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Göttingen 75 Jahre Kriegsende: Soll der 8. Mai ein bundesweiter Feiertag werden?
Die Region Göttingen 75 Jahre Kriegsende: Soll der 8. Mai ein bundesweiter Feiertag werden?
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20:15 08.05.2020
Pressekonferenz der Stadt Göttingen zur Corona Krise im Neuen Rathaus. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler Quelle: Christina Hinzmann / GT
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Göttingen

Soll der 8. Mai ein bundesweiter Feiertag werden? Darüber ist in diesem Jahr eine Diskussion in Deutschland entfacht. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt die Debatte zur richtigen Zeit. Ob Deutschland diesen Tag zum gesetzlichen Feiertag erklärt oder nicht, ist dabei im Grunde nebensächlich. Wichtig ist, den Anlass als erneute Anregung zur Diskussion zu nutzen.

In Göttingen waren die Tage vor 75 Jahren vergleichsweise entspannt. Stadtverwaltung und Universität waren sich darin einig, dass Göttingen nicht gegen die amerikanischen Truppen verteidigt werden sollte. Nur die Kreisleitung stand hinter der befohlenen Verteidigung. Ihr Plan war es, Frauen und Kinder in die Billingshäuser Schlucht zu führen, sobald der entsprechende Alarm gegeben würde. Dazu war es nicht mehr gekommen: Die Kreisleitung war bereits am 8. April verschwunden, der amtierende Oberbürgermeister konnte die Stadt um die Mittagszeit herum den amerikanischen Kampftruppen übergeben. Trotz dieses glücklichen Ausgangs für unsere Stadt soll diese Schilderung nicht darüber hinwegtäuschen, dass Göttingen sich zuvor sehr schnell den Nationalsozialisten zugewandt hatte. Hakenkreuz-Fahnen wehten in den Straßen unserer Stadt; der Zuspruch zum Nationalsozialismus lässt sich nicht schönreden.

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Diese Themen gilt es, wach zu halten

Eine weitere Frage taucht immer wieder auf wie ein Ball, den man unter Wasser zu drücken versucht, wenn es um den Nationalsozialismus geht: ‚Haben wir nicht genug über die Weltkriege und die Schuld Deutschlands gesprochen?‘ Jene, die diese Zeit selbst erlebt haben, werden weniger. Bald schon gibt es niemanden mehr, der die Unrechtherrschaft der Nationalsozialisten selbst erlebt hat. Wir und die nachfolgenden Generationen werden auf Geschichtsbücher, auf Aufzeichnungen und Mitschriften angewiesen sein, um aus Vergangenem zu lernen.

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 Je weniger Zeitzeugen es gibt, die aus eigenem Erleben von den Schrecken des Krieges und den Verbrechen der Kriegstreiber berichten können, desto lauter muss die Antwort auf diese Frage sein: Nein! Über diesen Krieg kann man nicht genug sprechen. Was hat zu ihm geführt? Wie kam es dazu, dass Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen und viele andere als ‚unwertes Leben‘ abgestempelt und misshandelt, entmenschlicht und millionenfach getötet wurden? Welche Folgen hatte dieser Krieg für die Geflüchteten und Traumatisierten, für ganze Generationen, die nach ihm kamen – diese Themen gilt es wach zu halten. Viel zitiert sind die Worte, die ein „nie wieder“ fordern.

„Nie wieder Krieg“

Nie wieder Krieg. Das ist leicht gesagt. Denn Kriege gab es auch nach diesem einen, verheerenden, unvorstellbar grausamen Krieg. Gerade einmal drei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Kapitulation der deutschen Wehrmacht fielen die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki; wieder Tote, wieder Leid für die Zivilbevölkerung. Damit war der Weltkrieg auch im Fernen Osten Geschichte.

