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Duderstadt Zu Fuß vom Eichsfeld nach Santiago de Compostela
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23:06 20.09.2009
Symbolisches Abladen von Schuld: Matthias Völkel (rechts) legt einen Stein, den er aus Hilkerode mitgeschleppt hat, am Cruz de Ferro nieder.
Symbolisches Abladen von Schuld: Matthias Völkel (rechts) legt einen Stein, den er aus Hilkerode mitgeschleppt hat, am Cruz de Ferro nieder.
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Hilkerode. Der Handwerker steht bei Matthias Völkel vor der Tür, um den Wintergarten zu bauen. Der Förster ruft an, weil er Belange der Realgemeinde erörtern will, deren stellvertretender Vorsitzender Völkel ist. Der Alltag hat den Jakobspilger wieder eingeholt. „Doch ganz zu Hause angekommen, bin ich noch nicht“, bekennt der 60-Jährige. Zu tief haben ihn die Erlebnisse während seiner dreieinhalb Monate auf der Straße aufgewühlt.

Esel Birk (11), den er sich als Reisebegleiter erkoren hatte, machte bereits während des Marschs durch Deutschland schlapp. Das Tier wollte seine Hufschuhe nicht tragen. Doch um ohne Schutz weite Strecken über harten Untergrund zu laufen, waren seine Hufe zu weich. Das Tier brauchte zudem viel Aufmerksamkeit. Vier mal am Tag machte ihm Völkel die Hufen sauber, striegelte ihn täglich. Der Esel benötigte ausreichend Gras, Kraftfutter und Wasser. Entfernte sich Völkel, geriet das Langohr in Panik und begann in seinem Elektrozaungehege wie ein Tiger im Käfig ruhelos hin und her zu laufen.

Abschied von Esel Birk

Als Völkel in Karlsruhe einmal in einer Kaserne schlafen durfte, ging der Esel die ganze Nacht im Kreis. Am nächsten Morgen bildete das ausgetretene Gras einen Fisch, wie ihn manche Christen am Auto tragen. Der Berufssoldat bat seine Frau, mit der er jeden Abend per Handy telefonierte, den sensiblen Esel abzuholen.

Völkel lief weiter, jeden Tag 30, 40 Kilometer. Morgens um 6 Uhr ging es los. Abends gegen 18 Uhr suchte er sich eine Unterkunft. In Deutschland, wo er gerade einmal zwei andere Pilger traf, schlug er sein kleines Zelt, sein „Dackelhotel“, wie er es nennt, abseits der Landstraßen auf. In Frankreich, wo das verboten ist, war er auf Campingplätze und Hotels angewiesen. Nicht immer war etwas frei. Häufig musste er zum nächsten Ort laufen. „Nach 30 Kilometern noch mal acht Kilometer weiterzuziehen, ist hart“, erzählt er.

Je näher er Santiago de Compostela kam, um so mehr Touristen-Pilger waren unterwegs. Völkel, der während seines Marschs durch Frankreich zeitweise stundenlang keinen anderen Menschen gesehen hatte, empfand die Massen als unangenehm.

Die Konkurrenz um die begrenzte Zahl von Schlafplätzen in den Pilgerherbergen wurde härter. Der 60-Jährige, der in den dreieinhalb Monaten 14 Kilogramm Körpergewicht verloren hat, startete nachmittags durch, um den Pulk möglichst weit hinter sich zu lassen. Trotzdem passierte es ihm in Spanien, dass er nur noch in Notunterkünften Unterschlupf fand. Zum Teil schlief er mit 100 anderen Pilgern in Turnhallen, teilte sich mit ihnen zwei Toiletten und vier Wasserhähne. In solchen Momenten fragte er sich: „Warum tust du dir das an?“ Doch mit eisernem Willen ging er weiter. Er wollte die ganze Strecke schaffen.

Weil Völkel abends oft keine Möglichkeit mehr zum Einkaufen fand, trug er immer Lebensmittel für anderthalb Tage bei sich. Die zweieinhalb Liter Wasser, die er sich morgens in Flaschen füllte, waren bereits mittags leergetrunken. Wäsche wusch er jeden Tag mit der Hand. „War sie hellbraun, hängte ich sie zum Trocknen an die Leine“, amüsiert er sich. Am nächsten Morgen befestigte Völkel noch feuchte Kleidungsstücke am Rucksack. Wie ein Landstreicher kam er sich dann vor. Kaum beschreiben kann er, wie er einmal nach langer Zeit in einem Hotel wieder ein frisches, strahlend weißes, duftendes Handtuch bekommen hat. Ihm bricht noch heute die Stimme.

Viel Zeit zum Nachdenken

Für die kleinen Dinge im Leben dankbar zu sein, habe er unterwegs gelernt, sagt Völkel. Während des stundenlangen Gehens hatte er viel Zeit, über sein Leben nachzudenken. Immer wieder besuchte er Kirchen, zündete Kerzen an und nahm an Messen teil. Auf der Straße sprachen ihn Unbekannte an, die ihn an seiner riesigen Jakobsmuschel als Pilger erkannten. Manche luden ihn zum Essen ein. Sehr eng war der Kontakt zu anderen Langstrecken-Pilgern. International ging es bei ihnen zu. Völkel spricht englisch und italienisch und beherrscht einige Brocken Französisch: „Oft konnte ich nicht sagen, welche Sprache ich gerade benutzte.“

Strapazen ertragen

Mit einigen ging er ein paar Tage zusammen. Dann trennten sie sich, um sich Wochen später zufällig an anderer Stelle erneut zu treffen. Dann war die Wiedersehensfreude groß. Sie schrien laut und lagen sich lange in den Armen. Die gemeinsam ertragenen Strapazen schweißten die Pilger zu einer Gemeinschaft zusammen.

Eine Frau berichtete ihm von einem jungen, großen Deutschen mit Brille. Als er lange Zeit später einen Deutschen sah, auf dem die Beschreibung passte, sprach er ihn an: „Hallo Jonathan, wie geht es dir?“ Der fiel aus allen Wolken: „Woher kennst du mich?“

Viel Stoff für Gespräche bot ein polnisches Ehepaar, das von Tschenstochau nach Santiago pilgerte. Er fuhr auf der Straße Rad, sie nahm den Pilgerweg, verlief sich aber mehrmals und musste dann von der Polizei gesucht werden. Zwei Wochen ging Völkel mit einem französischen Richter zusammen. „Ich kochte abends, er wusch manchmal ab“, erzählt er.

Noch heute bekommt der Hilkeröder Mails und SMS von Pilgern, mit denen er sich unterwegs anfreundete. Völkel liest ein paar vor. Sie klingen belanglos. Dem Außenstehenden sagen die Städtenamen und Zeitangaben nichts. Aber bei Völkel werden sofort Erinnerungen an endlos steile Wege, Blasen an den Füßen, überfüllte Herbergen und Unbilden des Wetters wach. Er sucht nach Kugelschreiber und Papier. „Ich muss meinem Freund nachher unbedingt noch diese Unterkunft empfehlen. Sie war großartig“, erklärt er. Dann blickt er auf und meint: „Bis ich das alles verarbeitet habe, wird viel Zeit vergehen.“

Von Michael Caspar

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