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Friedland Auf dem Weg zum Religionsfrieden
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06:01 29.01.2019
Samah Al Jundi-Pfaff bei ihrer Arbeit im Museum Friedland. Quelle: r
Friedland

Wenn Samah Al Jundi-Pfaff die Teilnehmer ihres Tanz-Workshops auffordert, einander an den Händen zu fassen, gibt es manchmal Zurückhaltung. Nicht jeder möchte seinen Nachbarn in dieser Weise nahe kommen. Männer wollen aus traditionellen Gründen manchmal Frauen nicht die Hand reichen.

Im Miteinander der Nationalitäten und Religionen gebe es zuweilen Spannungen, sagt die pädagogische Mitarbeiterin des Museums Friedland. „Aber nach und nach werden die Menschen lockerer. Sie tanzen. Und dann ist das mit dem Händereichen kein Problem mehr“, berichtet sie. Mehr noch: Mit den von ihr angebotenen Formaten „Let's make it“, „Let's Dance“ und „Painting for Peace“ sowie einer Führung durch das Museum werde ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen geschaffen.

Tanzworkshop im Museum Friedland mit Samah Al Jundi-Pfaff Quelle: Museum Friedland

In Frieden leben

Al Jundi-Pfaff arbeitet seit Juli 2016 für das Museum Friedland. Das im selben Jahr eröffnete Haus versteht sich als einen Ort, der Menschen verbindet. Nur wenige Meter entfernt befindet sich das Grenzdurchgangslager (GDL) Friedland. Hier finden Spätaussiedler ebenso ein zeitweiliges Zuhause wie Flüchtlinge und Asylbewerber. Die gehören unterschiedlichen Religionen an. Unter den Migranten sind Moslems wie Sunniten, Jesiden, Schiiten, außerdem Jesiden, Aleviten, Drusen, Hindus, Christen, weiterhin Ismaeliten, Zarathustrier und Atheisten. Die Botschaft, die Al Jundi-Pfaff allen diesen Personen nahe bringen will, ist schnörkellos und einfach: „Lasst uns zusammen in Frieden leben“.

Einmal im Monat können die Bewohner des GDL zu ihr kommen und zum Beispiel ihre Smartphones an eine Musikanlage anschließen und so zum DJ ihrer Lieblingsmusik werden. Während der Führung durch die Dauerausstellung kommen auch Angelegenheiten des Alltags zur Sprache. Besonders gut angenommen wird der Tanz-Workshop. 50 biss 60 Menschen muss Al Jundi-Pfaff dann animieren, tanzend gemeinsam Spaß zu haben, die Kinder nicht mitgezählt.

Religion bleibt außen vor

Nach der Religionszugehörigkeit fragt sie nicht. „Das ist allenfalls eine statistische Frage. In meiner Arbeit spielt sie keine Rolle“, winkt die studierte Englischlehrerin ab. Sie fügt ausdrücklich hinzu: „Die Religion wird außen vor gelassen, von Anfang an. Genauso wie nationalistische Gefühle und Flaggen.“

