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Friedland Geschichte von Flucht und Integration
Die Region Friedland Geschichte von Flucht und Integration
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00:30 04.03.2018
Lesung mit Philipp Ther, der im Grenzdurchgangslager Friedland sein neues Buch vorstellt. Quelle: Christina Hinzmann
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Friedland

In seinem Buch beschreibt Ther historische Flüchtlingskrisen, ihre Verläufe und Nachwirkungen. Um die Geschehnisse für den Leser zu veranschaulichen, recherchierte der Autor einzelne Flüchtlingsschicksale aus verschiedenen Epochen der Geschichte. Eine Erkenntnis des Historikers ist, dass sich die Fluchtursachen im Verlauf der Zeit veränderten: In der frühen Neuzeit seien Menschen in Europa meistens vor religiöser Verfolgung geflohen.

Politische Verfolgung als Fluchtgrund der jüngeren Geschichte

Mit dem Aufkommen des Nationalstaates im 19. Jahrhundert habe sich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe zum häufigsten Fluchtgrund entwickelt. Dies sei in der Flucht und Vertreibung von 30 Millionen Menschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg gegipfelt. Ein weiterer Fluchtgrund der jüngeren Geschichte sei die politische Verfolgung. Letzterer gelte seit dem Kalten Krieg für einen großen Teil der weltweiten Flüchtlinge, sagt Ther. In seinem Buch beschreibt der Historiker nicht nur die Vorgeschichte von Flüchtlingen und deren Flucht, sondern auch ihr neues Leben und ihre Integration in eine neue Gesellschaft.

Aufnahmebereitschaft der Länder

Ein weiterer entscheidender Aspekt für Menschen auf der Flucht sei die Aufnahmebereitschaft der Länder, erklärt Ther. Diese hänge sehr von der wirtschaftlichen Lage des jeweiligen Landes ab: Wenn Arbeitskräfte gebraucht werden, seien Länder eher zur Aufnahme bereit. Für die Integration sei Arbeit ein wesentlicher Faktor. Hier sieht der Wissenschaftler heutzutage ein Problem: In Europa habe sich der Arbeitsmarkt sehr spezialisiert und es gäbe immer weniger Arbeit für Geringqualifizierte. So seien die Hindernisse auch für Flüchtlinge mittlerweile sehr hoch. Aber auch die zunehmende Vernetzung der Welt behindere die Integration. So könnten Einwanderer durch Satelliten-TV und Internet leicht Medien aus der Heimat konsumieren und die Berührungspunkte mit der neuen Heimat minimieren. Hinzu kämen politische Impulse, die sich negativ auf die Akzeptanz der Neuankömmlinge durch die heimische Bevölkerung auswirkten. Als Beispiel nannte Ther seine Heimat Österreich, in der Entscheidungen der Regierung sogar desintegrierend wirken könnten.

Flüchtlingskrise von 2015 „nicht außergewöhnlich“

Nach der Lesung konnte das Publikum Fragen stellen und mit dem Autor diskutieren. Dabei ging es insbesondere um die sogenannte „Flüchtlingskrise“ in Europa von 2015 und deren Bewertung im Kontext vergangener Massenfluchten. Ther erläuterte, dass die heutige Situation der Flüchtlinge historisch betrachtet nicht außergewöhnlich sei. Allerdings schätze er, dass die Krise in Syrien noch viele Jahre anhalten wird und die Flüchtlinge sobald nicht in ihre Heimat zurückkehren können werden. Grundsätzlich sei schwer vorauszusagen, wie es mit den Flüchtlingen in Deutschland und Europa weitergehe.

Von Max Brasch

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