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Gieboldehausen Ein Plädoyer für Präsenz in der Fläche
Die Region Gieboldehausen Ein Plädoyer für Präsenz in der Fläche
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14:00 13.11.2019
Prof. Berthold Vogel, Direktor des Soziologischen Forschungsinstitut der Uni Göttingen, spricht beim Martinsempfang in der katholischen Bildungsstätte St. Martin in Germershausen über gleichwertige Lebensverhältnisse. Quelle: Eichner-Ramm
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Germershausen

Das Plädoyer für die Präsenz der Kirche in der Fläche, das Prof. Berthold Vogel am Dienstagabend beim Martinsempfang der Katholischen Bildungsstätte in Germershausen hielt, brachte seine Zuhörer zum Nachdenken. Vor allem jene, die mit den sich verändernden Strukturen vor Ort zu tun haben. „Präsenz ja, aber wir wissen im Moment nicht mit wem“, sagte zum Beispiel der Heiligenstädter Propst Hartmut Gremmler mit Blick auf Nachwuchssorgen bei der katholischen Kirche. Der Duderstädter Propst Bernd Galluschke ergänzte, dass von klerikaler Seite und den hauptamtlichen Theologen ein Umdenken erforderlich sei. Es müsse gelingen, Menschen zu motivieren, „Key Persons“ zu sein.

„Klerikales darf kein Selbstzweck sein“

Ein Stück weit sei der Abschied vom klerikalen Kirchenverständnis auch ein Traditionsbruch, sagte Referent Vogel. „Klerikales darf kein Selbstzweck sein“, betonte er und nahm zugleich die katholische Kirche in Schutz. Sie sei ja im Bewegung. Es gebe vielleicht Klischeebilder, aber die Realität sei schon eine ganz andere.

„Die Kirchen sind die letzten Institutionen, die für Defizite in der öffentlichen Versorgung eingesprungen sind“, so Vogel. Caritas und Diakonie würden von den Menschen eher als letzte öffentliche Einrichtungen wahrgenommen und nicht als Kirche, sagte der Referent. Vor allem dort, wo bauliche, infrastrukturelle oder personelle Strukturen im ländlichen Raum ausgedünnt seien, sieht der Soziologe die Kirche gut beraten, in der Fläche präsent zu bleiben. „Entkirchlichte Räume tun der Gesellschaft nicht gut“, unterstrich er.

„Urbane Perspektive“ zurecht rücken

In seinem Vortrag beim Martinsempfang der katholischen Bildungsstätte in Germershausen befasste sich Vogel mit der Frage „Gleichwertige Lebensverhältnisse – mehr als eine gute Idee?!“, einem Thema, dem sich auch ein aktuelles Projekt des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) widmet. Das Projekt solle unter anderem die „urbane Perspektive“ zurecht rücken, erläuterte der SOFI-Direktor. Der ländliche Raum spiele für die Entwicklung der Gesellschaft eine ganz entscheidende Rolle, gab sich Vogel überzeugt.

Auch wenn mit Blick auf die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse manche Regionen sehr stark auseinander drifteten, erlebe das Thema eine Renaissance, wie verschiedene Studien zum Thema zeigten. „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ist mehr als eine Infrastrukturaufgabe“, so Vogel. Dazu zählten beispielsweise das Versprechen auf sozialen Ausgleich und die Wertschätzung unterschiedlicher Lebensweisen.

Gesellschaftliche Werte und Konfliktfelder

Zusätzlich zu strukturellen Prinzipien gehe es immer auch um normative Prinzipien, führte der Referent aus und sprach auch über Konfliktfelder im Bezug auf die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse auf Ebene der gesellschaftlichen Werte: Verteilungskonflikte („Wer bekommt was?“), Nutzungskonflikte („Wer darf was?“) und Entwicklungskonflikte ( „Wer gibt den Ton vor?“).

Die Ungleichheit zwischen Stadt und Land wachse und es gebe sehr unterschiedliche Entwicklungen der Lebensverhältnisse. Zudem gelinge es zentralen Orten immer weniger, Veränderungen Richtung und Rahmen zu geben, führte Vogel aus. Logistik, Energiewende, Agrarindustrie, Ernährung, ökologische Krise, Alterung der Gesellschaft und lokale Demokratie – „Alle Zukunftsfragen spielen im ländlichen Raum“, gab sich Vogel überzeugt.

„Virtuosen des Wandels statt Verwalter des Niedergangs“

In öffentlichen Debatten gehe es häufig um den Niedergang des ländlichen Raums. Daher sei es wichtig, „neue Orte des Gemeinwohls, des Ausgleichs oder der Innovation“ zu erfinden, so der Referent weiter. Es brauche „Virtuosen des Wandels statt Verwalter des Niedergangs“. Die vorhandenen Aktivitäten vor Ort und diejenigen, die sich für das Gemeinwohl engagieren, müssten gestärkt werden, machte Vogel klar. Dazu zähle auch die Kirche und ihr gesellschaftliches Engagement in der Fläche.

Der Referent: Prof. Berthold Vogel

Prof. Berthold Vogel ist seit Juli 2015 Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universitätund Professor für Soziologie an der Universität Kassel im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Unter anderem ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Hans-Böckler-Stiftung, Wissenschaftlicher Berater der bischöflichen Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Mitglied der Kommission „Arbeit der Zukunft“ des DGB und der Hans-Böckler-Stiftung, Vorsitzender der Kommission „Der Wert öffentlicher Güter“ der Heinrich-Böll-Stiftung sowie Vorsitzender des Vorstands der Freien Altenarbeit Göttingens (FAG) e.V. Derzeit betreut er das vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen (MWK) im Förderprogramm „Zukunftsdiskurse“ geförderte Projekt „Gleichwertigkeit – Mehr als eine gute Idee?!“

Die Autorin erreichen Sie per E-Mail an b.eichner-ramm@eichsfelder-tageblatt.de oder unter Telefon 05527/9499712.

Von Britta Eichner-Ramm

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