 650 im Altkreis Duderstadt.
Die Organisation der Landfrauen folgt weniger politischen Grenzen als gewachsenen Strukturen. Das gilt auch für den Duderstädter Kreisverband, dem vier über Gemeindegrenzen hinweg organisierte Ortsvereine angeschlossen sind. Zu den Frauen, die Pionierarbeit im Untereichsfeld leisteten, gehören Irmgard Zapfe, Maria Biermann, Maria Niesmann und Sabine Sonntag als jeweils erste Vorsitzende nach Gründung der jeweiligen Ortsvereine.

Mit den topaktuellen Themen Hofläden, Direktvermarktung und Regionalisierung schließt sich übrigens ein Kreis zu den Anfängen der Landfrauenbewegung. Ein wichtiges Ziel der ostelbischen Gutsfrau Elisabet Boehm, die von 1916 bis 1929 Vorsitzende des Reichsbundes Landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine als Vorläuferorganisation des Deutschen Landfrauenverbands gewesen ist, war die Errichtung von Verkaufsstellen. Sie sollten dazu dienen, Bäuerinnen die Vermarktung ihrer Erzeugnisse zu ermöglichen und die Versorgung der Stadtbevölkerung mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu verbessern.