Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen 47 Meter tiefes Loch hält Region in Atem
Die Region Göttingen 47 Meter tiefes Loch hält Region in Atem
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:36 05.11.2010
Erdfälle bei Geismar aus der Luft: Der untere hat einen Durchmesser von 32 Metern. Die Absackung oben links ist von der Fläche größer als der Krater von Schmalkalden. Die drei Senken in den Hirsebreikuhlen sind ein Naturdenkmal.
Erdfälle bei Geismar aus der Luft: Der untere hat einen Durchmesser von 32 Metern. Die Absackung oben links ist von der Fläche größer als der Krater von Schmalkalden. Die drei Senken in den Hirsebreikuhlen sind ein Naturdenkmal. Quelle: Luftbild der Stadt Göttingen vom 11.4.2009
Anzeige

Spielende Kinder entdecken am 28. Februar 1968 eine seltsame Vertiefung auf einem Hügel westlich des Diemardener Berges. Zum Glück gehen sie nicht näher heran, denn das Loch ist, wie sich später herausstellt, einer der spektakulärsten Erdfälle in Niedersachsen. Die fast senkrecht abfallende Grube mit einem Durchmesser von fünf Metern ist 47 Meter tief, die unteren 18 Meter sind mit Wasser gefüllt. Oft ist an der Einbruchsstelle ein unterirdisches Poltern zu hören.
Für den Landwirt Helmut Magerhans ist der Erdfall auf seinem Grundstück mit viel Ärger und Mühe verbunden: Er muss das gefährliche Loch mit einem Zaun und mit Warnschildern weiträumig absichern.

Die Stadt, in deren Gebiet das Feld noch liegt, warnt Spaziergänger vor einem Blick in den Abgrund. Es bestehe die Gefahr, dass weitere Einbrüche auftreten oder die Grube sogar zusammenstürzen könne. Die Sorgen der Stadt hängen auch damit zusammen, dass es in der Nähe der Einsturzstelle weitere, schon ältere Erdfälle gibt. Das gesamte Gelände wird als einsturzgefährdet angesehen. Trotz aller Warnungen treten aber immer zahlreiche Neugierige den Zaun nieder, um sich einen Einblick in den furchterregenden Krater zu verschaffen.

Untersuchungen ergeben, dass es sich bei dem Loch um einen typischen Erdfall handelt. Im tieferen Gestein ist Gips ausgewaschen worden, dadurch ist ein Hohlraum entstanden. Als die Höhlendecke einbricht, setzt sich der Einsturz bis an die Erdoberfläche fort.

Für die Stadt stellt sich die Frage, was sie mit dem Krater machen soll. Im Mai wagt Kuno Priesnitz, Doktorand am Geologisch-paläontologischen Institut der Universität, eine spektakuläre Aktion: Er lässt sich, ausgestattet mit Schutzhelm und Schwimmweste, an einer verstärkten Strickleiter in die Tiefe des Schlundes abseilen, um wissenschaftliche Untersuchungen vorzunehmen. Das Loch hat zu diesem Zeitpunkt durch weitere Absackungen an der Oberfläche einen Durchmesser von sechs Metern – in der Tiefe weitet er sich auf 13 Meter. Etwa 2500 Kubikmeter Erde sind zu dieser Zeit in dem Krater versackt. Und das Gebilde hat ein störrisches Eigenleben: Eine Sprengung, bei der die Wände des Trichters abgeschrägt werden sollen, bleibt ohne Ergebnis.

Mit der Zeit allerdings wird der Schlund durch Abbrüche am Rand immer größer. Nach zwei Jahren hat sich der Durchmesser an der Erdoberfläche auf mehr als zehn Meter verdoppelt. Die Stadt intensiviert nun ihre Überlegungen, was mit dem Krater geschehen soll. Weiterhin pilgern Neugierige zum Loch: Der Maschendrahtzaun wird immer wieder zerstört, an den Rand des Abgrundes führt ein regelrechter Trampelpfad. Es wird eine Sprengung geplant, um den Schlund zum Einsturz zu bringen und so eine flache Senke entstehen zu lassen.

Im Juli 1971 ist das Loch an der Oberfläche bereits 270 Quadratmeter groß. Ständig bröckelt von den Wänden weiteres Gestein ab. Am 15. November findet der spektakuläre Krater ein spektakuläres Ende: Bei einer gewaltigen Explosion detonieren knapp drei Tonnen Sprengstoff. 25 000 Mark kostet die Stadt die Aktion, und sie ist ein Erfolg. Der Umfang des Kraters wächst zwar etwas, aber er ist nun nur noch acht Meter tief.

Von der sich plötzlich auftuenden Erde verschluckt zu werden, ist wohl eine Urangst des Menschen. Im Zusammenhang mit dem Erdfall 1968 muss jedoch klargestellt werden: Das Loch hat damals nicht einen Bauern mitsamt Ackergerät verschlungen. Schon Generationen vor dem damaligen Einbruch wurde in Geismar allerdings das Schauermärchen von einem Landwirt erzählt, der beim Pflügen mit seinem Gespann bei einem Erdeinbruch in die Tiefe gerissen worden sei.

Von Jörn Barke