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Rhumspringe Mutiger Widerstand gegen das NS-Regime
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22:09 22.07.2019
Helene Vogt besuchte mit ihrem Neffen Gerhard Böning das Pfarrhaus Rhumspringe und Pfarrer Markus Grabowski (r.). Quelle: R
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Rhumspringe

1940 übernahm Pfarrer Robert Hartmann die Gemeinde St. Sebastian in Rhumspringe. Seine Cousine Helene Vogt zog mit ins Pfarrhaus und erledigte den Haushalt. Nach knapp 80 Jahren kehrt die 94-Jährige zurück.

Helene Vogt steht seit sehr langer Zeit wieder in dem Haus, in dem sie in den 1940er Jahren lebte. Vieles hat sich verändert, auch die Adresse. Sie trägt jetzt den Namen ihres Cousins. Aber in ihrer Erinnerung ist alles noch in seiner ursprünglichen Version sichtbar: die Küche, ihr Schlafplatz oder das Bild mit dem religiösen Motiv.

Kontakt zu Pfarrer Grabowski

Helene Vogt besucht das Pfarrhaus in Rhumspringe. Quelle: R

Ihre Neffen Gerhard und Bernward Böning hatten den Kontakt zum heutigen Pfarrer Markus Grabowski aufgenommen und den Besuch vermittelt. Der zeigt sich sichtlich beeindruckt, wie klar und detailreich Vogt von ihrer Zeit in Rhumspringe berichtet. Vor allem von dem Mann, der sich mutig dem NS-Regime entgegenstellte, den die Gestapo nach Dachau verschleppte, und der Konzentrationslager und Todesmarsch überlebte.

Der gebürtige Obernfelder Hartmann bezieht klar Stellung gegen das NS-Regime. Beispielsweise verteilt er den sogenannten Möldersbrief, ein Symbolschreiben des Naziwiderstands, unter den Jugendlichen seiner Gemeinde. Als er seine Kritik dann öffentlich in einer Predigt äußert und sagt, dass in Deutschland zehn Prozent der Bevölkerung den übrigen 90 Prozent ihre Vorstellungen aufzwängen, wird er wenig später verhaftet – im Beisein des damaligen Bürgermeisters von Rhumspringe und unter Widerstand besonders der Frauen des Ortes, wie Vogt erzählt. Hartmann ist als volksnaher, musikalischer und froher Seelsorger beliebt.

Pfarrer überlebt Todesmarsch

Pfarrer Grabowski ist aufmerksamer Zuhörer der Geschichten aus der Vergangenheit der Kirchengemeinde, in der er mittlerweile auch seit neun Jahren arbeitet. Zwar habe er bereits einiges über seinen Vorgänger Hartmann von Mitgliedern der Gemeinde erfahren können. „Aber Schilderungen von jemandem, der so nah dran war, haben eine andere Wirkung.“ Er zeigt sich sichtlich beeindruckt.

Vogt zieht es in den Kriegsjahren zurück in ihr Heimatdorf Weißenborn, wo sie heiratet und erleben darf, dass ihr Cousin die Zeit im Konzentrationslager überlebt und bei einem Todesmarsch seinen Peinigern entkommen kann. Als Pfarrer Hartmann ins Eichsfeld zurückkehrt, ist er aber nicht mehr der Alte. Seine Cousine erinnert sich an lange Gespräche, wenn sie ihn in den Folgejahren immer wieder besucht. Einige seiner Erfahrungen teilt er mit ihr, andere nicht. „Das Schlimmste behielt er für sich“, sagt sie.

Lebensfreude verloren

Zwar übt Hartmann seinen Dienst als Pfarrer für weitere zehn Jahre aus. Aber er habe seine Lebensfreude verloren und sei krank geworden, beschreibt Vogt die Jahre bis zu dessen Tod im September 1955. Bei der Beerdigung in Rhumspringe sind allein mehr als 50 Geistliche anwesend, die Pfarrer Hartmann ihre letzte Ehre erweisen. An diesen Tag kann sie sich genauso deutlich erinnern wie an den Tag seiner Verhaftung.

Von dem existiert noch ein Protokoll, das sich Vogts Neffen bei ihren Recherchen kopieren konnten. Sie planen, einen ausführlichen Zeugnisbericht über das Leben ihres Onkels zu erstellen. Eine große Rolle dürfte darin auch Vogt spielen, die sich mit dem Besuch des Rhumspringer Pfarrhauses einen großen Wunsch erfüllt hat.

Nach zwei Stunden ist aber auch ihr Gesprächspartner sichtlich bewegt. „Ich bin tief beeindruckt und dankbar für eine Begegnung, die Geschichte hat lebendig werden lassen.“ Der Besuch von Helene Vogt sei aufklärend und lehrreich gewesen, sagt Grabowski. Zeitzeugengeschichten seien wertvoll, um gerade bei jungen Menschen von heute das Bewusstsein für die Geschichte wach zu halten und sie aus Fehlern lernen zu lassen.

Die Verhaftung

Pfarrer Robert Hartmann war 48 Jahre alt, als er 1942 in einer Sitzung der Caritashelferinnen seiner Gemeinde über ein Schriftstück sprach, das in katholischen Kreisen kursierte, den „Möldersbrief“. In dem vermutlich vom britischen Auslandsgeheimdienst verfassten Schriftstück kommt eine christliche Haltung zum Ausdruck – mit Ansichten, die in diesen Zeiten unerwünscht waren. Wenig später wurde Hartmann von der Gestapo im Gemeindebüro verhört.

Schnell hatten sich 200 Dorfbewohner versammelt, die seine Herausgabe forderten. Die Gestapo zog ab, kehrte jedoch am folgenden Tag mit Verstärkung zurück, nahm Hartmann fest und verbrachte ihn und 13 Rädelsführer vom Vortag ins Gefängnis nach Göttingen. Die Unterstützer wurden zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Hartmann sprach man frei, nahm ihn in „Schutzhaft“ und verfrachtete ihn ins KZ Dachau.

Zuletzt begab sich das Hildesheimer Bistumsarchiv 2017 mit einem Koloquium auf die Spuren der „Priester unter Hitlers Terror“.

Von Markus Scharf

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