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Göttingen Neues im Alten Botanischen Garten: Systematik-Beete werden Bienen-Paradiese
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Alter Botanischer Garten Göttingen: neues Konzept, mehr Insekten

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17:30 03.10.2021
Im neuen Evolutionsgarten des Alten Botanischen Gartens: Michael Schwerdtfeger, (Mitte) Kustos und wissenschaftlicher Leiter des Alten Botanischen Gartens, die Biologen Fionn Pape (re.) und Thomas Fechtler (beide BSG).
Im neuen Evolutionsgarten des Alten Botanischen Gartens: Michael Schwerdtfeger, (Mitte) Kustos und wissenschaftlicher Leiter des Alten Botanischen Gartens, die Biologen Fionn Pape (re.) und Thomas Fechtler (beide BSG). Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Eine Reihe Nelkengewächse, eine Reihe Lippenblütler: Damit ist im Alten Botanischen Garten Schluss. Die Systematische Abteilung der Anlage ist und wird umgestaltet – zum Evolutionsgarten.

Ein grauer, aber milder Sonntag im Oktober. Zahlreiche Besucher flanieren am Mittag durch den Alten Botanischen Garten: Senioren, Studenten, Familien. Doch der Garten ist nicht nur ein Hotspot für Besucher, sondern vor allem auch einer der Biodiversität mitten in Göttingen. Es ist Herbst und trotzdem summt und brummt es kräftig in den Blüten, Büschen und Mauerspalten. Ein Admiral flattert umher, im Mönchspfeffer-Busch sind etliche der in Norddeutschland selten vertretenen imposanten Blauen Holzbienen zu beobachten. Auch Deutschlands größte Wildbienenart lebt dort. Ackerhummeln und andere Wildbienen lassen sich auf Schopfsalbei und Astern nieder. „Ein Insektenbuffet”, sagt Kustos Michael Schwerdtfeger.

Etliche Exemplare sind auf dem Mönchspfeffer zu beobachten: Die Blaue Holzbiene (Xylocopa violacea), die größte hier vorkommende Wildbienenart. Quelle: Peter Heller

Und genau das soll die neue Anordnung der Pflanzen künftig bieten. Es werden nicht weniger Pflanzenarten als zuvor zu sehen sein – 8000 gibt es in der Anlage –, nur sind sie in veränderter Anzahl und Anordnung in den Beeten zu finden.

„Der Alte Botanische Garten verzeichnet jährlich 80000 bis 100000 Besucher”, erklärt Schwerdtfeger. Allerdings gebe es keinen Universitätsgärtner mehr, der sich um die Anlage kümmert. Das übernehmen weitgehend ehrenamtlich tätige Göttinger. Einst waren Botanische Gärten wichtige Bestandteile in der Forschung und Lehre der Biologischen Fakultät. „Heute werden sie dafür kaum mehr gebraucht, die Biologie hat sich verändert”, sagt der Kustos.

Mitglieder des Freundeskreises der Botanischen Gärten kümmern sich schon lange um den 285 Jahre alten Garten. Auch der Arbeitskreis Wildbienen der Biologischen Schutzgemeinschaft (BSG) Göttingen engagiert sich dort. Gemeinsam haben sie den Garten umgestaltet. „Bislang gab es dafür nur Lob von den Besuchern”, sagt Schwerdtfeger.

Ehrenamtliche Vereine

Wer die ehrenamtlichen Naturschützer unterstützen möchte, kann sich hier melden und informieren: Die Biologische Schutzgemeinschaft Göttingen (BSG), eine gemeinnützige Vereinigung für Natur- und Umweltschutz zu GöttingenGeiststraße 2, ist unter Telefon: 0551 - 434 77 oder unter der Email: mail@biologische-schutzgemeinschaft.de zu erreichen.

Der Förderverein der Botanischen Gärten in Göttingen setzt sich „für den Erhalt und Ausbau der Botanischen Gärten ein“. Die Freunde der Botanischen Gärten in Göttingen, Grisebachstraße 1a, sind unter Telefon 0551/39 5713, 39 5725 oder 39 5755 und unter Email rcallau@gwdg.de zu erreichen.

„Der Alte Botanische Garten ist die artenreichste innerstädtische Fläche in Göttingen, eine Vielzahl seltener, gefährdeter und geschützter Arten kommt hier vor, wie etwa der Juchtenkäfer, die Geburtshelferkröte – und deutlich mehr als 100 Wildbienenarten”, erklärt Fionn Pape von der BSG. Derzeit läuft eine Untersuchung, die der Biologe Thomas Fechtler fast abgeschlossen hat. Ziel ist, zu erforschen, wie viele Wildbienen Arten tatsächlich dort leben.

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„1996 wurde die Artenvielfalt der Bienen bereits einmal untersucht, damals wurden 92 Arten festgestellt”, erklärt Fechtler. Er rechnet damit, dass es heute deutlich mehr sind. „Beispielsweise haben sich einige wärmeliebende Arten klimawandelbedingt ausgebreitet” erklärt er. Die imposante Schwarze Holzbiene zählt auch dazu. Ein immenser Vorteil des Botanischen Gartens sei, dass er so alt ist. Dadurch hätten sich wertvolle Strukturen erhalten. „Deshalb konnten sich hier zahlreiche Arten ansiedeln, die bis heute überdauert haben, während sie anderswo im Stadtgebiet durch Überbauung der Lebensräume ausgestorben sind”, erklärt Biologe Pape. Denn Wildbienen nisten nicht nur in Totholz, sondern vor allem im Boden.

Michael Schwerdtfeger, (re) Kustos und wissenschaftlicher Leiter des Alten Botanischen Gartens, Fionn Pape (li) und Dipl.-Biologe Thomas Fechtler (beide BSG), hier an der Nisthilfe für Wildbienen. Quelle: Peter Heller

Im neuen Evolutionsgarten sind bereits Beete umgestaltet worden, Teile der alten Mauer sind wieder zu sehen und eine neue Nisthilfe wird bereits kräftig von den Insekten genutzt. Ein Stamm mit dem richtigen „Mürbegrad“ sei das Zuhause von zahlreichen schwarzen Holzbieben, erklärt Fechtler. Händeweise Holzmehl am Boden zeugen von der Aktivität der Tiere.

Schwerdtfeger, Pape und Fechtler informieren auch auf Exkursionen regelmäßig darüber, wie Göttinger in ihren Gärten mit den richtigen Pflanzen und Hilfen ebenfalls seltene Wildbienen ansiedeln können.

Seltene Pflanzen wie die Felsen-Fetthenne oder die Berg-Aster, die einzig in Niedersachen im Bereich der Plesse zu finden ist, bieten im Botanischen Garten Futter für die manchmal hochspezialisierten Wildbienen. Auch der Wilde Wein, der an der Mauer zum Nikolausberger Weg emporrankt, musste an einem Stück der Mauer für wertvollere Pflanzen wie die Zaunrübe weichen. „Der Wein hat mich lange genug gelangweilt”, sagt Schwerdtfeger. Damit findet nun die extrem seltene Zaunrüben-Sandbiene auch ein Zuhause im Alten Botanischen Garten.

Von Britta Bielefeld