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Göttingen Alarmierend: Immer mehr Leerstände in Göttingens Innenstadt
Die Region Göttingen Alarmierend: Immer mehr Leerstände in Göttingens Innenstadt
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18:36 18.04.2014
Von Michael Brakemeier
Einer von mindestens 40 leerstehenden Läden in der Innenstadt: Immobilie in der Kurzen Straße. Quelle: Heller
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Göttingen

In der Groner Straße, Groner-Tor-Straße und im Papendiek häufen sich die Leerstände.

Mindestens 40 leere Ladenlokale gibt es nach einer Tageblatt-Zählung derzeit in der gesamten Göttinger Innenstadt.

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Willi Klie, Vorsitzender des Göttinger Einzelhandelsverbandes, spricht sogar aktuell von 57 leerstehenden Geschäften. „Die Hälfte werde aber wohl wieder eröffnet“, vermutet Klie. Einige Immobilien werden etwa für eine Neueröffnung umgebaut.

Es gebe aber auch Leerstände, die ihm Sorgen bereiteten: Hauptsächlich, so Klie, sind das Leerstände in den Seitenstraßen. „Aber eben auch in der Groner Straße.“ Nach Klies Schätzungen hat sich die Zahl leerer Geschäfte in Göttingen innerhalb der vergangenen Jahre fast verdoppelt. Ein ähnlicher Anstieg sei auch in anderen Großstädten zu beobachten.

Weender Straße stark nachgefragt

Auch bei Pro City sind die Leerstände in der Stadt ein Thema. Derzeit aktualisiert City-Managerin Sabine Warkentin eine zwei Jahre alte Liste. Bevor die nicht fertig ist, wolle sie sich aber nicht zu dem Thema äußern, erklärt sie auf Anfrage.

Wenn der Weg bei einem Stadtbummel ins Zentrum erst einmal geschafft ist, strahlt Göttingen in ganzer Pracht. Die Weender Straße, nur noch in kleinen Teilen durch Bauarbeiten belastet, ist das Herzstück der Einkaufsmeile. Hier scheint die Welt noch in Ordnung.

Frisch sanierte Gebäudefronten und reges Treiben in den Geschäften sind zu beobachten. Leerstände sucht man hier vergebens. „Die Weender Straße wird weiterhin stark nachgefragt, vor allem von Filialisten“, erläutert Klie.

Ein anderes Bild bieten jedoch die Seitenstraßen: vielerorts Trostlosigkeit. Einstmals urige Kneipen sind verwaist und dem schleichenden Verfall ausgesetzt. Auch viele Einzelhandelsgeschäfte warten auf neue Mieter. So sind allein in der Groner Straße, der Langen Geismarstraße, der Nikolaistraße und der Kurzen Straße derzeit 19 leere Läden zu finden.

Hoffnung setzt Klie in ein Sanierungsgebiet „Südliche Innenstadt“, für das die Stadt Fördermittel beantragen will. „Die mittelfristige Umgestaltung des Groner Tores würde auch die Leerstände dort beseitigen“, glaubt Klie. Ein deutlich attraktiverer Eingangsbereich könnte dort entstehen, auch die Groner Straße würde davon profitieren.

85 000 Quadratmeter in 477 Läden

In der Fortschreibung des kommunalen Einzelhandelskonzepts Göttingen, die das Dortmunder Planungsbüro Junker und Kruse im Oktober 2013 vorgelegt hat, stellen die Planer fest: „Die Hauptlage in der Groner Straße wirkt abschnittsweise eher unscheinbar.“

In ihrem Konzept sind nur 23 leer stehende Ladenlokale mit rund 2000 Quadratmetern Verkaufsfläche in der Innenstadt verzeichnet. Diese verteilten sich zum Erhebungszeitraum der Untersuchung im März 2013 „sehr verstreut“ und überwiegend auf verschiedene Rand- beziehungsweise Nebenlagen der Innenstadt.

„Es zeigt sich jedoch keine Konzentration, die auf strukturelle Probleme bestimmter Teilbereiche der Innenstadt hindeutet“, heißt es in dem Konzept. Junker und Kruse werteten die damalige Leerstandsquote von vier bis fünf Prozent als „niedrig“. Nur zwei Prozent von 85 000 Quadratmetern Verkaufsfläche in 477 Läden standen damals leer.

Kleine Läden gehe verloren

Allgemein gelte: „Während Fachmärkte, Einkaufscenter sowie discountorientierte Vertriebsschienen nach wie vor massiv auf den deutschen Einzelhandelsmarkt drängen, ist parallel dazu ein immer größer werdender Leerstand von kleinen und großen Ladenlokalen innerhalb zentraler Geschäftslagen zu beobachten.“

Einen Grund der zunehmenden Leerstände sieht Klie in einer Abnahme der Kundenzahl in Göttingen, wie auch in anderen Städten. Neben stadtgemachten Gründen wie Parkgebühren trage auch der boomende Internethandel dazu bei.

Das sieht auch der Niedersächsische Industrie- und Handelskammertag (NIHK) so: Durch den Vormarsch des Online-Handels blieben vielerorts die Kunden weg. „Der Online-Handel – ob mit dem PC oder, vor allem bei jüngeren Kunden, mit dem Smartphone – gewinnt immer mehr an Bedeutung“, sagt Jürgen Lutz, NIHK-Sprecher für Handel und Dienstleistungen, „also müssen wir etwas tun.“

Online-Handel auf dem Vormarsch

Nach Schätzungen des Handelsverbandes Deutschland steigt der Online-Anteil 2014 auf neun Prozent (38,7 Milliarden Euro) am Gesamtumsatz des Handels (440 Milliarden Euro).

Unterdessen hat der grüne Oberbürgermeisterkandidat Siegfried Lieske sich darüber  besorgt gezeigt, dass die Einzelhandelsflächen im Quartier Am Leinebogen immer noch nicht vermietet sind. Dadurch verkomme ein Teil der Innenstadt mit hohem Potenzial zu einer toten Ecke. Er schlägt vor, mit dem Investor zu verhandeln, die Ladenflächen bildenden Künstlern zur Verfügung zu stellen. „Dadurch wird das Quartier aufgewertet und belebt“, meint Lieske.

Viele Immobilien stehen in der Innenstadt leer.

Von Kay Weseloh und Michael Brakemeier