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Göttingen Achim Sterr geht – Göttingens Herr der goldenen Kette sagt Tschüss
Die Region Göttingen Achim Sterr geht – Göttingens Herr der goldenen Kette sagt Tschüss
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08:00 05.07.2019
Der Herr der Bürgermeisterkette: Nach fast 49 Jahren im Dienst der Stadt Göttingen geht Achim Sterr in den Ruhestand. Für sein Engagement auch als geschäftsführer des Göttinger Partnerschaftsvereins hat ihm die Stadt Thorn die Ehrenmedaille verliehen. Quelle: Ulrich Schubert
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Göttingen

Er war der Wächter der schweren Bürgermeisterkette, Chef-Organisator herrschaftlicher Besuche im Alten Rathaus und fast buddhistische Ruhepol bei vielen Bürgerreisen. Jetzt hat sich Joachim (Achim) Sterr in den Ruhestand verabschiedet. Fast 49 Jahre stand der 65-jährige Groner im Dienst der Stadt Göttingen.

An der Wand hängt noch die große Collage mit Wimpeln aller Partnerstädte Göttingens und die außergewöhnliche Zeichnung der Göttinger Stadtansicht – „mit persönlicher Widmung von Uwe Brandi“, erzählt Sterr stolz. Dass er noch am Abend sein Büro (auf)geräumt haben soll, ist schwer zu glauben. Überall türmen sich Aktenstapel: Briefe, Reisepläne, Teilnehmerlisten, Hintergrundinfos über erwartete Gäste des Oberbürgermeisters. „Dabei geht heute nichts ohne einen sauber geführten Kalender im PC. Da sind vor allem alle wiederkehrenden Termine bis 2021 hinterlegt“, sagt Sterr. Und das sind viele: von den Neujahrsempfängen über die Gildenwahl, Händelfestpiele bis zu den Schützenfesten und politischen Gedenktagen.

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„Rede, Sitzordnung und alles Drumunddran

Alle musste Sterr mit seinem Team immer im Blick haben. Er musste dafür sorgen, dass der Oberbürgermeister oder einer seiner Vertreter als Repräsentant zur Stelle und vor allem auf einen Termin vorbereitet ist – „mit Rede, Sitzordnung und allem Drumunddran“. Bei städtischen Veranstaltungen musste er die Musik organisieren und das Catering.

Alleine 28 Neujahrsempfänge hat der Groner organisiert, bei Empfängen unzähligen Ministerpräsidenten, Ministern, Botschaftern und anderen Persönlichkeiten die Hand geschüttelt – darunter bedeutende Schriftstelle, die Lindepreisträger und Elchpreisträger. „Nur bei Prinz Andrew war jeglicher Körperkontakt ’not allowed’“, erinnert sich Sterr amüsiert.

Hohe Auszeichnung: Thorns Stadtpräsident Michał Zaleski überreicht Achim Sterr die Ehrenmedaille der Stadt. Quelle: R

„Hunderte“ Gäste hat er in der Dorntze zum Goldenen Buch der Stadt geführt, und das waren nur die Begegnungen im Rahmen seiner Repräsentationsaufgaben. Als Strippenzieher internationaler Begegnungen mit Göttingens vier Partnerstädten hat Sterr seit 2001 Festivals, Jugendcamps und Partnerschaftsreisen organisiert und „so interessante Menschen kennengelernt“. Vor allem mit Cheltenham in England und Göttingens Partnerstadt Thorn in Polen verbindet er „wunderbare Begegnungen“.

Freunde fürs Leben gefunden

„Sicher 30-mal“ ist er alleine nach Thorn gereist. Dort hat er Freunde fürs Leben gefunden und weiß darum Städtepartnerschaften zu schätzen: „Sie dienen der Völkerverständigung, und wir können nicht genug tun, damit Europa nicht auseinanderbricht.“ Dass Sterr dazu viel beigetragen hat, hat Thorn in besonderer Weise gewürdigt: Bei seinem letzten Besuch hat der Stadtpräsident ihm die Ehrenmedaille verliehen.

Inzwischen pflegt Göttingen auch Beziehung zum Stadtbezirk Qixia in China. Zweimal ist Sterr mit einer Delegation dorthin gereist und verbindet ausgerechnet damit seine einzige „schlimme Panne“. Bei der Rückkehr von der Unterzeichnung der Partnerschaftsvereinbarung hat er die Aktentasche mit den Partnerschaftsverträgen und anderen „ganz wichtigen Papieren“ im Zug liegen lassen. „Da war ich durch.“ Glück im Unglück. Vier Tage später tauchte sie wieder auf. „Mein Geld war weg, alles andere war noch da“.

Ein besonderes Auge musste Sterr bei Empfängen (auch) immer auf die goldene Bürgermeisterkette haben. Wird sie nicht gebraucht, liegt sie im Rathaustresor. Unterwegs musste er dafür sorgen, dass sie sicher im Hotelsafe verwahrt wurde – und sie pünktlich zum Termin dem amtierenden OB umhängen.

Abschiedsfeier: Achim Sterr mit seiner Nachfolgerin Nina Winter und Angelika Daamen (Stadtmarketing und Göttingen Tourismus). Quelle: R

 

Solche Aufgaben hatte Sterr sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht einmal erträumt. Nach der Verwaltungsausbildung landete er zunächst im Stadtsteueramt: „Gewerbesteuer, Buchstabe A-K, einige Millionen gingen so über meinen Tisch.“ Zehn Jahre später übernahm er die Leitung der Verwaltungsstelle Grone, weitere vier Jahre später wurde er persönlicher Referent des damaligen Oberbürgermeisters Artur Levi – der Einstieg in die Repräsentation. 2001 kamen die internationalen Beziehungen hinzu. Später wurde er auch Geschäftsführer des Partnerschaftsvereins. 2015 schließlich wurde er auch Ehrenamtsbeauftragter in der Flüchtlingshilfe. Auch hausintern hat Sterr Marken gesetzt, die nur wenige ihm zuschreiben dürften. Die Galerie der Ehrenbürger im Ratssaal war seine Idee, ebenso die Bürgermeister-Galerie vor dem OB-Büro. „Leider ist es mir nicht gelungen, unsere Kreisel nach unseren Partnerstädten zu benennen“, sagt Sterr. Jetzt will sich der Pensionär allerdings privaten Dingen widmen: der Musik – unter anderem bei den Rathausrockern, seinem Garten und der Familie.

Die Nachfolge ist geregelt

Nina Winter folgt Sterr

„Ich mache mein Büro frei für den Nachwuchs“, hat Joachim Sterr zum Ende seiner Dienstzeit angekündigt. Denn seinen Platz als Leiter des Büros für „Repräsentation und Internationale Beziehungen im Referat des Oberbürgermeisters“ übernimmt Nina Winter. Die 40-Jährige ist seit 2016 Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Parallel wird sie auch weiterhin für Bürgerbeteiligungen zuständig sein. Zu ihrem neuen Team gehören Karin Ropeter, Nora-Marie Kirchner, Jutta Ehlken-Winter und Petra Schug.

Von Ulrich Schubert