Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Asklepios-Ärzte gegen Geschäftsführung
Die Region Göttingen Asklepios-Ärzte gegen Geschäftsführung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:31 10.06.2013
Von Matthias Heinzel
Unfrieden bei Asklepios: Jetzt rebellieren auch Assistenzärzte gegen die Geschäftsführung.
Unfrieden bei Asklepios: Jetzt rebellieren auch Assistenzärzte gegen die Geschäftsführung. Quelle: Meder
Anzeige
Göttingen

Der Patient, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Schreiben, müsse „darauf vertrauen können, dass alles ärztliche Handeln ausschließlich dem Patienteninteresse gilt und dass der Arzt in seinem konkreten Handeln keine eigenen wirtschaftlichen Interessen oder die wirtschaftlichen Interessen anderer vertritt. Dieses Vertrauensverhältnis, die Qualität und die Sicherheit der Behandlung sehen wir, im Speziellen bezogen auf das Asklepios-Fachklinikum Göttingen, gefährdet.“

"Drastisch gekürzt"

Als Beispiele führen die Ärzte an, dass therapeutische Angebote „drastisch gekürzt“ worden seien: „Das Bewegungsbad wurde geschlossen und die physiotherapeutischen Behandlungen deutlich verringert. Arbeitstherapeutische Angebote wurden massiv zurück gefahren. Die Arbeitstherapie Tischlerei und Schlosserei wurden zum Beispiel geschlossen, die Plätze in der Arbeitstherapie Gärtnerei stark reduziert und die Schließung der Gärtnerei diskutiert.“ Da bei Patienten der Ambulanz nur ein Pauschalbetrag bezahlt werde, sei die „jahrelang bewährte ambulante Arbeitstherapie“ gestrichen worden.

„Gesetzliche Vorgaben sehen fast doppelt so viele Ärzte vor"

Im ärztlich-therapeutischen Dienst seien ebenfalls Kürzungen vorgenommen worden, „so dass es Stationen gibt, in denen auf etwa 20 psychisch zum Teil schwer Erkrankte nur je eine ärztliche Vollzeitstelle kommt“. Die Assistenzärzte erklären, „gesetzliche Vorgaben sehen fast doppelt so viele Ärzte vor“.

Auch die Kürzungen im pflegerischen Dienst seien „im ärztlichen Dienst deutlich zu spüren. So häufen sich im Bereitschaftsdienst Anfragen des Pflegepersonals an den Diensthabenden bezüglich Suizidalität, fehlender Absprachefähigkeit, Aggressivität et cetera von Patienten, die eine Einzelbetreuung (...) erfordern würden, welche aber aufgrund von Personalmangel nicht realisierbar ist“. Hier bestehe die Gefahr, „dass zum Beispiel ein Patient, der selbstmordgefährdet ist, im Zweifel nicht ausreichend betreut werden kann oder dass die Gefahr eines aggressiven Übergriffes auf das Personal steigt“.

Umgang der Geschäftsführung "höchst bedenklich"

Der Umgang der Geschäftsführung mit Mitarbeitern und Kritik, heißt es in dem offenen Brief weiter, sei „höchst bedenklich. Kritische Äußerungen führten im ärztlichen Dienst wiederholt zu Vorladungen bei der Geschäftsführung, in denen dann den Mitarbeitern Illoyalität vorgeworfen wurde.“

Außerdem würden Heil- und Verbandmittel rationiert: „Die Vorhaltung der medizinischen Standardausrüstung ist reglementiert und nicht mehr auf allen Stationen gleichermaßen verfügbar.“ Als Beispiele nennen die Assistenzärzte „Skalpelle, Pinzetten, Verbandsmaterial, Infusionssysteme und -lösungen“ und anderes Material. Weiterhin beklagen die Assistenzärzte eine „Arbeitsverdichtung durch personelle Kürzungen“ wie die Abschaffung der Pforte in Tiefenbrunn. Dadurch würden Ärzte mit weiter- oder fehlgeleiteten Anrufen zusätzlich belastet.

"Deutliche Verringerung der Hygienestandards"

Zudem habe die Kündigung der früheren Reinigungsfirma, die durch Mitarbeiter einer Asklepios-eigenen Gesellschaft ersetzt worden sei, dazu geführt, dass „aus Sicht des Personals und der Patienten eine deutliche Verringerung der Hygienestandards zu erkennen“ sei – ein Vorwurf, den auch Tageblatt-Gesprächspartner, darunter Pflegekräfte und Patienten immer wieder erhoben haben.

Der Asklepios-Konzern entgegnet, die Zahl der Ärzte habe zwischen 2011 und heute „um rund zwei Prozent“ geschwankt. Asklepios-Sprecher Rudi Schmidt: „Seit der Übernahme 2007 wurden mehr als zehn Prozent ärztliche Stellen aufgebaut. In den Jahren 2010, 2011 und 2012 wurden die Personalzahlen im pflegerischen Dienst insgesamt nicht gekürzt, seit Übernahme 2007 wurden sogar mehr als elf Prozent Vollzeitstellen aufgebaut.“

Es gebe keine Stationen mit nur einem Arzt, „weil es zum einen Ärzte gibt, die über mehrere Stationen tätig sind und weil zum anderen auch noch klinische Psychologen hinzukommen“. Die Aussage hinsichtlich der gesetzlichen Verpflichtungen sei falsch.

Einige bei Patienten weniger beliebte Angebote seien zugunsten der Fahrradwerkstatt sowie der Druckerei, Nähstube und Polsterei beendet worden, so Schmidt. Inhaltliche Reduktionen physiotherapeutischer Angebote gebe es nicht, „außer den medizinisch strittigen Bewegungsbädern“.

Asklepios-Sprecher Schmidt erklärt zudem, der offene Brief stamme nicht von Assistenzärzten, sondern vom Betriebsrat. Betriebsrats-Chefin Christiane Kruse dementiert: Der Brief sei von der Mehrheit der Assistenzärzte verfasst worden.