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Friedland Jahresbilanz: 12000 Aussiedler und Geflüchtete im Grenzdurchgangslager Friedland aufgenommen
Die Region Friedland Jahresbilanz: 12000 Aussiedler und Geflüchtete im Grenzdurchgangslager Friedland aufgenommen
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17:50 23.12.2019
Diakon Hagop Shahinian und Lagerpastor Thomas Harms (Mitte) laden zweimal wöchentlich zur Andacht in die Lagerkapelle ein. Auch viele Nichtchristen nehmen an den Gottesdiensten teil. Quelle: r
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Friedland

Vor 20 Jahren hat sich in Südniedersachsen eine parteiübergreifende Protestbewegung formiert. Bürger und Politiker aller Couleur wandten sich gegen Pläne des Bundesinnenministeriums, das Grenzdurchgangslager Friedland wegen mangelnder Auslastung zu schließen. Der Protest hatte Erfolg, das „Tor zur Freiheit“ blieb erhalten.

Dass das Lager weiterhin gebraucht wird, hat sich auch in diesem Jahr wieder bestätigt: Mehr als 12000 Menschen aus aller Welt wurden in dem Lager aufgenommen. „Vor allem in der zweiten Jahreshälfte waren wir regelmäßig gut ausgelastet“, sagt Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer.

Die damaligen Schließungspläne wurden vor allem damit begründet, dass die Zahl der Spätaussiedler aus Osteuropa stetig zurückging. Tatsächlich reißt jedoch auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer der Zustrom von Spätaussiedlern nach Deutschland nicht ab. In diesem Jahr seien bislang mehr als 7100 Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen im Lager Friedland aufgenommen worden, sagt die Sprecherin der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, Andrea Beck. Bis zum Jahresende werde voraussichtlich die Vorjahreszahl von rund 7200 Spätaussiedlern erreicht.

Von der britischen Besatzungsmacht 1945 eingerichtet

Im September 1945 war das Lager auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht eingerichtet worden. In den Anfangsjahren wurden dort weit mehr als eine Million Menschen durchgeschleust – Evakuierte aus zerbombten Städten, Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten, heimkehrende Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft. Heute ist Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für alle neu ankommenden deutschstämmigen Spätaussiedler in Deutschland, außerdem einer von vier Standorten der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen zur Erstaufnahme von Asylsuchenden. Insgesamt stehen rund 800 Betten zur Verfügung.

Wie so oft in seiner fast 75-jährigen Geschichte war Friedland auch in diesem Jahr wieder die erste Anlaufstelle in Deutschland für viele Menschen aus aller Welt, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind. Neben rund 740 Asylbewerbern wurden mehr als 4800 Geflüchtete aufgenommen, die als besonders schutzbedürftig gelten und im Rahmen von besonderen humanitären Hilfsprogrammen nach Deutschland gekommen sind. Etwa die Hälfte von ihnen waren syrische Staatsangehörige, die zuvor in Flüchtlingslagern in der Türkei gelebt hatten. 2435 weitere Flüchtlinge kamen im Rahmen des so genannten „Resettlement-Programms“. Sie waren zuvor von Vertretern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Flüchtlingslagern in Ägypten, Äthiopien, Jordanien und dem Libanon ausgewählt worden. Sie stammen hauptsächlich aus Syrien, Eritrea, Somalia und dem Sudan.

Traumatische Erlebnisse

Friedlands Lagerpastor Thomas Harms hat sich in den vergangenen drei Jahren um viele dieser Menschen gekümmert – und dabei viele erschütternde Geschichten gehört. „Manchmal komprimieren sich im Schicksal eines Menschen alle Grausamkeiten, die diese Welt bereithält“, sagt er. Viele Geflüchtete seien durch die traumatischen Erlebnisse nicht nur psychisch stark beeinträchtigt, sondern auch körperlich versehrt. Manche haben durch Krieg und Gewalt Arme oder Beine verloren, andere sind erblindet oder ertaubt oder haben durch die mangelnde medizinische Versorgung in den Flüchtlingslagern irreparable gesundheitliche Schäden erlitten.

In der evangelischen Lagerkapelle finden die Geflüchteten einen Ort der Ruhe und Sicherheit. Zweimal wöchentlich findet hier eine Andacht statt. „Häufig nehmen auch Muslime daran teil“, erzählt Diakon Hagop Shahinian. Der armenisch-orthodoxe Geistliche ist einst selbst aus Syrien geflüchtet und betreut seit mehreren Jahren als Diakon der Inneren Mission vor allem Flüchtlinge aus arabisch- und kurdischsprachigen Regionen.

Ruhestand und Wechsel

Zum Jahresende ist damit allerdings Schluss: Shahinian geht in den Ruhestand, Lagerpastor Harms wechselt als Vorsteher zu der Behinderteneinrichtung Diakonie Christophorus in Göttingen. Wer ihm nachfolgt, steht noch nicht fest.

Harms möchte die Erfahrungen, die er als Lagerpastor gesammelt hat, nicht missen: „Diese Arbeit ist hochgradig erfüllend.“ Dabei gehe es vor allem darum, Zeichen der Hoffnung zu setzen: „Wir glauben, dass wir trotz aller Hoffnungslosigkeit als evangelische Kirche eine frohe Botschaft verkündigen und leben können.“ Hagop Shahinian war bei den Gottesdiensten mit Christen und Nichtchristen eine Botschaft immer besonders wichtig: „Wir sind alle Kinder Gottes.“

Von Heidi Niemann

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