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Göttingen 1000 Polizeibeamte zerschlagen Ring von Bombenbastlern, Drogen- und Waffenhändlern
Die Region Göttingen 1000 Polizeibeamte zerschlagen Ring von Bombenbastlern, Drogen- und Waffenhändlern
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12:31 22.08.2019
Bei einer Pressekonferenz am Dienstag erklärten Polizeibeamte das Geschehene. Quelle: nie
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Göttingen

Erst sieht man eine Hand. Die Hand drückt auf einen Knopf. Dann erscheinen Rauchwolken über der Waldlichtung: Die Hand hat offenbar per Fernzündung eine Bombendetonation ausgelöst. Solche und ähnliche Filme von Explosionen und Bombenkratern gab es zuhauf auf der Internet-Plattform „xplosives.net“. Jetzt hat die Polizei dem Treiben der Bombenenthusiasten ein Ende gesetzt: Ermittler haben am Dienstag mit einem internationalen Großeinsatz ein kriminelles Netzwerk zerschlagen, das im Verdacht steht, mit Sprengstoff, Waffen und Drogen gehandelt zu haben.

Etwa 1000 Einsatzkräfte durchsuchten Objekte an 34 Orten in neun Bundesländern sowie in Litauen und Kroatien. Dabei stellten sie große Mengen an Materialien zur Herstellung von Sprengmitteln sowie Drogen, Waffen und zahlreiche Datenträger sicher. Den Sicherheitsbehörden sei es gelungen, den Server stillzulegen und die Domain des Boards zu beschlagnahmen, teilte der Göttinger Polizeipräsident Uwe Lührigam Nachmittag auf einer Pressekonferenz mit. Damit sei der künftige Zugriff auf die Website unterbunden.

Unter Federführung Göttingens

Die länderübergreifende Großrazzia fand unter Federführung der Zentralen Kriminalinspektion der Polizeidirektion Göttingen sowie der Zentralstelle Internet- und Computerkriminalität der Staatsanwaltschaft Göttingen statt. Der Standort des beschlagnahmten Servers befand sich in Litauen, die Verwaltung der Domain in Kroatien. Die Spezialfahnder ermittelten auch die fünf Moderatoren und zwei technischen Administratoren der Plattform. Im Rahmen der Durchsuchungen habe man 22 männliche Deutsche im Alter zwischen 17 und 55 Jahren vernommen, sagte Ingo Rau, Leiter der Zentralstelle bei der Staatsanwaltschaft Göttingen. Hinweise auf einen politischen Hintergrund gebe es derzeit nicht. Nach Angaben der Polizei wurde die Plattform allerdings auf einschlägigen Seiten in Verbindung mit dem G20-Gipfel im Jahr 2017 in Hamburg erwähnt.

Der Großeinsatz begann um 4.30 Uhr morgens. An den Durchsuchungen seien auch Spezialisten wie Delaborierer, Physiker, Chemiker und Kriminaltechniker beteiligt gewesen, sagte der Leiter der Zentralen Kriminalinspektion der Polizeidirektion Göttingen, Mathias Schroweg. In Niedersachsen wurden Objekte in Schwanewede, Cloppenburg sowie einem Ort im Landkreis Gifhorn durchsucht. Die übrigen Einsatzorte befanden sich in Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Thüringen, Berlin und Baden-Württemberg. Dort gab es auch den „explosivsten“ Fund: Nach Einschätzung von Sprengstoffexperten hätten man mit den dort aufgefundenen Materialien eine „Monsterbombe“ bauen können, sagte Schroweg. Insgesamt fanden die Ermittler weit über 100 Kilogramm an so genannten Grundstoffen, die zur Herstellung von Sprengstoffen benutzt werden können. Neben diesen rund 100 verschiedenen Substanzen und Chemikalien, die noch genau analysiert werden müssen, beschlagnahmten sie auch Schwarzpulver, Polenböller, Sprengkapseln und diverse Sprengstoffe.

