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Göttingen Frankfurter Investor kauft 430 Apartments in Göttingen
Die Region Göttingen Frankfurter Investor kauft 430 Apartments in Göttingen
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12:59 22.04.2019
Ansicht Groner Landstraße 9: Auch hier hat die Coreo AG gekauft. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen, Göttingen

 Die Frankfurter Coreo AG hat in Göttingen mehr als 430 Apartments gekauft. Auf der Homepage des börsennotierten Unternehmens wird in Göttingen eine Fläche 13.754 Quadratmetern mit einer 98-prozentigen Belegungsrate geworben. Wissenschaftler Dr. Michael Meißner und dessen Mitarbeiter Robin Marlow vom Geografischen Institut der Universität Göttingen befürchten eine „Gefahr” für die Mieter. Denn: Bei den Wohnungen handelt es sich um sogenannte Mikroapartments für überwiegend einkommensschwache Mieter. Als Adressen werden von den Geografen die Groner Landstraße 9-9a, Maschmühlenweg 4-6, Untere-Masch-Straße 13, Hagenweg 20-20a, Sollingstraße 3, Am Weißen Steine 1a und Ruhstrathöhe 16-20a genannt.

Jährlich 1,2 Millionen Euro Einnahmen

„Obwohl angesichts des Kaufpreises von 9,3 Millionen Euro Mieten möglich wären, die nach Kriterien der Stadt Göttingen für niedrige Einkommen bezahlbar wären, besteht allein schon aufgrund der Finanzierungsart des Unternehmens die Gewissheit, dass das Unternehmen eine andere Strategie verfolgen wird”, so Marlow. Die Wohnungen haben bereits im vergangenen Jahr den Besitzer gewechselt.

Der Branchendienst „4investors.de” vermeldet beispielsweise, dass das Unternehmen Coreo jährlich rund 1,2 Millionen Euro mit den rund 13.000 Quadratmeter Mietfläche einnimmt. „Wir beabsichtigen, das Portfolio technisch zu modernisieren und den Ausbaustandard der Wohnungen zu steigern. Der Wohnungsmarkt in Göttingen weist ein gutes Wachstum auf und es besteht eine ungebrochene Nachfrage nach kleinen Wohnungen”, wird Coreo-Vorstand Marin Marinov zum Bestand in der Universitätsstadt auf dem Portal zitiert.

Verdrängung befürchtet

Das Unternehmen rechnet demnach mit Wertsteigerungen. Den Göttinger Geografen zufolge will der Investor an den Standorten, an denen er Wohnungen besitzt, „auch alle anderen Wohnungen in seinen Besitz bringen und den Rest des bisherigen Portfolios abstoßen”. Welche Objekte gehalten werden sollen, lasse sich laut der Forscher noch nicht abschließend sagen. Mießner und Marlow gehen davon aus, dass Coreo sich auf die folgenden fünf Objekte konzentrieren möchte: Groner Landstraße 9-9a, Maschmühlenweg 4-6, Untere-Masch-Straße 13, Hagenweg 20-20a und Sollingstraße 3. Aus dem Objekt Untere-Masch-Straße 13, direkt am Platz der Synagoge, sollen die Bewohner demnach bis Sommer 2019 ausgezogen sein. „Hier zeigt sich bereits die direkte Verdrängung, die das Unternehmen betreibt”, schreibt Marlow.

Die Coreo AG beschreibt sich selbst als „ein auf deutsche Gewerbe- und Wohnimmobilien fokussiertes und dynamisch wachsendes Immobilienunternehmen. Investitionen erfolgen in Immobilien mit erheblichem Wertsteigerungspotenzial bei bestehendem Entwicklungsbedarf, bevorzugt in Mittelzentren. Ziel ist der Aufbau eines effizient bewirtschafteten, renditestarken Immobilienportfolios mittels umsichtiger Entwicklung und Verkauf von nicht strategischen Objekten.”

Interview mit Dr. Michael Mießner vom Geografischen Institut der Universität Göttingen

Der Göttinger Wissenschaftler Dr. Michael Mießner vom Geographischen Institut der Universität Göttingen forscht unter anderem über die Auswirkungen des Immobilienbooms auf deutsche Städte. Er befürchtet eine Verdrängung der Mieter.

Dr. Michael Mießner: Wissenschaftler am Georgrafischen Institut Uni Göttingen Quelle: FotoStube Hornig

Wenn ein großes Unternehmen mehr als 450 Apartments im Billigsegment in Göttingen kauft, wie wirkt sich das aus?

Unserer Einschätzung nach ist es unwahrscheinlich, dass die Wohnungen auf Dauer günstig bleiben werden. Es ist eine Verdrängung der Menschen mit geringen Einkommen aus den Coreo-Beständen zu erwarten.

Bislang wird für diese Wohnungen ja meist genau soviel Miete verlangt, wie das Amt als Höchstgrenze zahlt. Ein lukratives Modell für Vermieter. Warum glauben Sie, dass die Mieten steigen werden?

Das Unternehmen ist auf Wachstum und Renditesteigerungen ausgelegt. Es sagt selbst, dass es die Strategie verfolgt, alle Wohnungen in Gebäuden mit Streubesitz aufzukaufen und zu modernisieren. Dies wird von Investoren gewöhnlich für massive Mietsteigerungen genutzt.

Aber wo sollen die einkommensschwachen Menschen dann hin?

Genau das ist das Problem, vor dem die Stadt jetzt steht. In Göttingen gibt es nur noch wenig bezahlbaren Wohnraum, die Wartelisten dafür sind lang. Sie müssen vermutlich außerhalb der Stadt eine Unterkunft suchen.

Bislang sind Sanierungen – beispielsweise der Komplexe an der Groner Landstraße und am Hagenweg – ja auch daran gescheitert, dass eine Vielzahl von Eigentümern dafür zuständig ist. Liegt in dem Verkauf an einen Eigentümer nicht auch eine Chance?

Doch, natürlich. Die Frage ist jedoch, mit welchem Ziel die Sanierungen und Modernisierungen durchgeführt werden. Und da ist, wie gesagt, aufgrund der Ausrichtung der Coreo mit massiven Mietsteigerungen zu rechnen.

Inwieweit kann die Kommune darauf Einfluss nehmen?

Es gibt durchaus Instrumente, die die Stadt nutzen könnte. Sie hat auch für andere Bestände mit Großeigentümern Absprachen getroffen, dabei meines Erachtens jedoch selten gute Verhandlungsergebnisse erzielt. Die Stadt könnte auch über Erhaltungssatzungen nachdenken, die jedoch großflächigere Gebiete betreffen. Bauanträge sollten sehr genau auch unter sozialen Aspekten geprüft werden. Natürlich hat die Stadt hier jedoch weniger Möglichkeiten der Einflussnahme, als bei ihren Eigenbetrieben, wie der Städtischen Wohnungsbau.

Von Britta Bielefeld

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