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Göttingen Spieleerfinder treffen sich in Göttingen
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18:00 07.07.2019
Das 38. Spieleautorentreffen in Göttingen ist am 6. und 7. Juli in der Lokhalle ausgerichtet worden. Erfinder, wie hier Wolfgang Vogel, präsentierten noch unveröffentlichte Spiele und hofften auf die Aufmerksamkeit von Verlags- und Agenturteams. Quelle: Peter Heller
Göttingen

Sie gilt als die größte und bedeutendste Veranstaltung ihrer Art in Deutschland: Am 6. und 7. Juli ist in Göttingen das bereits 38. Spieleautorentreffen ausgerichtet worden. Das von der Spieleautorenzunft und der Stadt Göttingen gemeinsam organisierte Treffen gilt als Plattform für Erfinder von Brett- und Kartenspielen aus ganz Europa. Rund 200 Erfinder sowie knapp 80 Vertreter von 36 Verlagen kamen zusammen. Insgesamt zählte die Veranstaltung 350 Teilnehmer, darunter ehrenamtliche Mitarbeiter der Spieleautorenzunft als Interessenvertreter der Branche.

Gegenseitiges Kennenlernen

Das Treffen begann am Sonnabend mit der Vergabe der Auszeichnung „Göttinger Spatz“ an den Spiele-Journalisten Wieland Herold. Herold, der 21 Jahre lang in Göttingen lebte und heute in Oldenburg beheimatet ist sowie der Göttinger Geologe und Spieleautor Reinhold Wittig haben das Spieleautorentreffen Anfang der 1980er Jahre ins Leben gerufen. Anliegen ist es, dass sich beide Seiten, also Erfinder und Verleger, kennenlernen. Die einen können ihre ausgedachten Spiele vorstellen, die anderen bei der ein oder anderen Idee zugreifen, einen Prototypen entwickeln und vielleicht ein neues, millionenfach begehrtes Gesellschaftsspiel auf den Markt bringen.

„Es geht immer um schöne Sachen“

Von Verlegerseite sind zum Beispiel Josephine Thomas und Sebastian Rieneckert von der Spielkartenfabrik Altenburg nach Göttingen gekommen. Seit zehn Jahren bringe der Verlag auch Brettspiele heraus, erläutern die beiden. „Wir produzieren in großen Auflagen, aber wir kümmern uns auch um die Produktion von Prototypen“, sagt Thomas. Zur Erläuterung: Prototypen dienen der allgemeinen Veranschaulichung einer Spielidee, an der sich noch vieles ändern kann bis zur Serienreife. „Wir versuchen, zu beraten, zu optimieren“, benennt Rieneckert die selbstgestellten Aufgaben. Seine Kollegin beteuert: „Wir kümmern uns um jede Anfrage.“ Bei etwa 1500 Neuheiten im Jahr wisse man im Vorfeld einfach nicht, was ein Erfolg werden kann. Was beide an ihrem Beruf besonders erfreulich finden, ist: „Es geht immer um Kreativität, um schöne Sachen“, betont Thomas.

Das erste Mal überhaupt bei einem Spieleautorentreffen dabei ist Katrin Schulte aus Büren bei Paderborn. Sie ist Kinderphysiotherapeutin und hat ein Spiel kreiert, bei dem sich die Teilnehmer bewegen müssen. Es geht um Körperwahrnehmung, etwa ausatmen, einatmen, auf einem Bein hüpfen, den Hampelmann machen und beim „Teamplay“ um ein Miteinander, etwa beim Ball zuwerfen. Ein Spiel ab 4 Jahre. „Und das geht alles im Wohnzimmer“, betont die junge Frau. Geregelt wird das Spiel über Karten und Spaß sei dabei „ein großes Thema“. „Motorika“ hat Schulte ihr Spiel getauft.

