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Gieboldehausen Glanz und Niedergang der Harzer Papierfabrik in Rhumspringe
Die Region Gieboldehausen Glanz und Niedergang der Harzer Papierfabrik in Rhumspringe
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14:51 16.06.2020
Heinrich Diederich, Archivar der Gemeinde Rhumspringe, zeigt alte Fotos der früheren Harzer Papierfabrik. Quelle: Eichner-Ramm
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Rhumspringe

In besten Zeiten haben in den Fabrikanlagen in direkter Nachbarschaft der Rhumequelle 75 Menschen gearbeitet. Das war einmal. Rhumspringes Ortsarchivar Heinrich Diederich und der letzte Geschäftsführer der Harzer Papierfabrik, Michael Steinmetz, erinnern sich an Glanz und Niedergang.

Die Kraft des Rhumewassers machte sich im Jahr 1828 der Duderstädter Fabrikant Ludwig August Hertwig zunutze. Seine Wollwarenfabrik mit Spinnerei und Walkerei stellte Kamelotstoffe und besonders schwere Flanelle her. Die Fabrik bestand bis 1871, so ist es der Broschüre zu „100 Jahre Papierfabrik Rhumspringe 1872 bis 1972“ zu entnehmen, die Rhumspringes Ortsarchivar Diederich aus einem der Ordner zieht. Dort findet sich auch manches vergilbte Schwarz-Weiß-Foto und Schriftverkehr aus den Zeiten, als der Duderstädter Bankier C. F. Hertwig als Kreditgeber der Wollwarenfabrik den Besitz samt dem ausgedehnten Grundstück am noch jungen Rhumelauf übernahm.

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Hier eine illustrierte Darstellung der Fabrik auf einem Briefkopf der Firma C. F. Hertwig aus dem Jahr 1921. Quelle: be

C. F. Hertwig gründete dort am 9. August 1872 eine Lederpapier- und Lederpappenfabrik, die in den folgenden Jahren aufblühte. Den alten Unterlagen ist zu entnehmen, dass der Betrieb 1873 etwa 400 Tonnen Lederpapier- und Pappe erzeugte und 40 Arbeiter dort beschäftigt waren. Unter Leitung von Albert Hertwig ging es aufwärts – 1913 arbeiteten etwa 120 Menschen in der Papierfabrik, und die Jahresproduktion an Lederpapier und -pappe betrug etwa 3000 Tonnen. 1928 waren es 200 Beschäftigte und 4500 Tonnen Papier und Pappe, die in Rhumspringe hergestellt wurden. Verwaltungssitz der hertwigschen Betriebe, zu denen auch die zu Holzschleifereien umbebauten Mühlen gehörten, war in Duderstadt.

Investiert und Konkurs angemeldet

Doch 1932 kam die schwere Wirtschaftskrise und die Papierfabrik C. F. Hertwig geriet in Schwierigkeiten. Unter Leitung von Hans Hertwig erholte sich die Fabrik wieder. Die Söhne des Firmeninhabers fielen im Zweiten Weltkrieg, der Betrieb wurde 1942 an den Kaufmann Johannes Reinmuth zunächst verpachtet, 1948 dann verkauft. Der neue Inhaber investierte in eine neue Halle für die Pappenherstellung und eine große neue Papiermaschine. Damit einher ging der Preisverfall für Papiererzeugnisse, heißt es in der Jubiläums-Broschüre weiter. Die Folge: Reinmuth war gezwungen, 1952 Konkurs anzumelden.

Aufnahme der Teilhaber und Geschäftsführer aus dem Jahr 1958 oder 1959. Quelle: be

Einer der Hauptgläubiger, Walter Gerstenmaier aus Stuttgart, übernahm mit einer Treuhandgesellschaft das Werk und gründete 1954 die Harzer Papier- und Pappenfabrik. Die Produktion mit der vorhandenen Papiermaschine lief wieder an, und im selben Jahr wurden 3500 Tonnen Packpapier aus Altpapier hergestellt. Als weiterer Gesellschafter trat 1955 der Bremer Kaufmann Carl-Heinrich Sievers in das Unternehmen ein. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte die Papierfabrik in Rhumspringe etwa 60 Mitarbeiter. In der Folge nahm der Betrieb unter den Inhabern Gerstenmaier und Sievers sowie dem damaligen Direktor Adolf Jass einen „sehr erfolgreichen Aufstieg“. Es wurde weiter investiert und die Produktion von 3500 Tonnen im Jahr 1954 auf mehr als 12000 Tonnen 1956 erhöht.

Das Gelände nahe der Rhumequelle soll verkauft werden. Ansichten von heute und historische Aufnahmen.

Technische Verbesserungen und rationelle Fertigung

Ab Oktober 1957 firmierte das Unternehmen als Harzer Papierfabrik Gerstenmaier & Sievers GmbH & Co.-KG. Es wurde weiter in die technische Verbesserung der Anlagen und eine rationelle Fertigung investiert. 1966 gingen mit dem Tode des Gesellschafters Carl Heinrich Sievers dessen Anteile an seine Frau Alice Sieveres über. Sohn Jürgen Sievers übernahm die Anteile 1972. Im selben Jahr firmierte der Betrieb um in Harzer Papierfabrik Sievers GmbH & Co.-KG. Im Jubiläumsjahr arbeiteten etwa 100 Menschen für das Unternehmen, und die Produktion belief sich auf etwa 150 Tonnen pro Tag.

Bis zur Stilllegung im Juni 2003 in Folge der Insolvenz war die Harzer Papierfabrik in Rhumspringe in Betrieb. Quelle: be

Über die Jahre von 1972 bis 1996 gibt das Gemeindearchiv nicht viel her. 1996 übernahm Alba Berlin die Harzer Papierfabrik. Damals zählte der Betrieb in Rhumspringe etwa 75 Beschäftigte, berichtet Michael Steinmetz. Er war im April 1995 als Angestellter der technischen Leitung des Unternehmens bei der Harzer Papierfabrik in Rhumspringe eingestellt worden. Zu Jahresbeginn 2001 wurde Steinmetz Technischer Leiter, erhielt im April desselben Jahres Handlungsvollmacht und im Oktober Prokura. Im Januar 2003 wurde Steinmetz Geschäftsführer des Rhumspringer Betriebsteils des Berliner Entsorgungsunternehmens Alba.

Schrenz im Dreischichtbetrieb hergestellt

„Die Harzer Papierfabrik stellte mit einer Papiermaschine Wellpappen-Rohpapiere her (Schrenz), die von Kunden zum Verpackungsmaterial weiter verarbeitet wurden. Im Jahr wurden circa 73000 Tonnen Schrenz im Dreischichtbetrieb hergestellt. Rohstoffe waren Altpapier und Verbunde wie zum Beispiel Tetrapack“, berichtet er. Für Alba habe sich das Geschäft aber zuletzt nicht mehr gelohnt. Die Harzer Papierfabrik meldete im April Insolvenz an und wurde Ende Juni 2003 stillgelegt. Das war nicht nur für den letzten Geschäftsführer der Papierfabrik bitter, sondern vor allem auch für die etwa 70 Mitarbeiter, die bis zuletzt noch die Hoffnung auf einen Käufer und die Fortführung des Betriebs gehabt hätten.

Mark Turley aus Irland, kaufte das Gelände samt der Immobilien aus der Insolvenz 2003. Verwaltet wird das Areal von der Göttinger Firma Insodata.

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Sie erreichen die Autorin per E-Mail an b.eichner-ramm@eichsfelder-tageblatt.de oder unter Telefon 05527/9499712.

Von Britta Eichner-Ramm

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