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Duderstadt Zufluss zum Seeburger See eine braune Brühe
Die Region Duderstadt Zufluss zum Seeburger See eine braune Brühe
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18:25 17.07.2013
Große Bedenken: Wolfgang Behrens blickt sorgenvoll auf den den Seeanger, in dem Düngemasse und Sedimente lagern.
Große Bedenken: Wolfgang Behrens blickt sorgenvoll auf den den Seeanger, in dem Düngemasse und Sedimente lagern. Quelle: Thiele
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Seeburg

Nach den starken Regenfällen im Juni sei der schmale Bach sehr voll gewesen. Karpfen und Forellen hätten sich aus dem See hierher verirrt. Doch dann sei das Wasser aus dem Regenrückhaltebecken am Seeanger in die Aue geströmt.

„Die Aue verwandelte sich in eine stinkende Brühe, in der kein Fisch überlebte. Seit dem Wochenende 22./23. Juni ist der Bach tot“, beschreibt Behrens den Notstand.

Fabian Knöchelmann, Wasserwart des Angelsportvereins ASV Seeburger See, habe sofort die Feuerwehr informiert, aber die habe ohne nachweislichen Verursacher nichts ausrichten können. Er sei kein Wissenschaftler, sagt der Maurermeister Behrens, aber die Fakten seien doch bedenklich.

Für den Schaden kam  – wie immer – der Angelsportverein auf, der zuvor für etwa 1000 Euro im Jahr den Fischbestand aussetzte – und dann die toten Fische einsammeln musste.

Die Angler hätten schon im Jahr 2002, als das Regenrückhaltebecken am Seeanger gebaut wurde, Bedenken geäußert. Dass diese berechtigt gewesen seien, sieht Behrens in seinen eigenen Beobachtungen und Messungen bestätigt. „Früher gab es eigentlich nie Muschel- oder Fischsterben oder zu viele Blaualgen.

Fehlplanung des Rückhaltebeckens

Dass solche Probleme seit dem Bestehen des Rückhaltebeckens vermehrt auftreten, mag Zufall sein, aber ich finde das verdächtig“, beklagt er. Dabei gehe es hier nicht nur ums Geld, sondern vor allem um naturschutzrelevante Missstände.

Die Gründe dafür vermutet ASV-Mitglied und Arzt Manfred Messerschmidt in einer Fehlplanung des Rückhaltebeckens, das als Hochwasserschutz gedacht war und den Sedimenteintrag in den See gering halten sollte.

Messerschmidt verweist auf die Diplomarbeit von Gabriele Heise aus dem Jahr 1987 an der TU Berlin zum Thema „Renaturierung des Auebeckens östlich von Göttingen“. Heise stelle klar, dass der Wasserlauf der Aue nur mäanderförmig effektiv und umweltschonend sein könne.

„In Mäandern verringert der Fluß seine Fließgeschwindigkeit. In dem schlangenförmigen Wasserlauf finden Fische Rückzugsgebiete. Bäume sorgen für Beschattung und halten die Wassertemperatur gering.

Beim Bau des Rückhaltebeckens hat man auch den Lauf der Aue verändert, und zwar nicht in Mäanderform, sondern geradlinig“, erklärt Messerschmidt.

Sedimente und Düngemasse vermodern

Tatsächlich durchzieht heute ein schnurgerader Auelauf den Seeanger und bietet bei Hochwasser in einem tellerförmigen Umfeld Platz zum Überlaufen. „Die Folge ist, dass hier alles lagert: Sedimente, Düngemasse, alles vermodert zu einer stinkenden, todbringenden Brühe“, sagt Behrens.

Außerdem sei vereinbart worden, auch die alten Auearme in den Wasserverlauf einzubinden. Nun blicken die Angler auf den neuen geraden Auelauf, der nach etlichen regenfreien Tagen immer noch Faulschlamm in den See treibt. Der daneben liegende alte Auearm führt dagegen gar kein Wasser.

Nicht nur die faulige Schlammmasse in der Aue führen die beiden Seeburger auf die vermeintlichen Fehlplanungen beim Bau des Rückhaltebeckens zurück. Auch die hohe Wassertemperatur sehen sie hier begründet. „Vor dem Beckenbau war die Aue auch im Hochsommer nie wärmer als 14 bis 15 Grad.

Sie durchfloss den im Sommer erwärmten Seeburger See, und in der kühlen Strömung fanden die Fische ihre Rückzugsgebiete“, weiß Messerschmidt. Diese Temperatur halte sich bis heute im Bachlauf vor dem Rückhaltebecken. Dahinter messen die Angler jetzt zwischen 20 und 29 Grad.

Wasserqualität für Badegäste nicht beeinträchtigt

Das warme Wasser fließe in den See und bedeute Stress für die Fische. Stress mache sie anfällig für Krankheiten wie Herpes, erklärt Messerschmidt und verweist auf das große Aalsterben 2006.

„Wir würden uns ein unabhängiges Gutachten wünschen, das wissenschaftlich begründet aufklärt, wie es zu diesen Missständen kommt“, sagt Behrens.

Zumindest für Badegäste sei die Wasserqualität bisher nicht beeinträchtigt, bestätigen sowohl Christel Wemheuer vom Umweltdezernat Göttingen als auch Eckart Mayr als Leiter des Göttinger Gesundheitsamtes, das für die Messungen verantwortlich ist.

„Die Ergebnisse vom 25. Juni waren unauffällig, und die Messungen erfolgen regelmäßig in kurzen Abständen“, so Mayr. 

„Es kommt immer darauf an, wo man misst"

Messerschmidt weist jedoch darauf hin, dass der Auezufluss etwas rechts vom Schwimmbad liege. Und entgegen der landläufigen Vorstellung vermische sich das zufließende Wasser nicht sofort mit dem See und werde verdünnt, sondern treibe als Strömung durch den See.

„Es kommt immer darauf an, wo man misst. Direkt am Steg ist die Strömung der Aue nicht so deutlich“, sagt er. Als Arzt würde er aber davon abraten, beim Schwimmen Seewasser zu schlucken.

Das Aue-Problem sei dem Umweltamt Göttingen bekannt, es werde nach einer Lösung gesucht, sagt Umweltamtsleiter Nobert Schulz. Zwei Fachbüros, eines zum Thema Wasserwirtschaft, ein weiteres mit biologischem Schwerpunkt, seien inzwischen mit Gutachten beauftragt worden.

„Wir arbeiten mit allen zuständigen Behörden und Umwelteinrichtungen an einem Konzept“, so Schulz.

Von Claudia Nachtwey