Und dann ab in die Brotbüchse

Der Göttinger Student Marko Klenk ist auf dem Weg, Lehrer für Mathematik und Informatik zu werden. Der 35-Jährige hat auch schon in der Softwareentwicklung gearbeitet. Brettspiele könnten diesbezüglich als gute Vorbilder dienen, betont er, weil sie feste Regeln haben, die es umzusetzen gilt. Beim Spieleautorentreffen stellt er ein Kartenspiel vor, das drei bis sechs Personen spielen können. Die Idee: Auf dem Schulhof gilt es für die Schüler, Lebensmittel zu tauschen. Schließlich schmeckt nicht jedem Kind Brokkoli. Ziel ist es, Sets zu sammeln, bei denen zum Beispiel die Farbe übereinstimmt. Die kommen in die Brotbüchse. Doch Vorsicht vor der strengen Pausenaufsicht. Bei einem ähnlichen Treffen bei München hätten Verlage bei seinen Spielen zwar Interesse angemeldet, sagt Klenk. Aber das war es dann auch.

Thema Müll als Idee für Spiele

Wer sich mit Werner Falkhof aus Uslar unterhält, hat den Eindruck, mit einem leitenden Mitarbeiter aus dem Auswärtigen Amt zu sprechen. Der Weitgereiste kennt sich aus mit vielen Facetten der Weltpolitik und dem globalen Wirtschaften. In Nigeria musste er miterleben, wie Korruption das Leben bestimmt. Das, sagt er, solle niemand einfach verurteilen. Die Gehälter seien so niedrig, dass kaum jemand davon leben könne. Was er auch festgestellt hat, ist das mangelnde Verständnis für die Müllproblematik. Länder wie Nigeria würden ersticken am eigenen und am importierten Müll. Falkhof kann sich gut vorstellen, über Bildung und Schulung der jungen Generation eine Sensibilität zum Thema zu wecken.

„Hierfür könnten Spiele ohne den Zwang zum Lernen und ohne erhobenen Zeigefinger notwendige Informationen liefern“, hat er auf einem Flugblatt festgehalten, das er den Spieleautoren anbietet. Ziel soll es sein, Bildungsprojekte anzustoßen, begleitet von Spielmaterial. Falkhof will also dafür sorgen, dass sich in Afrika, Ozeanien, Indien und Sri Lanka Bewusstseinsbildung spielend vollzieht. „Am besten so, dass die, die spielen, es gar nicht merken“, sagt er. Dafür sucht er Spieleerfinder.

1 Euro erhält der Erfinder pro Spiel

Reich werden durch das Erfinden von Spielen ist so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto, weiß Ulrich Blum. Der Spieleautor mit Wohnsitz Köln arbeitet auch als Koch und Schauspieler, das Erfinden

Rund 200 Erfinder von Brett- und Kartenspielen aus Deutschland und Europa stellten ihre Kreationen vor.

von Spielen reicht nicht für die tägliche Butter aufs Brot. Mit seinem außergewöhnlichen Strategiespiel „Grand Cru“ konnte Blum einen Achtungserfolg erzielen. Es geht darum, erfolgreich einen Weinberg zu bewirtschaften. Doch millionenfach, so wie das Spiel „Siedler von Catan“ von Klaus Teuber, verkaufte sich Blums Spiel nicht. Zumal bei einem 30 Euro teuren Spiel nur etwa 1 Euro tatsächlich beim Erfinder landet. „Damit muss man umgehen“, sagt Blum, der von 2013 bis 2015 1. Vorsitzender der Spieleautorenzunft war. In Deutschland, schätzt er, können etwa 30 Erfinder tatsächlich von ihrer kreativen Arbeit leben. Alle anderen müssen sich in anderen Branchen verdingen, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Die Spieleautoren hätten keine starke Lobby. So sei die Forderung, dass analoge Spiele - als Publikationen, als Kulturgut – in den Sammlungskatalog der Nationalbibliothek aufgenommen werden, bislang nicht erfüllt worden. Immerhin würden die Erfinder besser gehört, seitdem sich die Spieleautorenzunft mit Christian Beiersdorf einen hauptamtlichen Geschäftsführer leistet. Auf die Frage, was wäre, wenn es keine Spiele gäbe, sagt Blum spontan: „Viel Langeweile.“

