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Göttingen „Erwartungen erfüllen wäre langweilig“: Áron Bence ist neuer Pastor in St. Jacobi in Göttingen
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Áron Bence ist neuer Pastor der Kirchengemeinde St. Jacobi in Göttingen

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07:00 25.09.2021
Áron Bence in „seiner“ Kirche St. Jacobi in Göttingens Innenstadt.
Áron Bence in „seiner“ Kirche St. Jacobi in Göttingens Innenstadt. Quelle: Tammo Kohlwes
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Göttingen

„Pünktlich wie der Tod!“ – Áron Bence eröffnet das Gespräch beim Öffnen der Tür seines Pfarrhauses am Jakobikirchhof direkt mit einer philosophischen Metapher, während über Göttingen die Glocken von St. Jacobi läuten. Seit dem 1. Juli ist Bence Pastor der lutherischen Kirchengemeinde St. Jacobi mitten in Göttingens Innenstadt – am Sonntag soll er endlich offiziell in sein Amt eingeführt werden.

Bence (36) stammt aus einer ungarischen lutherischen Pfarr- und Kirchenmusikerfamilie. Nach dem Abitur studierte er zuerst in Budapest Geschichte, finnische Sprache und Theologie, von 2010 bis 2012 dann an der Georg-August-Universität. 2015 wurde er in Budapest zum Pastor ordiniert. 2019 kam er, mittlerweile verheiratet und Familienvater, erneut nach Göttingen, um für seine Dissertation zu forschen – und blieb für die Pastorenstelle.

„Ich bin ein kritischer Mensch“

Göttingen nennt Bence beinahe seine große Liebe – und verkneift es sich dann doch. Seine große Liebe sei schließlich seine Frau, mit der er drei Kinder hat, sagt der Mann mit den langen Haaren und dem Batman-T-Shirt, der überhaupt nicht nach Pastor aussieht, aber doch wie einer spricht. In Göttingen, sagt er, habe er sich schon von 2010 bis 2012 so wohl gefühlt „wie nirgends sonst“. Hier habe er die Theologie erst richtig schätzen gelernt: In Göttingen werde kritisch geforscht – und „ich bin ein kritischer Mensch“, sagt Bence. Die Bibel zu hinterfragen bringe ihn der heiligen Schrift näher, als sie einfach zu lesen.

Zudem sei seine Familie in Göttingen toll aufgenommen worden, fährt Bence fort. Zwei Töchter sind in Göttingen geboren – die jüngste erst im Sommer –, das älteste Kind, ein Junge, noch in Ungarn.

Stichwort Ungarn: Seine Herkunft präge ihn, sagt Bence. Dort sei er als als Lutheraner Angehöriger einer Minderheit gewesen. Natürlich, der Abschied von Freunden und Verwandten sei schwergefallen. Familie Bence will deshalb künftig regelmäßig nach Ungarn fahren. Bence will „nicht im Exil, nicht in einer anderen Welt“ leben als bisher. Andererseits: So eine Gemeinde wie Jacobi, sagt Bence, gebe es in Ungarn nicht. Damit meint er die theologische Freiheit, ein „demokratisches Wertesystem“.

„Das mache ich nicht mit“

Will er seine neue Gemeinde verändern? Bence lacht. „Natürlich“, sagt er, und erklärt: Die Kirchengemeinde von St. Jacobi sei für vieles bekannt – exzellente Kirchenmusik, stimmungsvolle Lithurgien, anspruchsvolle Predigten –, aber nicht für ihre Kinderfreundlichkeit. Für erstere Aushängeschilder hat sich Bence auf die Stelle beworben, letzteren Makel will der neue Pastor angehen.

„Ohne Kinder haben wir keine Zukunft“, sagt Bence. Er will Kindergottesdienste organisieren, die Kleinsten aber auch mit in die normalen Gottesdienste holen. Es könne nicht sein, dass eine Gemeinde Religion für Kinder wolle, aber doch bitte nicht im selben Raum wie die Erwachsenen, meint er. Die Aufteilung innerhalb des Zusammenschlusses der Innenstadtgemeinden – Albani hat die Kinder, Jacobi die Musik – sei schön und gut, sagt Bence. Aber: „Wenn wir zur Konzerthalle umgebaut werden sollen, dann mache ich das nicht mit.“

Bence, das wird deutlich, ist ein Mann klarer Worte, denkt aber auch immer genau nach, bevor er eine Frage beantwortet. Eine Bekannte habe ihn einst einen „orthodoxen Hippie“ genannt, erzählt Bence, und das finde er ziemlich zutreffend. Hippie sei er, weil er rebellisch sein könne, seine Meinung sage. Im Fenster seines Pfarrhauses hängt ein Plakat, das auf den Klimastreik am 24. September hinweist. Bence will selbst teilnehmen. Dieser Tatendrang hat ihm in Ungarn nach eigenen Angaben wiederholt Ärger beschert. „Aber würde ich sämtliche Erwartungen einfachen erfüllen“, sagt er, „wäre das langweilig“.

„Hier zu predigen, das war wie eine Professur, eigentlich unerreichbar“, sagt Bence über St. Jacobi. Quelle: Tammo Kohlwes

„Eigentlich unerreichbar“

Und was ist daran orthodox? Bence bezeichnet sich selbst als dem Alten verhaftet, für ihn hat fast alles einen kirchlichen Bezug. Selbst im Gespräch über Batman-Filme kommt der Pastor auf Jesus Christus zu sprechen. Bence möchte anspruchsvolle Predigten halten. Privat beschäftigt er sich mit dem Glauben, ist ansonsten an Geschichte und Philosophie interessiert. Bence spielt Geige, lernt seit 2015 ungarische Volkstänze. Bei letzterem lernte er 2015 seine Frau kennen.

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Am Sonntag wird Bence feierlich in das Amt eingeführt, das er dann bereits seit knapp drei Monaten ausfüllt. Es wird ein Abendmahls-Gottesdienst, auf ausdrücklichen Wunsch des jungen Pastors. Dass er einmal in einer Kirche wie St. Jacobi predigen würde, das habe er sich nicht träumen lassen, sagt er: „ Das war wie eine Professur, unerreichbar eigentlich.“

Jetzt ist Bence trotzdem da. Zwar hält der 36-Jährige das Streben nach Vollkommenheit für vermessen. Seine Gemeinde will er aber doch ein bisschen vollkommener machen. Ein Jahr Kennenlernphase will er ihr geben.

Von Tammo Kohlwes