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Bodensee Sängerin Carinha: Elfenklänge aus dem Eichsfeld
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00:21 08.10.2018
Im Eichsfeld verwurzelt, in der Welt zuhause: Sängerin Carinha. Quelle: Niklas Richter
Bodensee

 Den Begriffen Songwriter oder Liedermacherin zieht sie einen altmodischeren Terminus vor. Als „deutsche Sängerin und Liedschreiberin aus Mittelerde (Göttingen, Germany)“ stellt sich Karin Bleckert alias Carinha auf ihrer Homepage vor. Mittelerde ist in ihrem Fall Mitteldeutschland, ihr Heimatort nicht Göttingen, sondern Bodensee im tiefsten Eichsfeld.

Aber das macht nichts. Fantasie ist Trumpf für Carinha. Außerdem erinnern die sanften Hügel der goldenen Mark durchaus an das Auenland, Und Carinhas Songs, die sie in Deutsch, Englisch und ihrer Fantasiesprache „Carinhisch“, einer Kunstsprache wie dem Elbischen, singt, animieren zum Träumen – ob der Nebel nun über Avalon oder dem Seeburger See aufsteigt.

Rauchen durch Singen ersetzt

Frodos rundes Haus in Hobbiton auf Neuseeland hat Carinha, die weder Haare zwischen den Zehen noch auf den Zähnen hat, auch schon inspiziert. Als sie 2005 das Rauchen durch das Singen ersetzt hat, stand aber nicht etwa Tolkien Pate, sondern ein märchenhafter Weihnachts-Kultklassiker. Mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ hat alles angefangen.

Und das Märchen zieht sich wie ein roter Faden durch die musikalische Karriere der „Enya aus dem Eichsfeld“. Zur Titelmelodie des Komponisten Karel Svoboda hat Carinha „im Winter hinter dem Bollerofen eines Scheunenstudios in Desingerode“ ihren ersten Song geschrieben, gleich noch zwei weitere mit dem umtriebigen Nesselröder Musiker Matthias „Matschek“ Hellmold aufgenommen. Es folgten Projekte mit verschiedenen Musikern wie Maaf Kirchner von Mila Mar, dem Zen-Buddhisten Jan Balyon und mit ihrem Partner Adrian Thomé, mit dem sie zurzeit ihr Elternhaus neben der Kirche in Bodensee umbaut. „Ich liebe die Natur und Fachwerkhäuser“, sagt Carinha, der in Bodensee auch eine Anlaufstelle für Kunstschaffende vorschwebt.

Reise durchs nordische Eisland

Den Blick ihrer ländlich-idyllischen Kindheit, ein sonniges Gemüt und eine positive Lebenseinstellung hat sie sich bewahrt. Carinha kann sich noch verzaubern lassen – ebenso wie sie andere mit ihrer Musik bezaubert. Zeitlos, entrückt und nordisch, sphärisch und meditativ klingen ihre Lieder, die Gletscher zum Schmelzen und Trolle zum Weinen bringen könnten –Lichtjahre entfernt von der Neuen Deutschen Welle, für die sie als Teenager schwärmte.

Für neue Einflüsse stets offen hat die Sängerin mit „Zephaya“ Popsongs mit irischem Folk, orientalischen Melodien, Weltmusik und orchestralen Arien gewürzt, auf „Himmel & Erde“ begleitet ihr mystisch-schwebender Gesang buddhistische Rezitationen und erdige Trommelrhythmen, „Juli und ihre drei Eisblumen“ ist als Märchen-Hörbuch mit musikalischer Reise durch das nordische Eisland konzipiert, zurzeit experimentiert sie mit Oberton-Gesang, im Februar will sie beim orientalischen Tanzfestival in Düsseldorf auftreten. Mit den unterschiedlichen Projekten wechselt die Instrumentalbegleitung: Gitarre, Geige, Bass, Drums, Cello, Harfe, Flöte, Akkordeon, Klangschalen, Didgeridoo.

„Schöne Traurigkeit“

Stets begleitet hat Carinha aber „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Der 2008 auf CD veröffentlichten englischen Version „Believe in Three Hazelnuts“ mit dem Kinderchor „Dresdner Spatzen“ folgte im vergangenen Jahr nach langem Ringen mit Svobodas Erben die Genehmigung für eine deutsche Übersetzung (“Lachen. Lieben. Leben“). Schloss Moritzburg, auf dessen Treppe Aschenbrödel im Film ihren Schuh verliert, ist Carinha zur zweiten Heimat geworden. Dort hat sie zahlreiche Lesungen und Konzerte gegeben, das Feedback eine kleinen Mädchens ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Deine Lieder sind manchmal so traurig, aber es ist eine so schöne Traurigkeit.“

Konzert auf Höherberg

Vor der Wallfahrtskapelle auf dem Höherberg hat die 41-jährige Sängerin mit Zweitwohnsitz in Radebeul in diesem Monat ein spontanes Konzert in familiärer Atmosphäre mit rund 100 Zuhörern gegeben. Die Vinyl-Liebhaberin hat Freunde von Finnland bis Kanada, wo sie mit Loreena McKennitt eine Seelenverwandte getroffen hat. 2011 hat die Weltbürgerin aus dem Eichsfeld ihr eigenes Label „Meyaka“ gegründet, nutzt Spotify und I-Tunes. Sie sei auch schon als Mischung aus Annie Lennox und Sinéad O’Connor bezeichnet worden, erzählt Carinha und lacht.

Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. Nach örtlicher Grundschule, Gieboldehäuser Realschule und Handelsschule (“Büro war überhaupt nicht meine Welt“) machte sich Karin Bleckert selbstständig und vertrieb deutschlandweit Edelsteine. Unter der Dusche und im Auto habe sie immer schon gesungen, im Alter von 29 Jahren dann klassischen Musikunterricht genommen und ihre Leidenschaft inzwischen zum Brotberuf gemacht.

Von Kuno Mahnkopf

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