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Friedland „Das Tor nach Deutschland offen halten“
Die Region Friedland „Das Tor nach Deutschland offen halten“
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11:39 15.09.2019
Teilnehmergruppe der Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im Grenzdurchgangslager Friedland. Quelle: jes
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Friedland

Das Grenzdurchgangslager Friedland hat für Deutsche aus Russland eine besondere Bedeutung: Viele von ihnen verbrachten dort die ersten Tage in Deutschland. Seit 2007 begeht die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im Grenzdurchgangslager die Gedenkfeier, die an die Vertreibung der Wolgadeutschen im Jahr 1941 erinnert – in diesem Jahr unter dem Motto „Zukunft braucht Vergangenheit“.

Mehr als 250 Gäste bei der Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im Grenzdurchgangslager Friedland.

Friedland sei für viele der fast 300 Gäste die erste Station nach der Aussiedlung in Deutschland gewesen. „Und viele von Ihnen haben Friedland als den Ort in ihrem Gedächtnis bewahrt, der Ihnen ein Leben in Freiheit und Demokratie eröffnete und der am Anfang Ihrer erfolgreichen Integration in Deutschland stand“, sagte Lilli Bischoff, Vorsitzende der Landesgruppe Niedersachsen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR).

Verfolgte Volksgruppe

Das Motto der Gedenkfeier solle einerseits „an das unsägliche Leid meiner Landsleute in der Sowjetunion unter der Gewaltherrschaft des Diktators Stalin“ erinnern. Und es stehe andererseits für „Hunderttausende von Russlanddeutschen, die den Verfolgungen zum Opfer fielen“ – sie dürften nicht vergessen werden. 1991 sei die Verfolgung der deutschen Minderheit in der einstigen UdSSR von Russland per Gesetz als unter Stalin verfolgte Volksgruppe anerkannt worden.

Auf die Verfolgung und Vertreibung ging auch Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler (CDU), ein. In seinem verlesenen Grußwort ging er auf die 1924 in der Sowjetunion (UdSSR) gegründete Autonome Republik der Wolgadeutschen ein. 1941, nach dem Angriff der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurden die Russlanddeutschen dafür bestraft. Thümler: „Der von der Sowjetführung verfügte Deportationserlass markierte den schlimmsten Einschnitt in Ihre Volksgruppe.“

Besondere Verpflichtung

Wer damals nicht umgesiedelt werden wollte nach Sibirien oder Kasachstan, wer die Deportation in todbringende Lager fürchten musste, musste fliehen. Und diese Situation hatten nicht nur die Einwohner der Wolga-Republik, sondern alle Deutschen in der Sowjetunion, so Prof. Bernd Fabritius in seiner Festrede. Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, verwies darauf, dass immer noch Spätaussiedler aus Russland aufgenommen werden: „Die Bundesregierung steht zu ihrer besonderen Verpflichtung, das Tor nach Deutschland offen zu halten.“ Aber die Bundesregierung unterstütze auch die in Russland Heimatverbliebenen beim Auf- und Ausbau von deutschen Organisationen sowie mit Bildungseinrichtungen fürs Erlernen der deutschen Sprache.

„Vertriebene und Verbliebene sind Brückenbauer“, betonte Fabritius. Sie vermittelten von Russland nach Deutschland oder umgekehrt. Den Aspekt hatte auch Thümler angesprochen mit Blick auf den Dialog mit Russland: „In einem gemeinsamen Europa sollte zum Konsens gehören, dass demokratisch gewählte Regierungen die Menschenrechte achten und demokratische Grundsätze garantieren.“

Fabritius fordert Rentengerechtigkeit

Johann Thießen, LmDR-Bundesvorsitzender, erkärte in der St. Norbert-Kirche am Rande des Grenzdurchgangslagers, die Bedeutung solcher Gedenkfeiern auch weiterhin: „Für die Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion ist es wichtig, die eigene Geschichte zu kennen.“ Sie zu vermitteln stärke die Identität und den Zusammenhalt der Deutschen aus Russland.

