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Göttingen Artensterben: Mehr als 100 Pflanzen in und um Göttingen sind ausgestorben
Die Region Göttingen Artensterben: Mehr als 100 Pflanzen in und um Göttingen sind ausgestorben
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12:13 11.09.2019
Archivbild aus den 90er Jahren: die Silberdistel gilt im Landkreis Göttingen heute als ausgestorben. Quelle: r
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Göttingen

Rund 2000 Pflanzenarten gibt es in Niedersachsen, 1700 kommen allein im Landkreis Göttingen vor. Aber: „Deutlich über 100 Arten”, so sagt Biologe Fionn Pape, sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in der Region ausgestorben. Mehr als 300 gelten in ihrem Bestand als gefährdet.

Biologische Schutzgemeinschaft im Einsatz für Biodiversität

Eigentlich, so der Wissenschaftler, der im Arbeitskreis „Flora von Göttingen“ aktiv ist, sie es schon „außergewöhnlich“, was in der Region so alles vorkommt. Pape und weitere ehrenamtliche Botaniker der Biologischen Schutzgemeinschaft in Göttingen, kartieren derzeit alle Arten von Pflanzen, die im Altkreis Göttingen vorkommen. Noch arbeiten sie – ehrenamtlich – an einer vollständigen, aktuellen Datenbank der Spezies.

40 Prozent der Göttinger Pflanzen bedroht

Von den 1700 regional vorkommenden Arten gelten in der Region zudem etwa 40 Prozent als gefährdet, so Pape weiter. Besonders auf den kargen Kalk-Magerrasenflächen, wie beispielsweise auf dem Kerstlingeröder Feld, finden sich noch etliche dieser seltenen Pflanzen wie Orchideen oder Enziane. Sieben Pflanzenarten kommen niedersachsenweit nur in der Umgebung von Göttingen vor. Mehr noch: Auch europaweit gefährdete Arten wie der Ästige Rautenfarn sind im Landkreis Göttingen noch an einem Standort zu finden.

Streng geschützt: Ästiger Rautenfarn, Botrychium matricariifolium Quelle: Pape

Andere allerdings nicht mehr. Zum Beispiel die heimische Silberdistel, die ältere Göttinger noch auf dem Kerstlingeröder Feld gesehen haben könnten. Diese noch bis in die 90er-Jahre hinein in der Region verbreitete Art, gilt seit Kurzem als verschwunden in und um Göttingen. Die Silberdistel ist ebenso Geschichte wie die weniger auffällige Finkensame oder die Zusammengedrückte Quellbinse. Sie ist eine Art, die auf Feuchtwiesen gedeiht – ein Habitat, das immer seltener zu finden ist. Letztmals wurde sie in den 90er Jahren nachgewiesen – bei Dransfeld und am Seeburger See. Auch die Kornrade, eine nelkenartige, kleine Ackerrand-Blume, die alte Südniedersachsen ebenfalls noch kennen könnten, war noch in den 1950er-Jahren verbreitet. „1961 wurde sie letztmalig in Herberhausen kartiert, seitdem gilt sie bei uns als ausgestorben”, sagt Pape. Seit 1985 gilt sie in ganz Niedersachsen als verschwunden.

Wieder da: Flammendes Adonisröschen, Adonis flammea. Quelle: r

Den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt führen die Fachleute wie Pape und Bertram Preuschhof, der bereits 2017 eine Veröffentlichung über die Verbreitung der Pflanzen in der Region herausgebracht hat, auf mehrere Faktoren zurück. Sie fordern Schutz und Erhaltung der Lebensräume mit großer Artenvielfalt. Dazu zählen die Flächen in der Gipskarstregion, die Kalkmagerrasen und Kalkscherbenäcker, aber auch Feuchtgrünland und die wertvollen Acker- und Wegesränder. Aktuell benennt Pape unter anderem die „die Nutzungsaufgabe und Nutzungsintensivierung” in der Landwirtschaft als kritische Faktoren. Beispielsweise auf kargen oder feuchten Standorten, wo früher Weidevieh dafür sorgte, dass sich seltene Arten dort wohlfühlten und nicht überwuchert wurden, werde immer seltener geweidet. Ohne Förderung sei eine Erhaltung dieser Habitate kaum möglich. Ein Sonderfall sei auch die Gipsindustrie bei Osterode, die Pape für eine „direkte Zerstörung der Gipskarstgebiete” verantwortlich macht.

Überlebt dank Schutzprogramm

Wie groß der Einfluss von Förderprogramm auf den Schutz der Biodiversität sein kann, benannt Pape an einem Beispiel: Dem Ackerwildkrautprogramm, das seit rund 20 Jahren besteht. Denn: Einige Arten, die bereits als verschollen galten, sind in den vergangenen Jahren wieder zurückgekehrt. „Ein Beispiel ist das flammende Adonisröschen”, so Pape. Diese Art wurde 2014 von Diemut Klärner und Reinhard Urner wiedergefunden. Das Adonisröschen zählt zu den sieben superseltenen Spezies, die nirgendwo anders als in Niedersachsen als im Landkreis Göttingen wachsen. „Fünf dieser sieben Pflanzen sind Ackerwildkräuter”, erklärte Pape. Das zeige, wie wichtig es ist, diese Biotope zu schützen. Auch das seit 1989 als in der Region als ausgestorben geführte - ziemlich unauffällige – Dreihörnige Labkraut (Galium tricornutum) wurde von Urner wiedergefunden. „Fünf der sieben alleine hier im Landkreis vorkommenden Spezies haben nur wegen des Ackerwildkrautprogramms überlebt“, sagt Pape.

Gefährdet: Schmalblättriger Lein, Linum tenuifolium, am Pfingstanger Nikolausberg. Quelle: Pape

300 Arten gelten als gefährdet

Ausgestorbene und bedrohte Arten in der Region

Rund 300 Arten im Landkreis Göttingen gelten laut dem Arbeitskreis „Flora Göttingen“ als gefährdet. Einige Beispiele an Ackerkrätern: Flammendes Adonisröschen (Adonis flammea). Diese Art wurde 2014 wiedergefunden, galt seit 1964 in Niedersachsen als ausgestorben. Rundblättriges Hasenohr (Bupleurum rotundifolium), Dreihörniges Labkraut (Galium tricornutum). Auch diese Art wurde 2008 wiedergefunden, sie galt seit 1989 in Niedersachsen als ausgestorben. Glattfrüchtiges Labkraut (Galium spurium), Rispiges Lieschgras (Phleum paniculatum).

Beispiele auf Kalkmagerrasen-Standorten sind die Kalk-Aster (Aster amellus) und der Schmalblättriger Lein (Linum tenuifolium). Außerdem kommen mehrere extrem seltene vom Aussterben bedrohte Arten in der Region vor, wie der Ästiger Rautenfarn (Botrychium matricariifolium) und der Einjährige Ziest (Stachys annua), der nur an zwei Orten in Niedersachsen wächst – einer davon ist der Gösselgrund bei Groß Lengden. Dieser Wuchsort ist bereits seit 1900 bekannt.

Mehrere Flächen, auf denen diese Arten vorkommen, werden oder wurden von der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen gepflegt – wie das Bratental bei Roringen und die Grefenburg bei Barterode. Außer der Silberdistel (Carlina acaulis) und der Quellbinse (Blysmus compressus) ist auch die Finkensame (Neslia paniculata) ausgestorben.

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