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Göttingen Angelina Jolie auf Polnisch: Im Nachtbus nach Torun
Die Region Göttingen Angelina Jolie auf Polnisch: Im Nachtbus nach Torun
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16:49 10.07.2009
Zigarettenpause: Der 20-jährige Adam Konikiewicz nutzt eine der Pausen während der Busfahrt nach Thorn.
Zigarettenpause: Der 20-jährige Adam Konikiewicz nutzt eine der Pausen während der Busfahrt nach Thorn. Quelle: Barke
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Abfahrt nach Thorn soll um 22 Uhr sein. Es ist um diese Zeit aber noch kein Bus da, dafür aber ein schnurrbärtiger Mann, der mit polnischem Akzent erklärt, der Bus habe etwa eine Dreiviertelstunde Verspätung. Der Mann gehört zu einem Reisebüro in Kassel, von dem nicht ganz klar wird, in welchem Verhältnis es zur Deutschen Touring GmbH in Frankfurt steht, bei der ich das Busticket gebucht habe.

Als ich dem Mann aus Kassel das Ticket zeige, zieht er die Stirn in Falten. Es könne sein, das ich damit Schwierigkeiten bekomme, meint er. Ich solle in Zukunft immer bei seinem Reisebüro buchen, das sei das Beste, sagt er und drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. Meinen Einwand, dass mein Ticket durch die Pressesprecherin der Touring ausgestellt sei, überhört er und verschwindet wieder.

Polnische Verlobte

Mit mir wartet der 21-jährige Daniel Steglich aus Thüringen auf den Bus. Er will zu seiner polnischen Verlobten nach Olsztynek fahren, die er über das Internet bei einem Computerspiel kennengelernt hat. Anfangs hätten sich die beiden auf Englisch unterhalten, mittlerweile sprächen sie auch Deutsch, berichtet er. Seit drei Jahren fährt er regelmäßig nach Polen. Er ist aus Gotha mit dem Zug nach Göttingen gefahren, nun will er mit dem Bus weiter. Dies sei billiger und weniger anstrengend, denn auf ausländischen Bahnhöfen umzusteigen, sei manchmal schwierig.

Eine Kritik hat Daniel am internationalen Busbahnhof in Göttingen: Es gibt keinen Unterstand. Wenn der Bus sich verspätet, kann man ganz schön nass werden. Zum Glück ist es heute trocken. Zwischen die Bretter der Sitzbank ist einiger Müll geklemmt. Einmal, so Daniel, habe die Busfahrt 25 Stunden gedauert. Der Bus war defekt und musste eine Werkstatt anfahren, außerdem gab es Staus infolge von Unfällen auf der Autobahn.

Gemeinsam warten auch Egon Bomert und Maria Groszek auf den Bus. Bomert wohnt in Sooden-Allendorf, Groszek fährt mit dem Bus nach Lódz´. Die beiden sind Verwandte, die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden Vertreibung der Deutschen getrennt wurden. Der 67-jährige Bomert, Sohn eines polnisch-deutschen Ehepaares, stammt ursprünglich aus dem polnischen Korridor, den Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg an Polen abtreten musste. Die 70-jährige Groszek hat sich bereits ein Kissen für die Nachtfahrt unter den Arm geklemmt. Auch sie meidet die Zugfahrt, um nicht zu oft umsteigen zu müssen.

Es ist dunkel geworden. Der Bus kommt mit 45 Minuten Verspätung. Mit meinem Ticket gibt es keine Schwierigkeiten. Meine Sitzplatznummer wird per Hand auf das Ticket geschrieben. Auf dem Fernsehbildschirm läuft „Der fremde Sohn“, der neue Hollywood-Film mit Angelina Jolie – in polnischer Synchronisation. Das heißt: Ein Sprecher spricht alle Rollen, auch die von Jolie, und das mit eher mäßiger Leidenschaft. Im Hintergrund läuft unterdessen leise die englischsprachige Originalfassung.

