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14:05 04.08.2011
Harter Einschlag: Andreas Fuhrmann beim Zehn-Meter-Sprung. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Hunderte in den Becken und auf den Liegewiesen recken dann die Köpfe nach oben, um denen zuzusehen, die sich wagemutig ins Wasser stürzen. „Die sind doch verrückt“, denkt der eine, „das will ich auch mal machen“, der andere. Letzteres haben gestern, passenderweise am mit 30,2 Grad bisher heißesten Tag des Jahres, vier Mitarbeiter des Tageblatts in die Tat umgesetzt und den furchteinflößenden Turm erklommen – mit unterschiedlichem Ergebnis, wie rechts zu lesen ist.


Denn das Vorhaben kann durchaus schmerzhaft enden. Entweder, wenn man nach exakt 38 Stufen oben auf der großen Plattform des Zehn-Meter-Turms steht und weiche Knie bekommt – und unter den stechenden Blicken des Publikums den Rückzug über die Treppe antreten muss. Oder aber, wenn man in der Luft dermaßen ungelenke Bewegungen macht, dass man unsanft auf dem Wasser aufschlägt. An Schauergeschichten, dass sich Springer dabei schon einmal den Bauch aufgerissen hätten, sei zwar nichts dran, sagt Schwimmmeister Nietzold. Ein Mann habe sich vor Jahren bei einem Sprung aber immerhin einen Milzriss zugezogen.Ansonsten sind die Folgen eines verunglückten Sprungs wenn überhaupt gerötete Stellen, die aber durchaus ordentlich brennen können. Dafür aber gibt es ein einmaliges Flugerlebnis und das Gefühl, es sich und den anderen bewiesen zu haben.

„Zehn Meter“: Wenn Schwimmmeister Rolf Nietzold zur vollen Stunde den Zehn-Meter-Sprungturm im Göttinger Freibad am Brauweg per Mikrofonansage öffnet, erklimmen sie wieder die Stufen, die Mutigen, die Furchtlosen, die selbsternannten Turmspringer. Zum Artikel

Der Zehn-Meter-Turm im Freibad am Brauweg ist übrigens nicht nur der älteste in Göttingen (ansonsten gibt es nur noch einen im Weender Freibad), sondern auch der geschichtsträchtigste. Er wurde mit der Eröffnung des Freibads am Brauweg im Jahr 1928 in Betrieb genommen und ist ein Originalnachbau des Sprungturms der Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam. Dieses Jahr nun wurde die Stahlkonstruktion umfangreich saniert. Dabei erhielt der Turm nicht nur einen neuen Anstrich, sondern erhielt auch neue Böden: Die früheren Holzbretter wurden durch große Metallplatten ersetzt. Die sind zwar etwas rutschiger, dafür passiert es nicht mehr, dass man sich beim Anlauf einen Holzsplitter in den Fuß rammt – was dann im Endeffekt schmerzhafter sein kann als der Sprung selbst.

Schwimmmeister Nietzold, dessen Ansagen mittlerweile Kult sind, kann also auch noch in den kommenden Jahren einen Springer nach dem anderen mit seinen legendären zwei Wörtern auf die Reise schicken: „Zehn Meter.“

Von Andreas Fuhrmann

Und was ist mit Pommes?

Ein Kopfsprung? Salto? Und wenn ja, vorwärts oder rückwärts? Dann kommt die Anweisung vom Videografen: „Spring mal mit Anlauf.“ Na gut, ein bisschen simpel, aber bitte. Drei Schritte zurück – und los! „Ganz schön rutschig auf dem Aluminiumboden“, denke ich noch. Auf dem Weg nach unten überlege ich, was ich auf die Pommes drauf nehme. „Schranke“ klingt nach Stammgast, aber ich mag keinen Ketchup auf Pommes. Der Sprung misslingt natürlich völlig. Wegen dieses doofen Anlaufs lande ich mit der linken Pobacke voran. Es klatscht erbärmlich, und es tut höllisch weh. Der Kollege am Beckenrand lacht sich ins Fäustchen: „Nochmal?“ Ich: „Na klar!

luk

Achterbahn – nur schneller

In dem Moment, als ich über die Kante trete, kommt der Adrenalinstoß. Es ist das gleiche Gefühl wie auf der Achterbahn im letzten Wagen. Ich hatte mir vorgenommen, das Gefühl zu genießen; wollte sehen, wie das Wasser immer näher kommt und sich mein Blickfeld über dem Freibad langsam verengt; wollte die Arme anlegen, damit ich mir beim Aufprall aus zehn Metern Höhe nicht weh tue. Aber nichts da. In dem Moment, als ich über die Kante trete, geht mein Hirn auf Stand-by. Erst beim Eintauchen ins kalte Wasser komme ich wieder zu mir. Vom Flug habe ich nichts mitbekommen. Aber ich bin gesprungen. Und irgendwann vorm Eintauchen hab ich sogar Luft geholt.

ma

Fast wie ein Wolkenkratzer

Nur 38 Stufen sollen das sein? Noch nie ist mir ein Weg so lang vorgekommen wie der auf diesen wolkenkratzerähnlichen Zehn-Meter-Turm. Schön viel Zeit, um sich noch mal vorzustellen, was alles schiefgehen kann. Oben genieße ich dann erst mal den herrlichen Ausblick – bis ich das erste Mal einen Blick nach unten wage. Ganz schön tief. Im Nachhinein erinnere ich mich nur noch an drei Dinge: Dass ich während des Flugs krampfhaft versuchte, meine Arme an den Körper zu legen; dass nach dem Eintauchen meine Fußsohlen brannten; und dass ich nach dem Auftauchen nur noch eins wollte – schnell wieder die 38 Stufen raufklettern und noch einmal springen.

afu

Oben ohne im Wasser

Gebt mir einen Tennisschläger in die Hand oder legt mir einen Fußball vor die Füße. Keine Frage, ich bin sportlich, doch mit der Höhe hab ich’s nicht so. Seit gestern weiß ich, dass ich niemals von einem Zehn-Meter-Turm springen werde. Zum einen kann ich das meiner Höhenangst zuschreiben, zum anderen meiner Kollegin. Die nämlich bewunderte mich anfangs noch dafür, dass ich den Sprung im Bikini wagen wollte. Prompt sah ich mich schon oben ohne im Wasser schwimmen – ein Bild, das ich mir gar nicht weiter ausmalen wollte. Rückwärts ging es daher für mich die Treppe wieder hinunter. Einen Tipp gab mir anschließend die zehnjährige Marla: „Das nächste Mal machst du einfach die Augen zu.“

kku