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Duderstadt Zwei Glocken erklingen in Kirche zum Verlieben
Die Region Duderstadt Zwei Glocken erklingen in Kirche zum Verlieben
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19:26 29.08.2011
Kuschelig klein: 130 Plätze bietet die evangelische Kreuzkirche in Lindau, die frühere Martin-Luther-Kapelle.
Kuschelig klein: 130 Plätze bietet die evangelische Kreuzkirche in Lindau, die frühere Martin-Luther-Kapelle. Quelle: Pförtner
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Es ist eine Kirche zum Verlieben. Und eine Kirche für Verliebte, wie Küsterin Christine Hahn stolz berichtet: Für Hochzeiten werde sie immer wieder gebucht. Kein Wunder – mit ihren rund 130 Plätzen einschließlich der Orgelempore ist sie kuschelig klein. Die Verwandtschaft des Bräutigams auf der einen, die der Braut auf der anderen Seite: Ein volles Haus ist garantiert.

Dabei war es anfangs ein harter Kampf, den Bau einer evangelischen Kirche im katholisch geprägten Lindau durchzusetzen. 1892 wurde die Genehmigung einer Kapellengemeinde für die evangelisch-lutherischen Einwohner von Lindau erteilt. Doch der Plan, ein eigenes Gotteshaus zu errichten, wurde zunächst von der zuständigen Behörde abgelehnt.

Dennoch kam es 1894 zur Grundsteinlegung, nachdem evangelische Bürger Lindaus erhebliche Summen für die Baukosten zur Verfügung gestellt hatten. 1895 wurde die Kirche geweiht, zunächst auf den Namen „Martin-Luther-Kapelle“, später dann „Kreuzkirche“.

Der Bau fällt architekturgeschichtlich in die Zeit des Historismus. Entworfen hat die Kirche der Architekt Conrad Wilhelm Hase (1818-1902), einer der gefragtesten norddeutschen Architekten dieser Ära. Von Hase stammen unter anderem der Göttinger Bahnhof, die Innenraumgestaltung der Nikolaikirche in Göttingen, dazu die Bahnhöfe in Celle, Lehrte, Wunstorf, Oldenburg und Nordstemmen, die Marienburg bei Nordstemmen, in Hannover das Künstlerhaus und die Christus-, Apostel- und Erlöserkirche, um nur einige Beispiele zu nennen. In Göttingen hat er außerdem von 1880 bis 1901 die neugotische Restaurierung der Jacobikirche geleitet. Hase hat mehr als 300 Bauten im neugotischen Stil geplant, darunter rund 100 Sakralbauten. Dieser Stil wurde zu seinen Lebzeiten gern auch als „Hasik“ verunglimpft.

1960 hatte man, dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend, das Sichtmauerwerk und die Wandflächen mit grauer Farbe übertüncht. Damit wäre der Architekt Hase keinesfalls einverstanden gewesen. Ein Wahlspruch des Backstein-Fans lautete: „Putz ist Lüge.“ Doch rechtzeitig vor dem 100. Geburtstag des Baus 1995 wurde der ursprüngliche Zustand vollständig wiederhergestellt, so dass, wie es im gerade herausgekommenen neuen Faltblatt der Kreuzkirche Lindau treffend heißt, „die kleine Backsteinkirche in der Vollständigkeit und Stilreinheit ein besonderes, geschlossenes Zeugnis dörflichen neugotischen Kirchbaus ist.“ In der Glockenstube des Turmes, durch den man ins Kirchenschiff gelangt, hängen zwei Glocken. Mehr Platz ist nicht vorhanden

Die größere mit dem Schlagton h’ aus dem Jahr 1949 ist die jüngere von beiden. Sie trägt die Inschrift „Unseren Gefallenen 1939.1945 + Herr, lass sie ruhen in Frieden“. Gießerei war die Bochumer Firma BVG (Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation), die unter anderem 1936 die Glocke für die Olympischen Spiele in Berlin gefertigt hatte. Die kleinere Glocke mit dem Schlagton d” stammt aus dem Jahr der Weihe der Kirche. Ihre Inschrift lautet „Wandelt in der Liebe. Ephes. 5,2“, sie trägt den Gießereivermerk „Gegossen für die luth. Kirche zu Lindau von J. J. Radler u. Soehne in Hildesheim 1895“. Läuten diese beiden Glocken, nimmt man binnen kurzem den Verkehrslärm auf der Bundesstraße nicht mehr wahr. Erst mit dem Verklingen der Glockentöne kehrt das Rauschen und Brausen wieder störend ins Bewusstsein zurück.

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Von Michael Schäfer