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Duderstadt Zum Kaffee bei Karl Lagerfeld
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13:49 22.02.2019
Wolfgang Windhausen mit seiner Lagerfeld-Zeichnung.
Wolfgang Windhausen mit seiner Lagerfeld-Zeichnung. Quelle: NE
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Duderstadt

Nur postkartengroß und versehen mit wenigen sehr wohlgesetzten Strichen ist das Stück Papier, das Wolfgang Windhausen vorsichtig aus einer Schutzfolie nimmt. Es zeigt die Zeichnung einer apart gekleidete Dame mit Hut – Pariser Stil, möchte man auf den ersten Blick sagen. Daneben: ein Stempel mit den Initialen „KL“ und einige Zeilen Text.

„Für Wolfgang Windhausen, beste Grüße aus Paris, Karl Lagerfeld.“ Mit diesen Worten hat Lagerfeld das kleine Werk signiert, das er dem Duderstädter 1979 schenkte. „Das war eigentlich eine Zeichnung zwischen Tür und Angel“, erinnert sich Windhausen an das Treffen mit dem großen Karl, den er als ziemlich kleinen Mann in Erinnerung hat. Als einen, der ihn freundlich zum Kaffee eingeladen hat, obwohl sich die Männer gar nicht kannten.

Tausende Original-Autogramme, Fotografien, Kunstwerke befinden sich im Besitz Windhausens, der sich auch als Schriftsteller einen Namen gemacht hat und als Menschenrechtler mit Auszeichnungen bedacht wurde. Derzeit löst er einen Teil seiner Sammlung auf. Einiges sei nach Berlin gegangen, anderes als Geschenke an Menschen, von denen er wisse, dass sie sich freuen. Einen Teil habe er der Duderstädter Bürgerstiftung angeboten. Die jedoch habe abgelehnt. Womöglich kenne sich dort niemand genügend mit Kunst aus, um den Wert zu erkennen, vermutet der 69 Jahre alte Duderstädter. Jedenfalls sei das Konvolut aus rund 50 Jahren Sammelleidenschaft bei ihm verblieben. Immerhin habe vieles Einzug in sein Fotobuch gefunden, einen Band den Windhausen im Selbstverlag veröffentlicht hatte.

Treffen mit Sartre und Dietrich

Darunter auch zahlreiche Erinnerungsstücke aus Paris. „Ich war ab Mitte der 1970er-Jahre ein großer Paris-Fan“, erklärt der, der auch regelmäßig in Berlin war, um Stars der Kulturszene zu treffen. Drei-, viermal im Jahr sei er früher nach Frankreich gereist, immer für einige Tage. Und immer vorbereitet: Von Duderstadt aus habe er die Menschen dort angeschrieben, die ihn interessierten. Wenn Termine zustande kamen, traf er sich vor Ort mit den ganz großen, um sich „auf Deutsch, Englisch und Französisch durchzuschlagen.“ Manchmal habe er auch einfach Adressen herausgefunden, geklingelt und gehofft, der Concierge würde ihn durchlassen. Oft habe es geklappt: Jean-Paul Sartre, Marlene Dietrich, ... Windhausen nennt viele berühmte Namen, mit denen er kleine Erinnerungen verbindet.

Fotograf Windhausen trifft Fotograf Lagerfeld

Und eben Lagerfeld. Auch bei ihm sei es so gewesen, dass er ein Billet mit einer Adresse erhalten habe. Vom Hotel aus habe er sich auf den Weg gemacht, um am 27. Februar 1979 um 15 Uhr den Modeschöpfer zu treffen, den er als Fotograf sehr geschätzt habe. Windhausen fotografiert selbst. Sein Interesse für Kunst und Kultur zeigt sich in den Regalen seiner Wohnung, allen Wänden, jeder freien Stellfläche.

„Eigentlich verschenkte Lagerfeld keine Zeichnungen“, habe er damals gedacht – und sei eines Besseren belehrt worden. Denn an einem Tisch „zwischen wahnsinnig vielen Stiften“ habe Lagerfeld seinen Wunsch nach einer Zeichnung mit einer persönlichen Widmung erfüllt: „Es war schon faszinierend, beim Entstehen des Bildes zuzusehen“, erinnert sich Windhausen. Zunächst habe er nur die Umrisse erkannt, die teils nur angedeutet waren, dann sei daraus eine Frauenfigur geworden in sehr außergewöhnlicher Kleidung. „Ich wollte immer mal nachsehen, ob Lagerfeld in der Zeit ein solches Kleid entworfen hat“, sagt Windhausen. Derzeit sei ihm dies aber nicht möglich.

Rund eine halbe Stunde habe er mit Lagerfeld verbracht, erzählt Windhausen. Als er in dieser Woche die Nachricht vom Tod des Modeschöpfers erhalten habe, sei ihm einmal mehr durch den Kopf gegangen, wie das Treffen mit ihm verlaufen war. Ähnlich sei es ihm jüngst gegangen, als er gehört hatte, dass Bruno Ganz gestorben war. Oder 2013 mit Otto Sander.

Mit all diesen Kunstschaffenden verbindet Windhausen einen Moment. In Paris bei Lagerfeld habe es Kaffee gegeben, ein Gespräch über Fotografie und einen gemeinsamen Blick auf die im Entstehen begriffene Kollektion – und drei Flaschen Parfum. Die habe ihm Lagerfeld geschenkt. Anders als die Zeichnung habe er die Duftwässerchen allerdings nicht aufgehoben, sondern benutzt: „ziemlich lange sogar“.

Von Nadine Eckermann