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Göttingen Angeklagter Leberchirurg stellt sich als Opfer des Transplantations-Systems dar
Die Region Göttingen Angeklagter Leberchirurg stellt sich als Opfer des Transplantations-Systems dar
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17:55 19.08.2013
Von Jürgen Gückel
Gruß mit dem Daumen nach oben: Angeklagter Aiman O. (2. v. r.) mit seinen drei Verteidigern. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, hat den 46-Jährigen sichtlich angefasst. Zwar hat seine Verteidigung schriftlich gegenüber der Presse alles zurückgewiesen. Zwar vermittelt auch er den Eindruck, dass er alle Vorwürfe als falsch und ungeheuerlich empfindet und dass es vielmehr das widersprüchliche Vergabesystem sei, das ihn in diese Lage gebracht hat. Doch konkret zu den 14 Anklagepunkten äußert er sich nicht.

Diese wiegen schwer: In elf Fällen, so liest Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff mit Namen der Patienten, Datum und allen einzelnen Schritten bis zur Transplantation vor, habe er Patienten operiert, die nach den Regeln der Bundesärztekammer und der europäischen Vergabestelle für Spenderorgane Eurotransplant noch nicht an der Reihe gewesen wären. Er habe falsche Angaben über die Notwendigkeit von Dialyse (Blutreinigung) gemacht, habe in anderen Fällen Patienten transplantiert, obwohl sie noch nicht seit sechs Monaten alkoholabstinent waren.

Zum Auftakt des Prozesses um Betrug bei Organtransplantation hat der angeklagte Mediziner alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der frühere Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin bestritt am Montag im Landgericht Göttingen in einer Erklärung seiner Verteidiger, Manipulationen bei der Verteilung von Organen vorgenommen oder veranlasst zu haben. © Theodoro da Silva

Und er habe bewusst falsche Laborwerte melden lassen, um Patienten zu einem besseren Meld-Score zu verhelfen. Dieser Wert – je höher, umso schneller die Zuteilung eines Organs – reicht von sechs bis 42. Laut Anklage sollen Patienten einen Score von 17 oder 20 gehabt haben, seien durch die Manipulationen aber auf 40 gekommen und hätten deshalb noch am selben Tag eine Spenderleber erhalten. Im Fall eines russischen Patienten habe O. durch Falschangaben diesen auf Rang zwei der Liste gehievt, obwohl er bei wahren Angaben auf Rang 34 gelegen hätte. Weil er dadurch den Tod wartender Patienten billigend in Kauf genommen habe, wird O. elffach versuchter Totschlag vorgeworfen.

Schließlich breitete die Anklage das Schicksal dreier Patienten aus, die nach der Transplantation durch O. gestorben waren. In ihren Fällen soll er transplantiert haben, nur weil sich die Gelegenheit ergeben habe, eine Spenderleber kurzfristig zu erhalten. Dies bestreitet der Angeklagte vehement. Jeder Patient auf seiner Warteliste habe eine neue Leber zwingend benötigt, auch wenn er aktuell weniger Beschwerden hatte. Es sei ihm stets ums Wohl der Patienten gegangen. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

Ehefrau als Beistand

Ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Prozess: Wann sitzt schon die Ehefrau offiziell zugelassen mit auf der Anklagebank als Beistand? Während im Gerichtssaal Juristen versuchen, herauszufinden, was am Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) geschah und wie es strafrechtlich einzuordnen ist, werben draußen vor der Tür Organtransplantierte für die Organspende. Die Bereitschaft dazu habe seit Bekanntwerden des Skandals 18 bis 30 Prozent abgenommen. Als Gründe nehmen die einen den Skandal und den Glaubwürdigkeitsverlust selbst, die anderen – konkret der Verteidiger – sieht die Staatsanwaltschaft in der Verantwortung. Vielmehr, so kontert diese, sei der Grund offenbar, dass sich die Menschen wegen des Skandals intensiver mit den Problemen der Organspende beschäftigt haben.
Wie riesig das Interesse am Thema ist, zeigen nicht nur ein halbes Dutzend Übertragungswagen, viele Fotografen und 32 Journalisten, sondern auch ein voller Zuhörersaal. Und Aiman O.s Anwälte nutzten gleich die Chance, schriftlich und teils völlig überzogen die Presse aufzufordern, ihren Mandanten zu anonymisieren. Selbst noch ins laufende Verfahren hinein beklagt sich einer der Anwälte darüber, dass gerade die Bild-Zeitung online den Angeklagten nicht genügend unkenntlich gemacht habe.

