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Göttingen Alte Dame um 750 000 Euro erleichtert
Die Region Göttingen Alte Dame um 750 000 Euro erleichtert
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19:21 07.09.2009
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Das Paar hatte ab 2003 eine damals 90-jährige vermögende Frau ausgenommen wie eine Weihnachtsgans: Die alte Dame hatte dem Mann, einem Architekten, eine unbegrenzte notarielle Vollmacht über ihr Vermögen ausgestellt. Dann zapfte das Paar das Konto an: 2003 verschwanden zunächst zweimal 10 000 Euro von ihrem Konto, gleich danach auf einen Schlag weitere 100 000 Euro.

2004 starb die vertrauensselige Frau. Weil die Vermögensvollmacht über den Tod hinaus wirksam blieb, konnte sich das Paar jetzt völlig ungeniert bedienen. Zuvor hatten sie noch ein weiteres Konto auf den Namen der alten Dame eingerichtet, um deren Reichtümer einfacher zu eigenem Vorteil abwickeln zu können. Bis 2006 leiteten die beiden insgesamt 754 000 Euro auf eigene Konten um - zum großen Teil für einen aufwändigen Lebenswandel, zu einem geringen Teil auch für eigene Projekte. 31 einzelne Überweisungen führte die Anklage auf.

„Bodenlose Dummheit“

Sowohl der Hauptangeklagte als auch seine 72-jährige Lebensgefährtin räumten sämtliche Vorwürfe der Staatsanwaltschaft ohne wenn und aber ein - einzige Chance für den 77-Jährigen, mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen, wie August-Wilhelm Marahrens als vorsitzender Richter ausführte. Ohne Geständnis hätte das Gericht in eine sehr komplizierte Beweisaufnahme eintreten müssen. Einige Vorwürfe hätten sich womöglich gar nicht erhärten lassen, zumal auch die Geschädigte nicht mehr als Zeugin hätte gehört werden können. Zu Lasten der Angeklagten ginge hingegen die hohe Schadenssumme.

Letztlich hätten die Angeklagten „die Vollmacht als Selbstbedienungsladen“ angesehen: Vielleicht wäre es gar nicht aufgefallen, wenn nur kleinere Beträge abgezapft worden wären. Insgesamt sei diese massive Veruntreuung „eine bodenlose Dummheit“ gewesen, die irgendwann habe auffallen müssen.

Das freimütige Einräumen der Vorwürfe honorierte das Gericht mit einem vergleichsweise milden Urteil: zwei Jahre für den Hauptangeklagten, sechs Monate für seine Lebenspartnerin. Beides entsprach sowohl dem Antrag der Staatsanwaltschaft wie auch den Vorstellungen der Verteidigung.

Bei beiden Angeklagten, erklärte Richter Marahrens weiter, seien auch angesichts ihres fortgeschrittenen Alters keine weiteres kriminelles Tun zu erwarten. Daher könnten die Strafen zur Bewährung ausgesetzt werden. Allerdings muss der 77-Jährige als Auflage 20 000 Euro zahlen.

Von Matthias Heinzel