Für die Russlanddeutschen im Rentenalter setzt sich Fabritius ein. Er forderte Rentengerechtigkeit für sie: Diese Ungerechtigkeit gelte es zu beseitigen. Dafür erhielt Fabritius starken Applaus. Mit Beifall wurden auch die Gesangseinlagen von Chören aus Berlin, Osterode und Wolfsburg bedacht. Deutschsprachige Lieder aus der alten Heimat gehörten dazu.

Der Dorfladen als Paradies

An der Gedenkfeier nahmen Gäste aus Niedersachsen, Hessen, Bayern und Berlin teil. Eugen Esch, Regionalkoordinator des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR), war mit einer Besuchergruppe aus Nürnberg angereist. Vor 14 Tagen war Esch erstmals in Friedland als Leiter einer Bildungsreise, die das Grenzdurchgangslager zum Ziel hatte.

Eugen Esch, Regionalkoordinator im Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland in Nürnberg, Teilnehmer der Gedenkfeier in Friedland. Quelle: jes

Friedland sei für alle Russlanddeutschen ein Begriff, so Esch, der als Zehnjähriger aus Kasachstan nach Deutschland kam. „Die meisten der Älteren sind in Friedland angekommen, und die meisten Jüngeren hören aus den Erzählungen in der Familie von Friedland. Dann wird auch erzählt, dass sich damals bei der Ankunft der Edeka-Laden hier im Ort als Paradies präsentierte“, so Esch.

Die 1943 geborene Erika Pfeifer kam am 23. Juli 1979 aus Tadschikistan mit Mann und Kindern nach Friedland: „Für drei Tage im Zuge der Familienzusammenführung. Und es war irgendwie ein Gefühl der Sicherheit da.“

Erika Pfeifer aus Wolfsburg: Teilnehmerin der Zentralen Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Friedland. Pfeifer kam im Zuge der Familienzusammenführung am 23. Juli 1979 nach Friedland aus Tadschikistan. Quelle: jes

Zu den Gedenkfeiern kommt Pfeifer regelmäßig, auch um dann als passives Mitglied ihren Chor zu unterstützen. Die Erinnerung an die Geschichte und das Schicksal der Wolgadeutschen sei wichtig, aber sie, so die in Wolfsburg lebende Pfeifer, ist „vom Herzen her mehr hier zu Hause“.

Einladungsmanifest und Verbannungsdekret

1763 begann die Masseneinwanderung deutscher und anderer Ausländer nach Russland ausgelöst durch das Einladungsmanifest von Zarin Katharina II. Es entstehen verschiedene deutsche Kolonien, davon 104 an der Wolga. Dort wird am 20. Februar 1924 die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen ausgerufen. Pokrowsk, später Engels, wird die Hauptstadt. 1939 werden in der Sowjetunion 1,4 Millionen Deutsche gezählt.

Am 22. Juni 1941 greift das von den Nationalsozialisten regierte Deutschland die Sowjetunion an. Am 28. August 1941 wird die Aussiedlung der Deutschen aus der Wolgaregion beschlossen. Die Deutschen in Russland werden deportiert, ihre kulturellen Institutionen aufgelöst. 1948 wird die Verbannung auf ewig per Dekret festgeschrieben, wer den Aufenthaltsort unerlaubt verlässt, dem drohen 20 Jahre Zwangsarbeit.

1958 beginnt die Familienzusammenführung in der Bundesrepublik Deutschland. 1964 erfolgt in der Sowjetunion eine Teilrehabilitierung der Russlanddeutschen. Im Zuge der Ost-West-Entspannung beginnt 1971 die Ausreise nach Deutschland. Bis 1982 kommen mehr als 70000 Menschen, viele von ihnen haben ihre erste Station in Deutschland im Grenzdurchgangslager Friedland im Landkreis Göttingen.

Von Angela Brünjes

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