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Friedland 30 Jahre Grenzöffnung: Anwohner feiern historisches Ereignis mit emotionaler Fackelwanderung
Die Region Friedland 30 Jahre Grenzöffnung: Anwohner feiern historisches Ereignis mit emotionaler Fackelwanderung
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10:36 24.11.2019
Im Ortskern von Kirchgandern versammeln sich Hunderte zum Start der Fackelwanderung in Richtung Besenhausen. Quelle: Markus Riese
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Kirchgandern/Friedland

Mit einer stimmungsvollen Fackelwanderung haben mehrere Hundert Einwohner aus Kirchgandern, Friedland und den umliegenden Ortschaften am späten Nachmittag des 23. November an die Öffnung der Grenze beim Rittergut Besenhausen am 18. November 1989 erinnert. Dass so viele Menschen daran teilnehmen würden, überraschte sogar die Veranstalter.

„Wir ziehen in den Frieden“

Bei der Ankunft im „Schafstall“ des Rittergutes Besenhausen zeigen sich die Bürgermeister Kirchganderns und Friedlands, Frank Wandt und Andreas Friedrichs, sichtlich beeindruckt von der Menschenmenge, die in den Saal drängt.

Mit einer bewegenden Fackelwanderung feiern mehrere Hundert Einwohner aus Kirchgandern, Friedland und den umliegenden Ortschaften die Erinnerung an das historische Ereignis Grenzöffnung.

Auch Gastgeber Detlev Flechtner hatte das so nicht erwartet: „Das sind ja mindestens 250 Menschen hier, eher mehr“, überschlägt er. Viele von ihnen hatten sich bereits eine gute Stunde zuvor in der Pfarrkirche St. Martin in Kirchgandern zu einer ökumenischen Andacht versammelt. Als diese zu Ende geht, wird vor der Kirche eine Fackel nach der anderen entzündet. Einige Teilnehmer haben auch Laternen oder Kerzen dabei. Als sich die Menge in Bewegung setzt, läuft über eine Lautsprecherbox der Udo-Lindenberg-Titel „Wir ziehen in den Frieden“ – der erste von vielen Gänsehaut-Momenten dieses besonderen Spätnachmittags.

Dort, wo vor gut 30 Jahren Deutschland noch getrennt war, hält die Menge inne. Eine Kapelle spielt zwei Musikstücke, eines davon ist das Niedersachsenlied, dessen Chorus Friedrichs leidenschaftlich mitträllert. Die Menschen klatschen; auch die vielen Thüringer, die an diesem Tag dabei sind. Eine kleine Geste mit einer großen Aussage – zeigt sie doch, dass hier niemand mehr in Grenzen denkt. Wandt hält eine kurze Ansprache, der Kirchganderner Autor Karl-Horst Nolte trägt ein vor 30 Jahren entstandenes Gedicht mit Gedanken zum Mauerfall vor. Kurz danach steigen unter Applaus weiße Ballons auf.

Und dann passiert etwas, das eigentlich gar nicht zum Ablaufplan gehört: Feuerwehrleute öffnen die Absperrungen einer Baustelle, die hier zufällig gerade eingerichtet ist und zu den Straßenbauarbeiten an der heutigen Landesstraße 566 gehört. Die Menge setzt sich wieder in Bewegung – und erreicht den einstigen Westen. Manch einer muss sich eine Träne wegdrücken, das ist in der Dämmerung noch ganz gut zu erkennen.

Wenig später dann die Einkehr auf dem Rittergut Besenhausen, wo zunächst „Die Eichenberger“ aufspielen, während über einen Projektor Fotos aus der Wendezeit in Dauerschleife laufen. Ältere Besucher erklären ihren Kindern und Enkeln, wie das damals war.

Und das tun auch Friedrichs, Wandt und Flechtner, die gemeinsam mit dem früheren Kirchganderner Bürgermeister Wolfgang Sieling, dem ehemaligen Kreisrat des Landkreises Göttingen, Rolf Parr, und dem 29-jährigen „Wendekind“ Sebastian Kastner an einer unterhaltsamen Gesprächsrunde teilnehmen.

Kleine und große Probleme der Teilung

Kastner erzählt, wie selbstverständlich es für ihn stets war, in Freiheit aufzuwachsen – und lauscht den vielen kleinen Anekdoten der älteren Diskussionsteilnehmer. Etwa, wie am frühen Morgen des 18. Januar mit Bier und Schnaps in der Kneipe angestoßen wurde. „Niemand war betrunken, nur trunken vor Freude“, strahlt Parr, als er sich daran erinnert. Manches erscheint sehr banal – wie die Probleme bei der Beschaffung von Fünf-Mark-Scheinen für das Begrüßungsgeld. Anderes mutet sehr viel dramatischer an – insbesondere die Schilderungen von Sieling zur Situation in den 60er-Jahren, nach dem Mauerbau also.

Viele der Geschichten wirken heute sehr weit weg, fast ein bisschen unwirklich. Und doch hören die Besucher gebannt zu, nicken zustimmend, applaudieren immer wieder. „Geschafft wurde der Mauerfall durch eine friedliche Revolution, und dafür können wir heute alle sehr dankbar sein“, fasst Wandt die Gemütslage schließlich treffend zusammen.

Besenhausen: Dramatische Zeiten in der Grenzregion

Das Rittergut Besenhausen, auf dem die Feierlichkeiten zu „30 Jahre Grenzöffnung“ mit vielen Gesprächen ausklangen, hat in der deutsch-deutschen Geschichte eine besondere Bedeutung: Nach dem Potsdamer Abkommen von 1945 sollte die Demarkationslinie zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone direkt durch das Gutsgelände laufen. Demnach wären das Gutshaus und der Hof in die sowjetische, die Wassermühle, die Arbeiterhäuser und der Großteil der Ländereien in die britische Zone gefallen. Wäre dies wirklich so gekommen, würde es das Rittergut heute wohl nicht mehr geben. Tatsächlich kam es aber noch zu einem Tausch – die Grenze wurde um einige Hundert Meter verschoben, was das Gut mutmaßlich rettete. Direkt an der Landesstraße 566 steht bis heute das ehemalige Grenz- oder auch Zollhaus, das früher als Abfertigungsstelle genutzt wurde. Zwischen 1949 und 1956 wechselten hier mehr als zwei Millionen Menschen über die Grenze, bevor diese endgültig geschlossen wurde. Zu den Grenzanlagen in diesem Bereich gehörten später auch Selbstschussanlagen und Minen.

Von Markus Riese

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