Verteidiger Stern greift Staatsanwaltschaft massiv an

Eingangsstatements von Verteidigern kommen im Strafprozess selten vor, sie werden kaum geduldet. Diesmal anders. Massiv hat Steffen Stern, einer von drei Verteidigern des Transplantationsmediziners Aiman O., zu Beginn des Prozesses die Staatsanwaltschaft angegriffen. Danach musste der vorsitzende Richter Ralf Günther daran erinnern, dass es staatlich zugewiesene Aufgabe der Strafverfolgungsbehörde ist, ihre strafrechtliche Bewertung der Vorwürfe gerichtlich überprüfen zu lassen – und dass alle Gerichte im Zusammenhang mit der Haft die strafrechtliche Einschätzung bisher bestätigten. 

Stern hatte schon vor Prozessbeginn Presseerklärungen verbreitet, in denen die „Vorwürfe entschieden zurückgewiesen“ werden. In seinem Eingangsplädoyer sprach Stern von „übelsten Unterstellungen“, einem „Zerrbild“, das die Staatsanwaltschaft da konstruiert habe, das sich seriöse Juristen nicht bieten lassen würden. Die Braunschweiger Behörde habe überdies lange den falschen Eindruck aufrecht erhalten, es ginge bei den Vorwürfen um Korruption, obwohl es nicht den geringsten Hinweis darauf gebe. Regelungen im Arbeitsvertrag O.s, die ihm 1500 Euro je Monat mehr versprechen (zusätzlich zum Grundgehalt von 14 000 Euro), wenn er mehr als 21  (2008) beziehungsweise 31 (ab 2009) Transplantationen vorweise, seien auch in den Medien verzerrt dargestellt worden.

100 000 Euro Leistungsboni erhalten

O. selbst erklärte später, gerade diesen Passus in allen Arbeitsverträgen für Chef- und Oberärzte der UMG stets bekämpft zu haben, weil er ihn für ethisch fragwürdig halte. Das könne er mit dem Schriftverkehr vor Einstellung belegen. Der Vorstand habe ihm diese zweifelhafte Boni-Regel aufgedrängt. Er habe sie immer loswerden wollen. Er selbst habe nie auf Geld geschaut. Immerhin, so räumte er ein, habe er in den drei Jahren seiner Arbeit in der UMG rund 100 000 Euro Leistungsboni erhalten.

In der Eingangskritik des Verteidigers spielte die Karenzregel für Alkoholpatienten eine weitere Rolle. Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer müssen Alkoholiker mindestens sechs Monate trocken sein, ehe sie auf eine Transplantationsliste genommen werden dürfen. In fünf Fällen, so wird O. vorgeworfen, habe er transplantiert, ohne dass die Regel eingehalten war. Stern meinte, dass es „ungeheuerlich“ sei, dass Alkoholkranke durch diese Regel in ihren Grundrechten verletzt würden. Dies sei – und er bemühte plakativ den Schießbefehl für Mauerschützen als Vergleich – eine Anweisung von oben zum Totschlag. Das, so Stern, „ist der eigentliche Skandal, dass man Alkoholkranke sterben lässt“.

Umstrittenes System des Meld-Scores

Schließlich griff Stern das hoch umstrittene System des sogenannten Meld-Scores an. Der Score spiegele nicht wider, wie vom Tode bedroht der Patient wirklich sei. Das könne nur der Arzt beurteilen. Es könnten viele Erkrankte gerettet werden, wenn nicht systembedingt mit der Transplantation gewartet werde, bis es oft zu spät ist.

Am Ende geißelte der Anwalt noch Staatsanwaltschaft und Gerichte, weil sie seinem Mandanten willkürlich Fluchtabsicht unterstellten. Das sei „absurd“. Er habe sich vielmehr extrem bemüht, Kontakt zu den Ermittlern zu halten. Dass er im Ausland nach einer neuen Stelle gesucht habe, sei nur natürlich. Schon in der Haftprüfung hatte Stern einmal formuliert: „Die Festnahme des renommierten Mediziners komme „seiner sozialen Hinrichtung gleich“.