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Gelernt wurde daraus – nichts. Kriege auf der ganzen Welt folgten. Lange war es in Deutschland ungeschriebenes Gesetz, sich nicht daran zu beteiligen. Dieses Tabu wurde zu Beginn der 1990er Jahre gebrochen: Die Bundeswehr wurde im Zweiten Golfkrieg eingesetzt. Mit einem Schwenk um 180 Grad änderte die SPD ihre Haltung; gegen Ende des Jahrzehnts waren auch die Grünen vom Kriegstabu nicht mehr überzeugt. Mit den sogenannten Jugoslawienkriegen gab es mitten in Europa erstmals wieder große Kampfhandlungen mit weitreichenden Folgen. Die Entscheidung der Bundesregierung, sich an Auslandseinsätzen zu beteiligen, ließ sich nicht mehr umkehren. Ob Somalia, Mali, Afghanistan oder Irak – Frauen und Männer aus Deutschland sind nach wie vor weltweit im Einsatz und riskieren ihr Leben.

Globale Kriegsauswirkungen

Der Sinn solcher Einsätze darf niemals Routine werden, sondern muss immer wieder diskutiert werden. Eine Erkenntnis aber müsste inzwischen jeder und jedem klar sein: Krieg führt selten zu Frieden. Heute wie früher ist die Flucht der betroffenen Menschen eine direkte Folge von kriegerischen Handlungen. Im Zweiten Weltkrieg, im Vietnamkrieg, in den Kriegen des Nahen Ostens – in Europa, ja auch in Göttingen erleben wir durch die Flüchtlingsströme immer auch die globalen Kriegsauswirkungen.

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75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stelle ich fest, dass neue Risiken für Deutschland und die Welt entstanden sind, die unseren Frieden bedrohen: Das Verhalten von Bündnispartnern wird brüchig; in Frieden zu leben ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Weltweit wird aufgerüstet. Deutschland liegt in Europa an der Spitze, was die Militärausgaben betrifft. Ich verstehe die Europäische Union zuvorderst als Solidar- und Wertegemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die auf humanitären Grundfesten aufgebaut ist, kann und darf die Augen nicht davor verschließen, was außerhalb dieser Gemeinschaft geschieht. Ob Krieg, Hunger oder Gewalt – die Geschehnisse in der Welt wirken sich auch auf unseren Alltag aus. Umgekehrt trägt die europäische Wirtschafts- und Umweltpolitik eine Mitverantwortung für diese Entwicklungen. Die Wechselwirkungen sind offensichtlich. Ob mehr Geld für Militär die richtige Antwort ist – darüber sollte es einen gesellschaftlichen Diskurs geben.

Verbot von Atomwaffen

Zugleich sehe ich in unserem Europa seit dem Ende des Kalten Krieges die Chance, ein Vorbild für die Welt zu bleiben. Uns gelingt es nach wie vor, bei offenen Grenzen und einem gemeinsamen Währungs- und Wirtschaftsraum, den Frieden zu wahren. Wenn es auch nur kleine Beiträge sind, setzt sich die Stadt Göttingen gerne und engagiert auf verschiedenen Wegen dafür ein, dass dies so bleibt: Wir sind beispielsweise dem Bündnis der Bürgermeister für den Frieden beigetreten und setzen uns für eine friedliche Welt ohne Atomwaffen ein. Aus gleichem Grund hat die Stadt den ICAN-Städteappell unterzeichnet, der global dazu aufruft, den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen zu unterstützen. Göttingen legt Wert auf seine Städtepartnerschaften, die zum wechselseitigen Verständnis der Völker beitragen und die Menschen einander näherbringen. Sie heben nicht das Trennende hervor, sondern das Verbindende.

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Der ungerechteste Frieden ist immer noch besser als der gerechteste Krieg. Diese weisen Worte von Cicero machen mir klar: Indem wir den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs bewusst begehen, uns den Ursachen und den Folgen stellen, schaffen wir eine weitere Grundlage für ein friedliches Miteinander. Wenn ein Feiertag dieser Grundlage Nachschub verleiht, dann will ich der letzte sein, der dem nicht zustimmt.

Von Rolf-Georg Köhler

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