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Göttingen Arbeit ehrenamtlicher Betreuer befriedigt und wird gebraucht
Die Region Göttingen Arbeit ehrenamtlicher Betreuer befriedigt und wird gebraucht
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18:15 05.01.2011
Von Jürgen Gückel
Im Dienste betreuter Mitmenschen: Brigitta Heuer und Hans-Werner Lüther.
Im Dienste betreuter Mitmenschen: Brigitta Heuer und Hans-Werner Lüther. Quelle: Gückel
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Für ihren Einsatz sind Brigitta Heuer und Hans-Werner Lüther von Justizminister Bernd Busemann (CDU) ausgezeichnet worden. Als „Signal, wie wichtig ehrenamtliches Engagement für die Schwachen in unserer Gesellschaft ist“, betonte der Minister.

Dabei gefällt den beiden Geehrten – sie eine ehemalige Justizangestellte aus Geismar, er ein pensionierter Soldat aus Diemarden – nicht einmal der Begriff „Betreuer“. Die Vorstellung von stundenlangen Gesprächen im Park, Handauflegen am Krankenbett oder Rollstuhlschieben führt in die Irre. Denn in Wahrheit sind sie einerseits im Vertrauensverhältnis mit ihren Mandanten, andererseits in professioneller Distanz zu ihnen. Sie sind nichts weiter als Stellvertreter in jenen Bereichen des Lebens, in denen der Betreute sich nicht mehr selbst helfen kann.

Für sie sind Stunden am Schreibtisch, um etwa Finanzen in Ordnung zu bringen, die Pflicht, das freundschaftliche Gespräch oder der Krankenbesuch sind die Kür. „Wir müssen erst einmal die Probleme abarbeiten, dann erst hat man Zeit für den zwischenmenschlichen Kontakt“, sagt Lüther.

Und Probleme haben die Mandanten reichlich, ehe ein Gericht Betreuung anordnet. So war das mit Lüthers Schwester, die lange im Koma lag. Als Bruder übernahm der Berufssoldat die Betreuung. Nach der Pensionierung stellte sich der heute 57-Jährige dem Amtsgericht auch für andere Betreuungen zur Verfügung. Zwölf Menschen hat er so geholfen, meist sind es vier, fünf gleichzeitig. Eine Aufwandsentschädigung gibt es – 27 Euro im Monat. Das reicht für Briefmarken und Benzin. Steuerlich ist der Betreuer mal gerade dem Übungsleiter gleichgestellt.

Nur vier von 100 Betreuungen durch Ehrenamtliche

Mehr als 3000 Menschen in Stadt und Kreis Göttingen stehen dauerhaft unter Betreuung. Zahlen liegen derzeit nur für 2009 vor. Damals wurden vom Amtsgericht Göttingen 818 neue Betreuungen eingerichtet, 3071 liefen insgesamt.
Nach wie vor werden Familienangehörige am häufigsten als Betreuer eingesetzt. Unter den damals 818 neuen Betreuungen waren 598 Fälle, in denen Kinder oder andere Angehörige die Aufgabe übernahmen und dafür vom Gericht legitimiert wurden. Im selben Zeitraum gingen 112 Betreuungen an freiberufliche Betreuer, 60 an Anwälte, 16 an Vereinsbetreuer. Lediglich in 32 Fällen wurden Ehrenamtliche mit der Aufgabe betraut.
In der Regel werden heute Betreuungen nur in Teilbereichen ausgesprochen, meistens bei der Vermögensbetreuung. Weitere dieser Teilbereiche, die oft kombiniert werden, können die Gesundheitsfürsorge, das Aufenthaltsbestimmungsrecht, Wohnungsangelegenheiten, das Geltendmachen von Ansprüchen oder die Vertretung gegenüber Einrichtungen sowie Post-, Rechts- und Behördenangelegenheiten sein. Dass Betreuungen mit sogenanntem Einwilligungsvorbehalt (dabei muss der Betreuer wie früher bei der Entmündigung jedem Rechtsgeschäft zustimmen) ausgesprochen werden, kommt nur selten vor. 2009 war das in 35 von 818 Fällen. Weil die Menschen älter werden und das Bewusstsein Angehöriger gegenüber Betreuungen wächst, ist die Tendenz bei den Anordnungen steigend.

Dennoch hat sich auch Brigitta Heuer bereit erklärt, als sie bei der Justiz ausschied. Eine Richterin hatte ihr geklagt, wie schwer Ehrenamtliche zu finden seien. Auch sie hat seit zehn Jahren jeweils fünf, sechs Betreuungen regelmäßig. „Oft wissen die Betroffenen nicht, wer ihnen helfen kann. Sie haben mit sich selbst zu tun“, sagt Heuer. Überlastete Pflegerinnen sind oft die einzigen Kontaktpersonen. Und so profitieren jene, die es nötig haben, von Helfern, die selbst gut organisiert sind – und davon gerne etwas abgeben.