Die Materialien seien privat gelagert gewesen, die Nutzer hätten keine fundierte Ausbildung im Umgang mit solchen Materialien gehabt, sagte Polizeipräsident Lührig. „Was für eine Gefahr davon ausgeht, kann sich jeder selbst ausmalen.“

Austausch von Know-How

Nach Erkenntnissen der Polizei gab es die Plattform bereits seit 2006. Im vergangenen Jahr wurde das Landeskriminalamt Niedersachsen auf die Aktivitäten aufmerksam und übertrug die Ermittlungen auf die Zentrale Kriminalinspektion der Polizeidirektion Göttingen. Die Spezialfahnder stellten dann fest, dass über das Portal nicht nur jede Menge Tipps zum Bau von Sprengkörpern verbreitet wurden, sondern sich die Nutzer offenbar einen Wettbewerb um die durchschlagendste Bombe lieferten. „Es ging um den Austausch von Know-How, wie man Sprengstoff noch besser zurechtbasteln kann“, sagte Schroweg. Die Besucher der Plattform hätten sich auch im realen Leben zu „Spreng Conventions“ getroffen und die Videos von den Explosionen dann im Internet hochgeladen und verbreitet.

Viele der sichergestellten Materialien lassen sich nicht nur zur Sprengherstellung, sondern auch zur Herstellung synthetischer Drogen verwenden. Insgesamt fanden die Beamten 30 Kilo an derartigen Substanzen. Einer der Verdächtigen habe offenbar das Monopol zum Verkauf von Betäubungsmitteln gehabt, sagte Schrowege. Daneben beschlagnahmten die Ermittler auch diverse Langwaffen und Munition sowie zahlreiche Laptops, Festplatten und Speichermedien. Diese würden nun von IT-Spezialisten ausgewertet, um weitere Erkenntnisse über die Strukturen des Netzwerks und weitere Beteiligte zu gewinnen, sagte Staatsanwalt Ehsan Kangarani.

Sprengstoff und Waffen

Bei dem Großeinsatz wurden nach Angaben der Polizei folgende Gegenstände sichergestellt:

- 127 kg Grundstoffe zur Herstellung von Sprengstoff (Fundort Baden-Württemberg)

- 30 kg Grundstoffe zur Herstellung von Sprengstoff (Fundort Thüringen)

- 200 kg Grundstoffe zur Herstellung von Sprengstoff (Fundort Niedersachsen)

- 20 kg Grundstoffe zur Herstellung von Sprengstoff (Fundort Schleswig-Holstein)

- etwa 100 verschiedene Grundstoffe, darunter Salpeter-, Salz- und Schwefelsäure und mehrere Kanister mit unbekannter Substanz

- 200 Böller und weitere Pyrotechnik im zweistelligen Kilogramm-Bereich

- etwa 2 kg weitere Sprengstoffe (darunter Blitz-Knall-Salz, Initialsprengstoff, gewerblicher Sprengstoff)

- Diverse Sprengkapseln, Zünder und -schnüre

- Rohrbombenkörper

- Bücher mit Anleitung zur Sprengstoff-Herstellung

- Diverse Chemikalien zur Herstellung von synthetischen Betäubungsmitteln

- Labore bzw. Drogenküchen und Zubehör zur Herstellung von Sprengstoffen oder synthetischen Betäubungsmitteln

- 2 „Grow-Zelte“

- Marihuana, Heroin, Amphetamine, Pilze

- Mehrere Langwaffen

- Zielfernrohre

- PTB-Waffe SEG, 9 mm

- Bolzenschussgerät

- Schießkugelschreiber

- Diverse Munition

- Diverse Waffenteile

- Gewehrgehäuse

- Mehrere Messer

- Schwert

- Machete

Darüber hinaus habe die Polizei verschiedene Speichermedien beschlagnahmt.

Von Heidi Niemann

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