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Duderstadt Zwei brennende Kirchtürme und mehr als 100 Tote
Die Region Duderstadt Zwei brennende Kirchtürme und mehr als 100 Tote
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18:50 11.08.2011
1915: Verzweifelt versuchen die Männer, das Feuer einzudämmen.
1915: Verzweifelt versuchen die Männer, das Feuer einzudämmen. Quelle: Gödecke
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1915: „Eine gewaltige Kerze im Himmel“

Sie schufteten und kämpften, doch das Feuer war zu wild, die Reihen der Brandwehr zu licht: Nur vier Jahre nach dem Feuer von 1911 wird die Brehmestadt wieder von einem Großbrand heimgesucht – erneut in einem trockenen Sommer, erneut gegen Mittag. Die Verheerungen sollten noch größer ausfallen als 1911. Es fehlte an Kräften: Rund 900 Männer waren beim Heer – der Erste Weltkrieg tobte. Diesmal war auch die frisch renovierte Unterkirche betroffen. Doch viel schlimmer: In Folge des Flammenmeers fand ein erst siebenjähriges Mädchen den Tod.

Es begann gegen 13.30 Uhr an einem Donnerstag, dem 17. Juni 1915. Der Brandherd befand sich in einem Hintergebäude auf der Spiegelbrücke. Bald standen auch die untere Marktstraße, die Löwengasse und Hinterstraße in Flammen, ein starker Nordwestwind war Schuld. Die Stallungen und Scheunen waren eng gebaut, schildert die „Zeitung fürs Eichsfeld“ und mit leicht brennbaren Stoffen gefüllt. Ein wahrer Funkenregen ergoss sich Richtung Unterkirche.

Bald loderte der Turm von St. Servatius „wie eine gewaltige Kerze zum Himmel“, beschreibt Karl Wüstefeld 1929 in seinem Buch „1000 Jahre Duderstadt“. Nach einer Stunde stürzte der Turm zusammen. Das Feuer hatte bereits auf das Innere, die Orgel und die Empore übergegriffen. „Gegen Abend bot die Kirche einen schauerlich schönen Anblick“ (Wüstefeld). Das Bauwerk brannte völlig aus. Auch in der Haber-, Schuhmarkt- und der Kurzen Straße entstanden Feuerherde.

In der Deppeschen Wirtschaft kam es zum Unglück: Eine Kohlensäureflasche explodierte, Steine und ein Holzstück flogen umher und trafen ein 50 Meter entfernt stehendes Mädchen am Kopf. „Kurz nach seiner Überbringung in die elterliche Wohnung gab das kleine schuldlose Wesen seinen Geist auf“, berichtet die Zeitung.

Um Mitternacht lag der Häuserblock in Schutt und Asche. Die aus Hannover eingetroffene Dampfspritze sowie eine weitere aus Northeim wurden zum Ablöschen verwendet. 39 Wohnhäuser und 68 andere Gebäude brannten nieder. Der Schaden: 1,5 Millionen Mark. Die Zeitung beschreibt: „Die ganze Stadt leidet unter dem Drucke dieses Unheils, umso mehr da die Wunden, die das Brandjahr 1911 geschlagen hat, noch keineswegs vernarbt sind.“

1852: „Nothschrei aus dem Flammenmeer“

Als die Türme von St. Cyriakus zu brennen begannen und dazu wie von Geisterhand die Glocken läuteten, war es an diesem Sonntag, dem 19. September 1852 um die Menschen der Stadt geschehen. Es ist ein Geräusch, das „in die Seele dringt“, schreibt ein Duderstädter Zeitgenosse namens Karl, dessen Brief an seinen Bekannten Georg erhalten ist. Die 15 bis 20 Schläge, „die die Glocken als einen letzten Nothschrei aus dem Flammenmeer sandten“, klangen „derart schauerlich klangen, daß viele Zuschauer tief erschüttert laut aufschrien und zu weinen begannen.“ Kurze Zeit später stürzte der Turm ein, das flüssige Metall der Glocken floss die Mauern hinunter, und zum Firmament stieg eine ungeheure Feuersäule: „Die Zierde der Stadt, dieses 458 Jahre alte Denkmal war dahin!“

