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Göttingen Abgetaucht im Schwarzwald
Die Region Göttingen Abgetaucht im Schwarzwald
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06:18 01.04.2012
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Göttingen

Der habe sich, als ihn sein Betreuer gestern – wohl eher zufällig – telefonisch erreicht hat, krank gemeldet. Vielleicht hat er aber auch keine Lust oder was auch immer. Lässt sich ja auch nicht nachprüfen. Immerhin weilt K. seit einiger Zeit in Emmingen, irgendwo zwischen Stuttgart und Pfalzgrafenweiler im Schwarzwald.

Das darf doch wohl nicht wahr sein, denkt sich der Betrachter fassungslos. Immerhin ist K. nicht schwarz gefahren oder hat im Supermarkt eine Tüte Gummibärchen mitgehen lassen. Der 19 Jahre alte Angeklagte ist wegen schweren sexuellen Missbrauchs angeklagt. K. wird vorgeworfen, mit einer Elfjährigen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. In seiner ersten Vernehmung hatte das Opfer angegeben, dass der Akt einvernehmlich geschah.

Dennoch schreibt das Gesetz eine Haftstrafe zwischen zwei und zehn Jahren vor. Nicht ausreichend, um ihn in Haft zu nehmen, erklärt die Staatsanwaltschaft. Ein Haftgrund liege vor, wenn Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehe. Es stellt sich die Frage, ob man für eine Flucht extra in ein Land ausreisen muss, das nicht ausliefert. Eine Flucht in den Schwarzwald hat der Gesetzgeber wohl nicht in Betracht gezogen. Aber: Hinterher ist man immer schlauer.

Weil K. außerdem an einer seelischen Behinderung leidet, muss auch ein psychiatrisches Gutachten erstellt werden. Das ist schlechterdings unmöglich, solange K. nicht zu seinem Prozess kommen möchte. Inzwischen ist auch bekannt, dass K. sich freiwillig gar nicht begutachten lassen möchte. Warum ist das bekannt? Wollte er im vergangenen Herbst schon nicht, als er wegen einer anderen Straftat in Göttingen vor Gericht stand.

Unterbringungsbeschluss

Das damalige Gutachten ist unbrauchbar, weil die Sachverständige erkrankt ist. Nun muss für den Prozess ein völlig neues Gutachten erstellt werden. Das Gericht erließ deshalb einen Unterbringungsbeschluss. Nun soll K. mit Polizeigewalt ins Landeskrankenhaus Moringen gebracht werden. Bis dahin ist der Prozess ausgesetzt.

Unterdessen hat sich der Psychologe von K.s Opfer beim Gericht gemeldet. Die Elfjährige leide unter schweren Angstzuständen. Dass sich K. aus dem Schwarzwald übers Internet bei ihr melde, verstärke das. Via Facebook habe er dem Mädchen angekündigt, dass es ihn in der Verhandlung sehen werde. Ein perfides Psycho-Spiel. Der Therapeut bat das Gericht darum, Wege zu suchen, seiner Patientin eine Aussage vor großem Publikum, insbesondere vor dem Angeklagten zu ersparen. Sie würde sich für das Geschehene so sehr schämen

Von Lukas Breitenbach