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Göttingen „Amoklauf in Obernfeld“ gegen Frauen vom Pflegedienst
Die Region Göttingen „Amoklauf in Obernfeld“ gegen Frauen vom Pflegedienst
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19:41 10.08.2011
Von Jürgen Gückel
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Göttingen/Obernfeld

Alles läuft auf eine Unterbringung in der Psychiatrie hinaus. Die aggressive, lamentierende, von Selbstmitleid triefende und von Vorwürfen strotzende Art, wie er über die Pflege seiner Eltern und die eigene Tat spricht, lässt erahnen, wohin die Reise geht. Einsicht in das Unrecht seines Verbrechens fehlt. Er will sich nicht einmal daran erinnern. Ein Zuckerschock sei schuld, dass er „wohl getan“ habe, wovon er aber nichts wisse. Einzig, dass er mit blutiger Hand und seinem „rasierklingenscharfen“ Messer in den Fingern im Bad stand, will er noch erinnern.

Der wegen gefährlicher Körperverletzung Angeklagte ist 57 und seit 30 Jahren Frührentner wegen Diabetes. Er lebte stets bei den Eltern, habe aber eine Freundin, betont er: „Eine Millionärin, mit allem Drum und Dran.“ Seit 2008 teilte er sich die Pflege mit Mitarbeiterinnen eines Pflegedienstes. Die Frauen trauten sich kaum noch ins Haus. Der 57-Jährige sei aggressiv, oft betrunken, habe sie auch eingeschlossen.

Deshalb war die Pflegedienstleiterin mit Verstärkung gekommen, um mit den Senioren über eine Lösung zu beraten. Am 28. Januar, 10 Uhr, kam es zu der folgenschweren Unterredung am Krankenbett. Aggressiv, so zwei der Frauen – die dritte ist bis heute nicht vernehmungsfähig und in stationärer Behandlung –, habe sich der Sohn eingemischt. Es sei mit ihm gar nicht zu reden gewesen. Er habe immer wieder das enge Schlafzimmer der Eltern verlassen. Schließlich habe er mit dem Filetiermesser in der Tür gestanden, es wortlos einer der Frauen in den Bauch gerammt. Die Pflegeakte, schützend vor den Leib gehalten, verhinderte Schlimmstes.

Sofort, so eines der Opfer, eine 31-jährige Pflegeberaterin der AOK, sei sie in den Flur geflüchtet. Dort sei es zur Rangelei gekommen, während der er auch ihr das Messer in den Bauch stieß, knapp vorbei an der Milz. Sie konnte sich in der Küche einschließen. Er versuchte, die Tür einzudrücken. Dann widmete er sich der ins Bad geflüchteten Kollegin, brach splitternd die Tür auf und stand mit dem Messer vor ihr. „Da habe ich mich entschuldigt, ihn für seine Pflege gelobt und beruhigend auf ihn eingeredet“, schildert die Zeugin. „Todesangst hatte ich.“ Er sei ruhiger geworden, habe abgelassen, das Messer weggelegt, sei vors Haus gelaufen und habe sich „wie ein geprügelter Hund auf dem Rasen gewunden“.

Der Prozess im Schwurgericht wird am 22. August fortgesetzt. Gestern wunderte sich der Angeklagte, „dass aus dem Dorf nicht wenigstens ein paar Neugierige gekommen sind.“