Seinen Ursprung hatte dieses „schauderhafte Unglück“, an dessen Ende 140 Familien alles verloren hatten, bei der Zubereitung eines Abendessens. Im Gebäude eines Metzgers an der Ecke Jüden- und Hinterstraße begann es: Wie die Flammen von der Kochstelle, wo eine Frau gegen 19 Uhr arbeitete, übersprangen, ist ungewiss. Doch auch hier war es wieder der Wind, erst von Westen, dann drehend, der das Feuer verbreitete. Das „Flugfeuer“, also glühende Holzteile, trug die Flammen bis zur Oberkirche. Ein Speicher fing Feuer, das auf St. Cyriakus übergriff. „Der Evangelienglockenturm fing als erster Feuer, und als der prachtvolle Hauptturm und der Nebenturm von Flammen umleckt wurden, war an ... Rettung nicht zu denken“, heißt es im Brief des Zeitzeugen Karl. „Ein grausiger Anblick.“

Erst zwei Tage später gelang es, das Feuer einzudämmen, Karl, noch immer erschüttert: „Dir ein Bild dieses ungeheuren Feuermeeres, dieser Verwirrung vor Augen zu führen, ist nicht möglich; man kann etwas leben, aber nicht beschreiben... Die Not ist sehr groß. Dass das Rathaus noch steht, ist eine Fügung des Himmels.“ Das Dach der Kirche fehlte, acht Glocken waren geschmolzen oder zersprungen, die Turmuhr zerstört, doch das Innere blieb weitgehend verschont, sodass zwei Sonntage später ein Gottesdienst gehalten wurde.

108 Häuser brannten insgesamt ab, viele mit wertvollen Holzschnitzereien, dazu 162 Nebengebäude. Kurz vor Weihnachten war die Reparatur des Kirchendaches fertiggestellt. 1860/61 folgten die beiden Türme der Westfront – so erhielt das Gemäuer seine heutige Silhouette. Nur dort, wo sich das Gehöft befunden hatte, von dem das Feuer auf St. Cyriakus übersprang, wurde nicht gebaut. An der „Brandstelle“, wie sie genannt wurde – der Herwig-Böning-Platz – pflanzte man nur einen kleinen Baumpark.

1424: 340 Häuser und 100 Tote

Eine gemeißelte Inschrift am Westerturm kündet noch heute von einem Großbrand in der Karwoche des Jahres 1424, dem die Hälfte der Stadt, 340 Häuser zwischen Obertor und Westertor, und über 100 Menschenleben, zum Opfer gefallen sind. Nur 37 von ihnen konnten begraben werden.

Vielen von ihnen bezahlten den Versuch mit dem Leben, sich in eine Öffnung am Neutor, die Leerensche Rinne, zu flüchten. Die meisten von ihnen erstickten oder verbrannten. Nur ein Bürger, Bodo Zimmermann mit Namen, konnte sich retten, indem er ein Tor erklomm (unklar ist, ob das innere Neu- oder das Westertor), seine Kinder in einen Sack steckte und sie auf der anderen Seite hinab warf. Sie blieben an einem Baum hängen und so am Leben. Dann zerschnitt er seine Kleidung, knotete sie zusammen und ließ sich und seine Frau hinab.

Seinen Ausgangspunkt hatte dieser größte Brand der Stadtgeschichte morgens gegen 9 Uhr in der Scheune von Lüder Wrochthusen, der an der Oberkirche wohnte. Im Mittelalter war ein solcher Brand besonders schlimm, denn die Häuser hatten Stroh- und Schindeldächer. Und die Feuerspritze zum Löschen kam erst gegen 1500 auf. Es gab genaue Vorschriften, Löschdienst war Bürgerpflicht. Und doch brauchte es nicht lange, bis die halbe Stadt vom Ober- bis zum Westertor in Asche gelegt war. Nichts als ein Eckhaus beim Obertor und ein Vorhaus auf der Spiegelbrücke blieben übrig.

Das Feuer warf die wohlhabende Stadt um Jahrzehnte zurück. Nach dem Brand wurde die bebaute Fläche erweiterte, auf dass die Häuser nicht mehr ganz so dicht beisammen stünden. So entstand eine Neustadt (heute: Am Pferdeteich, Christian-Blank-Straße, Neutor und Kardinal-Kopp-Straße).

Von Erik Westermann