Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Angreifer will sich verteidigt haben
Die Region Göttingen Angreifer will sich verteidigt haben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:51 23.08.2011
Von Jürgen Gückel
Politische Messerstecherei: Jetzt steht der Täter vor Gericht.
Politische Messerstecherei: Jetzt steht der Täter vor Gericht. Quelle: PH
Anzeige
Göttingen

Angeklagt ist ein 40 Jahre alter Deutscher, der alle Deutschen für „Hunde“ hält. Seine Wurzeln hat der Diplomingenieur im Iran; als Schüler kam er nach Deutschland. Am 15. Januar hat er auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus so lange mit der Daueransage „Deutsche sind Scheiße“ provoziert, bis einer – auch ein Deutscher, aber aus Russland – nach ihm mit einem amerikanischen „Coffee to go“ warf. Dann griff der Angeklagte an. Als sich zwei Passanten schlichtend dazwischen stellten, wurden beide durch Messerstiche teils lebensgefährlich verletzt.

Der Angeklagte ist hoch intelligent, aber zwei Kriege im Mittleren Osten, seine Arbeitslosigkeit, Scheidung und Streit ums Kind scheinen ihn um den Verstand gebracht zu haben. Die Anklage geht von verminderter Schuldfähigkeit aus. Er ist in der Psychiatrie untergebracht. Arbeit hat der Mann, der früher mehrere amerikanische Schnellrestaurants leitete, nicht mehr, seitdem er seine politische Überzeugung in Form einer iranischen Fahne und dem Schriftzug „Chef“ auf der Brust trägt. Gemeint ist damit, dass er den Iran für den Chef, die einzige Supermacht der Erde hält, die Asien und Afrika militärisch wie wirtschaftlich beherrsche. Amerikaner seien abgeschrieben, Deutschland sei „Scheiße“.

„Wie eine kaputte Schallplatte“, so eine Zeugin, habe der Mann diesen Satz immer und immer wiederholt. Neben ihm habe eine Aktentasche mit dem Aufdruck „Deutsche sind Hunde“ gestanden. Auch Angela Merkel sei beleidigt worden. Man habe gerätselt, sagt die Partnerin eines der verletzten Schlichter, ob das Comedy oder „Verstehen Sie Spaß?“ war. Das andere Opfer glaubte an eine verlorene Wette, sein Leidensgenosse beschreibt die Szene als „völlig skurril“. Man sei in Sorge gewesen, dass sich jemand provoziert fühlt.

So geschah es. Ein Deutschrusse aus Herzberg – im Gericht muss er gedolmetscht werden – verstand immerhin so viel, dass er solch unflätige Beleidigungen seinen Kindern „und auch anderen“ nicht zumuten wollte. Er ließ seine Tochter die Polizei rufen, sprach den Provokateur an und warf mit einem Kaffeebecher nach ihm. Es folgte ein Angriff, bei dem er zu Boden ging. Zeugen, die beiden späteren Opfer, griffen schlichtend ein. Plötzlich habe der Angeklagte ein großes Messer in der Hand gehabt und zugestochen – erst einem Mann aus Laboe in die Brust und am Kopf, dann einem Göttinger in den Arm. Ob das beim Herumfuchteln passiert sein kann, fragt der Richter. Nein, „in fließender, koordinierter Bewegung, die so zielgerichtet war, dass sie traf, wo sie treffen sollte“, so das Opfer.

Diese Darstellung belastet schwer. Der Angeklagte stellt stattdessen alles als Verteidigung dar. Er sei es, der angegriffen wurde. Vorher habe er „keiner Fliege was zuleide getan“. Er sei es, der angepöbelt und beleidigt wurde. Dass das Messer zwei Menschen traf, sei „durch die Kraft der Einwirkung der Passanten“ passiert.