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Göttingen Gute Nachrichten: „HIV ist unter Therapie nicht übertragbar“
Die Region Göttingen Gute Nachrichten: „HIV ist unter Therapie nicht übertragbar“
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00:40 01.12.2019
Aktionsstand der Göttinger AIDS-Hilfe am Kornmarkt in Göttingen aus Anlass des Welt-AIDS-Tages - hier mit (v.l.) Marc Thiele, Dennis Rössig, Simone Kamin und Aline Jatko. Quelle: Eichner-Ramm
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Göttingen

Dutzende „Taddys“ sitzen aufgereiht am Stand der Göttinger AIDS-Hilfe und gucken aus ihren kleinen Knopfaugen auf die Passanten, die vorbeiflanieren. Einige kommen näher und kaufen einen der kuscheligen Botschafter für ein selbstverständliches Zusammenleben mit HIV-positiven Menschen.

Aktionsstand der Göttinger AIDS-Hilfe: hier verkauft Dennis Rössig, zwei Taddys an Elke Schulze. Quelle: Eichner-Ramm

Eine von ihnen ist Elke Schulze. Die Göttingerin ersteht an diesem Sonnabend gleich zwei der kuscheligen Teddybären mit dem „A“ im Namen. Die Bärchen sehen in jedem Jahr anders aus, erzählt Schulze, die schon mehrere „Taddys“ verschenkt habe. Auch diesmal seien die beiden Plüschbären ein Geschenk. Sie kaufe sie aber auch, weil sie die Arbeit der AIDS-Hilfe unterstützen möchte: „Ich finde das wichtig.“

Aktionsstände in Göttingen, Northeim und Einbeck

Der aktuelle Taddy. Quelle: Eichner-Ramm

Seit Jahren wird der „Taddy“ zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember verkauft. Auch in diesem Jahr bieten die Mitarbeiter der Göttinger AIDS-Hilfe den AIDS-Teddybären an Aktionsständen in Göttingen, Northeim und Einbeck an. 2019 tragen sie serienmäßig einen Rucksack. Der „Taddy“ ist nicht nur Sympathieträger und sozusagen „Türöffner“ für viele Gespräche am Aktionsstand. Vor allem soll er diesmal auf die „beste Nachricht aller Zeiten“ in der Göttinger Fußgängerzone aufmerksam machen: „HIV ist unter Therapie nicht übertragbar“.

„Unbegründete Ängste“

Für Simone Kamin, Sprecherin der Göttinger AIDS-Hilfe und Mitglied der Geschäftsführung, ist das die Kernbotschaft, die mit Hilfe der „Taddys“, Flyern und weiterem Informationsmaterial und natürlich auch in den Gesprächen am Aktionsstand verbreitet werden soll. „Mit HIV zu leben oder mit einem HIV-positiven Menschen zusammen zu leben, kann heute ganz selbstverständlich sein“, ergänzt Präventionsfachkraft Luca Siemens. Siemens: „Mit HIV kann man heute dank erfolgreicher Therapie gut und lange leben. HIV ist dann auch beim Sex nicht übertragbar. Menschen mit HIV können auf natürlichem Weg Kinder bekommen. Im alltäglichen Miteinander, bei der Arbeit oder beim Sport kann HIV sowieso nicht übertragen werden. All diese Informationen bedeuten für HIV-Positive und ihre Partner eine riesige Erleichterung und helfen vielen anderen Menschen, unbegründete Ängste vor einer Übertragung abzubauen.“

„Stigmatisierung endlich überwinden“

Mit diesen Botschaften werde es immer besser gelingen, Diskriminierung und Stigmatisierung endlich zu überwinden, ist Kamin überzeugt. „Für eine gute Lebensqualität HIV-positiver Menschen ist erstens die rechtzeitige Diagnose und Behandlung der Infektion wichtig und zweitens ein informiertes, entspanntes und solidarisches Umfeld.“

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Viel schwerer als die Infektion selbst, wiege für viele HIV-positive Menschen die Sorge, auf Vorurteile und Ausgrenzung zu stoßen. „Leider findet Diskriminierung auch dort statt, wo man sie am wenigsten erwarten sollte“, sagt Kamin. Zum Beispiel im medizinischen Kontext. „In manchen Zahnarztpraxen kommt es vor, dass HIV-positive Patienten keinen Termin bekommen oder immer nur den allerletzten.“ Im medizinisch-pflegerischen Alltag reichten Standard-Hygienemaßnahmen vollkommen aus, um eine HIV-Übertragung auszuschließen, versichern die Mitglieder der Göttinger AIDS-Hilfe bei ihren Gesprächen am Aktionsstrand. Unter HIV-Therapie seien ohnehin „alle Übertragungsrisiken ausgeschlossen“, so Kamin.

