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Göttingen Bestandsschutz statt Widerstand
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14:55 22.11.2017
Göttinger Akademiemitglieder im Nationalsozialismus, Referentin Desiree Schauz, 21.11.2017, Göttingen. Foto: Swen Pförtner Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (bis 1942 Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen) besteht seit 1751, damals gegründet von König Georg II von Großbritannien, Kurfürst von Hannover. Während die meisten anderen Akademien der Wissenschaften ihre Geschichte zur NS-Zeit bereits aufgearbeitet haben, steht dies für die Göttinger Akademie noch aus, erklärte die mit den Untersuchungen beauftragte Schauz. Die Habilitandin der Technischen Universität München hat die auf drei Jahre angelegten Forschungen zur NS-Geschichte der Göttinger Akademie erst im Februar dieses Jahres begonnen, so dass sie am Dienstag nur eine vorläufige Bestandsaufnahme liefern konnte.

Ein Grundzug des Handelns und Wirkens in der NS-Zeit habe sich allerdings jetzt schon herausgeschält: Das Hauptinteresse der Akademie in diesen Jahren sei die Bestandswahrung des traditionellen Wissenschaftsbetriebes einschließlich der Versuche der Abwehr massiver politischer Einflussnahme durch das NS-Regime gewesen. Von einem Widerstand im eigentlichen Sinne könne hingegen keine Rede sein.

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Als Beispiel für das Verhalten der Akademie unter den Umständen einer immer stärkeren Politisierung des universitären Lebens brachte Schauz den Umgang mit dem Rektor und späteren Prorektor Friedrich Neumann ins Spiel. Neumann war der erste Rektor, der die Georgia Augusta unter dem neuen Modell des Führerprinzips leiten sollte. Im Mai 1933 trat er sein Amt an und wurde im gleichen Monat Mitglied der NSDAP. Damals an der Universität eine durchaus verhasste Figur, dauerte es bis zum Jahr 1943, bis er in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde. Auch weil er sich bis dahin immer wieder über Berufungsvorschläge von Kollegen hinweggesetzt hatte, gab es erhebliche, aber nicht offen ausgetragene Widerstände gegen Neumann.

Andererseits wurden nach und nach ausländische, aber vor allem jüdische und sogenannte „jüdisch versippte“ wie auch aus sonstigen politischen Erwägungen heraus unerwünschte Wissenschaftler gezwungen oder gedrängt, die Akademie zu verlassen. 28 solcher Fälle listete Schauz auf, darunter so prominente Namen wie Albert Einstein, Lise Meitner, Max Born, James Franck, Otto Stern oder Eduard Fraenkel.

Ab 1935 musste sich die Akademie der Angriffe des neu gegründeten NS-Dozentenbundes erwehren, der sich als Gegenpol zu der etablierten Akademiker-Elite verstand. Das habe nicht nur zu einer Konkurrenz der Institutionen geführt, sondern auch zu Machtkämpfen und Anfeindungen auf persönlicher Ebene. Dabei habe die Akademie der traditionellen Einheit von Natur- und Geisteswissenschaften den Vorzug gegenüber der von der Gegenseite vertretenen Schwerpunktsetzung auf den natur- und technikwissenschaftlichen Bereich gegeben.

Bisher, so Schauz, liege erst ein oberflächliches Bild des Verhaltens der Göttinger Akademie in der NS-Zeit vor. Der Grund: Bislang habe sie erst die institutionellen Quellen ausgewertet. Es sei möglich, dass diese Bestände in der Endphase des sogenannten Dritten Reiches oder aber in der frühen Nachkriegszeit gesäubert wurden. Konkrete Hinweise darauf habe sie jedoch nicht, erklärte die Wissenschaftlerin.

In einer zweiten Arbeitsphase des auf drei Jahre angelegten Projekts will Schauz nun personenbezogene Unterlagen aus Privatbeständen, beispielsweise aus Nachlässen, in Augenschein nehmen. Damit werde sich die Geschichte der Göttinger Akademie in der NS-Zeit deutlich differenzieren lassen, erwartet die Wissenschaftlerin.

Von Matthias Heinzel

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