Die beiden polnischen Busfahrer machen Durchsagen nur auf Polnisch, was mir wenig hilft – in solchen Situationen lernt man die bisweilen eigenwillig ausgesprochenen englischen Ansagen der Deutschen Bundesbahn schätzen. Einer der beiden Fahrer steuert den Bus mit ziemlich flotter Geschwindigkeit, der andere döst auf seinem Sitz vor sich hin. Gegen 23 Uhr haben sich die meisten Fahrgäste im schummrigen Dunkel des Busses schon in den Zustand des Dösens zurückgezogen. Nach dem Ende des Films wird um 23.25 Uhr der Fernseher ausgemacht.

Kurz darauf geraten wir in einen Stau und kommen deshalb noch später als geplant in Braunschweig an. Die alte Dame, die dort zusteigt, war sich nicht sicher, ob sie vergessen worden ist. Die 75-jährige Deutsche hatte fast zwei Stunden auf den Bus gewartet, bis sie um 0.45 Uhr zusteigen konnte. Sie fährt einmal im Jahr zu ihrer Cousine in die Nähe von Lódz. Von dort stammt die 75-Jährige. Ihre Familie flüchtete nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht sofort. Das habe ihre Familie „dick und dreifach wiedergekriegt“, meint sie. Nach vielen Repressionen und Schikanen konnte ihre Familie dann 1950 ausreisen, die Cousine blieb zurück, da der Kontakt abgerissen war. Während sie von dieser Zeit berichtet, schiebt der Busfahrer eine CD mit polnischer Disco-Musik ein. Die 75-Jährige setzt sich neben Daniel.

Taube im Bus

Der Rest der Nacht ist ein Gemisch aus immer wieder ein paar Minuten Schlafen, Tankstellen, Autobahnbrücken, nach der Grenze in einem mehrere Kilometer langen Niemandsland vorüberziehende Motels und Night Clubs und noch mehr Tankstellen und Raststätten, gerne mit blinkender Werbung. Im polnischen Radio wird Tina Turner gespielt. Wenn der eine Busfahrer fährt, wird es etwas kälter. Denn er dreht die Lüftung auf, in die er den Rauch seiner Zigarette atmet. Wir müssen in Poznan umsteigen.

Auf dem letzten Wegstück lerne ich den 20-jährigen Adam Konikiewicz kennen, einen Studenten aus Torun, der sehr gut Deutsch spricht. Er war vier Monate als Au-pair bei einer Familie mit zwei Kindern in Neuss. Die Familie sei sehr nett gewesen, aber dann wurde das Heimweh übermächtig. Zwischenzeitlich watschelt eine Taube durch den Bus; sie ist offensichtlich einem Mitreisenden ausgebüchst.

Heute Abend will Adam sich erst einmal wieder mit seinen Freunden treffen und in einer Disco Party machen. Und stolz berichtet er vom neuen Speedway-Stadion in Torun und das Torun Meister im Speedway geworden ist. Dann trennen sich gegen 10 Uhr morgens unsere Wege: am modernen Busbahnhof der Stadt.

Von dort startet einige Tage später um 17.30 Uhr die Rückfahrt nach Göttingen. Auf den Bus nach Deutschland wartet ein 17-jähriger polnischer Schüler. Mit seiner Großmutter und seinem Cousin will er Verwandte in Dissen besuchen, wie er mir auf Englisch erklärt. Er fährt bereits das dritte Mal nach Deutschland.

Der 48-jährige Janusz Zielinski will seine Schwester in Düsseldorf besuchen, die einen Deutschen geheiratet hat. Zielinski hat selbst zehn Jahre in Düsseldorf gelebt und dort in einem Restaurant gearbeitet. Nun wohnt er in Torun und arbeitet in einem Restaurant in der Nähe der Stadt. Eine ältere Polin fährt in die Nähe von Köln. Sie pflegt dort für zwei Monate einen kranken älteren Mann. Auch sie hat Verwandte in Deutschland, im Oldenburger Raum.

Nach dem Umsteigen in Posen sitze ich auf der durchgehenden Bank hinten im Bus neben einer jungen Mutter, die neben sich ihr Baby in einem Sitz für Kleinkinder liegen hat. Es schläft fast die ganze Fahrt friedlich, auch als es allmählich hell wird – und für mich Zeit auszusteigen: in Göttingen, am internationalen Busbahnhof ohne Unterstand.

Ein Video zur Reise finden Sie hier.

Von Jörn Barke

09.07.2009
09.07.2009