„Handlungsbedarf im Gesundheitssystem“

Handlungsbedarf besteht nach Auffassung Kamins im Gesundheitssystem: „Viele Mediziner denken nicht an die Möglichkeit einer HIV-Infektion, wenn Patienten nicht selbst darauf zu sprechen kommen – und nicht zu einer der Hauptbetroffenengruppen gehören. Wir sind aber auf einem guten Weg: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Menschen, die zum Zeitpunkt der HIV-Diagnose bereits an AIDS erkrankt waren, um fast zehn Prozent gesunken.

Zahlen und Fakten

Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sinkt die Zahl der HIV-Neuinfektionen seit 2015 kontinuierlich. Im Jahr 2018 haben sich 2400 Menschen mit HIV infiziert, das sind etwa 100 weniger als im Vorjahr. Fast 90000 Menschen leben in Deutschland mit HIV. Diese Zahl steigt seit Jahren, weil nur noch relativ wenige Menschen an den Folgen der HIV-Infektion sterben. Insgesamt leben noch immer 10600 Menschen in Deutschland unwissentlich mit HIV. Das UN-AIDS-Etappenziel für das Jahr 2020, dass 90 Prozent aller Menschen mit HIV diagnostiziert sein sollen, verfehlt Deutschland noch (aktuell 88 Prozent).

Die Göttinger AIDS-Hilfe bietet interessierten Menschen in ihrer Beratungsstelle an der Oberen Karspüle 14 in Göttingen, Telefon 0551/4 37 35, beispielsweise Informationen zu allen Fragen rund um HIV/Aids, sexuelle Gesundheit und Selbstbestimmung. ist der HIV-Selbsttest erhältlich und kann auch direkt bei uns durchgeführt werden. Menschen mit HIV und ihre Angehörigen finden nach Angaben von Caroline Herberhold, eine der beiden Geschäftsführerinnen der Göttinger AIDS-Hilfe, „die gewünschte Unterstützung, von der ersten Beratung nach einer frischen HIV-Diagnose bis hin zu Freizeit-und Selbsthilfeangeboten.“ Außerdem wird ein HIV-Selbsttest während der Öffnungszeiten der AIDS-Hilfe für 20 Euro angeboten. Ein reaktives Testergebnis biete allerdings noch keine sichere Aussage, ob eine Person HIV-positiv oder HIV-negativ ist, sondern mache einen Labortest erforderlich. Dieser könne kostenlos und anonym beim Gesundheitsamt gemacht werden.

Sie nimmt Bezug auf die neuesten epidemiologischen Erkenntnisse des Robert-Koch-Instituts (RKI): „Es gibt einige erfreuliche Entwicklungen: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sinkt seit 2015 kontinuierlich. Im Jahr 2018 haben sich 2400 Menschen mit HIV infiziert, das sind etwa 100 weniger als im Vorjahr. Bei den Männern, die Sex mit Männern haben, der am stärksten betroffenen Gruppe, ist die Zahl der Neuinfektionen seit 2012 um mehr als ein Viertel zurückgegangen.“ Kamin nennt einen der Hauptgründe dafür: „HIV-Infektionen werden in dieser Gruppe in den letzten Jahren früher diagnostiziert und behandelt.“ Damit würden auch weitere Infektionen verhindert, denn eine behandelte HIV-Infektion schütze Sexpartner zuverlässig vor einer Übertragung.

Prophylaxe möglich

Übrigens sei sichere Schutzwirkung der sogenannten Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) als Langzeiteinnahme wissenschaftlich nachgewiesen, ergänzt Kamin. Dabei nähmen HIV-Negative vorbeugend HIV-Medikamente zum Schutz vor einer HIV-Infektion ein. In Deutschland übernähmen seit 2019 die gesetzlichen Krankenkassen alle dafür anfallenden Kosten. Ärztliche Beratung und Begleitung, Vor- und regelmäßige Kontrolluntersuchungen zu HIV, anderen sexuell übertragbaren Infektionen und Nierenwerten seien dabei notwendig. Die einzige Praxis im Raum Göttingen, die dies anbiete und entsprechende Kassenrezepte (GKV) ausstellen könne, sei die Gemeinschaftspraxis Waake, so Kamin.

Die Autorin erreichen Sie per E-Mail an b.eichner-ramm@eichsfelder-tageblatt.de oder unter Telefon 05527/9499712.

Der Artikel wurde korrigiert.

Von Britta Eichner-Ramm

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