Religionsfrieden in Flüchtlingsunterkünften

In den Unterkünften für Geflüchtete entstehen kaum Konflikte zwischen Angehörigen verschiedener Religionen. „28 Nationalitäten leben hier zusammen, Religion spielt aber keine Rolle. Konflikte sind eher politisch motiviert“, sagt Stephanie Fliege-Molder, Standortleiterin der GAB in Wollershausen. Auf den Zietenterrassen gibt es die Terrassengottesdienste, die für Bewohner aller Religionen offen sind. „Aktuell haben wir keine Probleme, neulich wollte eine Muslima nicht mit Mitgliedern einer anderen Religion zusammenwohnen – aber das ist eine Seltenheit“, erzählt Leiterin Bettina Briesemeister. Auch Leonie Engelbert, Leiterin der Flüchtlingswohnanlage Nord von Bonveno, sieht Religion nicht als Konfliktpunkt: „Unsere Bewohner gehen in die jeweiligen Einrichtungen, afrikanische Christen eher in die Adventsgemeinden, Muslime in die Göttinger Moscheen“, sagt sie. „Weihnachten haben alle gemeinsam verbracht.“ Die Flüchtlingsunterkunft auf der Siekhöhe hatte ein besinnliches Weihnachtsprogramm angeboten mit Beisammensein und Geschenken, sagt Lars Willmann, Koordinator für Soziales. „Wir nehmen bei der Zusammenlegung Rücksicht auf die Herkunftsländer, oft durchmischt sich das aber im Laufe der Zeit“, so Willmann. Ein echtes Problem ergebe sich aus den Religionszugehörigkeiten aber nicht. „Echte Probleme sind eher Schnarchen oder die Koordination der Fastenzeit – aber wir haben genug Platz, um Räume neu zu vergeben“, sagt er.

Die einzige Fahne, die erlaubt ist, ist ein großes weißes Tuch, eine Art Leinwand. Die darf gerne gestaltet werden: mit Bildern, mit Symbolen, die für Frieden stehen. „Die gemeinsame Religion des Menschen ist das Menschsein“, bringt Al Jundi-Pfaff ihr Credo auf den Punkt.

Samah Al Jundi-Pfaff bei ihrer Arbeit im Museum Friedland. Quelle: r

Was ist „halal“?

Im GDL erleben viele Ankommende einen Kulturschock. Friedland ist in der Regel der erste Kontakt mit der Fremde, mit dem für sie unbekannten Deutschland, das zur neuen Heimat werden soll. Vage Vorstellungen treffen auf reale Umstände. Insbesondere für Migranten aus dem Nahen Osten spielt es eine große Rolle, ob etwas „halal“ ist. Das gelte für Christen ebenso wie für Moslems, sagt Al Jundi-Pfaff. Halal bedeutet soviel wie rein, annehmbar, zulässig, essbar. Halal wird in verschiedenen Zusammenhängen benutzt.

Zum Beispiel im Bezug auf das Zusammentreffen von Menschen oder auf Nahrungsmittel. Alles was vom Schwein ist, gilt als nicht halal, Alkohol für Moslems ebenfalls nicht, nicht einmal als kleine Zutat in Gebäck. Fleisch von männlichen Rindern wird bevorzugt, Fleisch von Kühen gemieden. Al Jundi-Pfaff sieht hier soziale Normen vorherrschend. Es gehe dabei also gar nicht um Religion. In der Schule würden nur Aspekte über die eigene Religion vermittelt. Doch diese Informationen, macht Al Jundi-Pfaff deutlich, seien keine über Werte, sondern über Rituale.

Werte statt Rituale

Die Gebote, die in den drei monotheistischen Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) gelehrt werden, gleichen einander, versichert Al Jundi-Pfaff. Eigentlich müssten sich alle Gläubigen auf dieser Grundlage wunderbar verstehen. „Leider wird oft das hervorgehoben, was uns trennt“, bedauert sie. Deutlich unterscheidet die Lehrerin die Begriffe „Rituale“ und „Werte“ voneinander. Rituale seien Metaphern und Symbole – vom Menschen geschaffen. „Aber wenn wir uns auf die Werte konzentrieren, zu denen Liebe und Respekt gehören, kommen wir zu dem, was uns eint.“

Sich selbst bezeichnet Al Jundi-Pfaff als aufgeklärte Muslima. Sie hat Freunde aus verschiedenen Religionen, geht in die Synagoge und hat, wie sie nebenbei erwähnt, im Rahmen einer Bildungskonferenz schon einmal im Garten des Weißem Hauses gebetet. Und ja, die Bibel habe vollkommen recht, wenn sie sagt: Es wird die Zeit kommen, da wird der Mensch keinen ritualisierten Ort brauchen, um zu beten. Er wird es aus reinem Herzen tun.

Von Ullrich Meinhard

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