Gescheitert bei „kurz vor knapp“

Aus Tübingen ist Erlijn van Geruchten angereist. Wie der Name vermuten lässt, kommt die 33-Jährige ursprünglich aus den Niederlanden, konkret aus Eindhoven. Wie sich im Gespräch herausstellt, hat sie einen Doktor für Psychologie, arbeitet aber in der IT-Branche. „Ich kann mich für Spiele begeistern und denke, das ist doch dann bei anderen auch möglich“, sagt sie. Mitgebracht hat sie unter anderem ein Spiel für kleine Kinder. Es geht darum, auf kleinen Holzplatten aufgemalte Bilder wie ein Puzzle sinnvoll zu verbinden. „Ich habe es als Geschenk für meine Nichte entwickelt“, sagt Erlijn. Und wie hat die Nichte reagiert? „Ich habe es noch nicht verschenkt. Mein Traum ist es, dass ich es als offizielles Spiel verschenken kann“, sagt die junge Frau. Bei Ravensburger habe es eines ihrer Spiele schon bis „kurz vor knapp“ geschafft. „Dann wollten sie es aber doch nicht haben, weil es nicht ins Profil passte“, berichtet sie von einem für Spieleerfinder häufig erfahrenen Erlebnis.

„Spiele aus der Wiege gehoben“

Die weiteste Anreise hatten Spielerfinder aus Rumänien und von der italienischen Insel Sardinien. Sie begrüßt Göttingens Kultur- und Sozialdezernentin Petra Broistedt namentlich und überreicht beiden je einen Bildband mit Impressionen aus Göttingen. Sie outet sich als begeisterte Doppelkopf-Spielerin. Bei der Göttinger Zusammenkunft von Erfindern und Verlegern „werden die Spiele von morgen aus der Wiege gehoben“, befindet Broistedt. Sie dankt allen ehrenamtlichen Helfern des Treffens. Die Stadtverwaltung Göttingen ist seit 2017 als Mitorganisatorin dabei. Federführend mit dieser Aufgabe betraut ist Annegret Henne vom Fachdienst Kultur. „Ich freue mich jedes Jahr wieder auf diese Veranstaltung. Sie ist echt ein Höhepunkt im Kulturleben der Stadt“, sagt sie.

Stipendium für Michael Modler

Während der Sonnabend den Spieleerfindern und Verlagsvertretern vorbehalten ist, steht der Sonntag der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. Wer kommt, kommt rein, kostenfrei. Ein Programmpunkt am Sonntag ist die Bekanntgabe über die Vergabe des Stipendiums der Jury „Spiel des Jahres“ an einen Nachwuchs-Spieleerfinder. Die Entscheidung hat wiederum eine externe dreiköpfige Jury am späten Sonnabendabend getroffen. Nominiert waren sechs Spieleautoren, in den Genuss des Stipendiums kommt Michael Modler aus Ritterhude.

Wieland Herold, der die Laudatio hält, sagt über den 36-jährigen Sozialpädagogen: „Seit acht Jahren versucht er sich als Spieleautor und weiß um den steinigen Weg, den man gehen muss.“ Eines der Spiele, die Modler mitgebracht hat, wird mit Karten gespielt, die ein Loch haben. Die Spieler betreiben ihren eigenen Social Media Kanal. Ziel ist es, ein Star zu werden und möglichst viele Follower zu gewinnen.

Das Stipendium ermöglicht Modler, in mehreren Verlagen ein Praktikum zu durchlaufen, zum Beispiel in der „Spieleburg“ in der Göttinger Theaterstraße. Das Sortiment hier reicht von Familienspielen über Tabletop und Trading Card Games bis hin zu Kinder- und Babyspielzeug. Auch so können sich beide Seiten besser kennenlernen und vielleicht Steine aus dem Weg räumen.

Von Ulrich Meinhard

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