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Göttingen Immer mehr Aggressionen gegen den Göttinger Rettungsdienst
Die Region Göttingen Immer mehr Aggressionen gegen den Göttinger Rettungsdienst
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15:00 13.02.2019
Rettungsdienst in Göttingen: Die Mitarbeiter beobachten steigende Aggressionen ihrer Patienten. Quelle: Hinzmann
Göttingen, Göttingen

Nicht nur die Polizei, auch die Mitarbeiter des Rettungsdienstes in der Region sind zunehmend Aggressionen ausgesetzt. In der Stadt Göttingen sind es unter anderem die Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr, die rund um die Uhr im Rettungswagen ausrücken, wenn ein Mensch – zumeist medizinische – Hilfe benötigt. Im Jahr 2017 hat die Berufsfeuerwehr wegen der steigenden Bedrohung seitens der Patienten einen Meldebogen für ihre Mitarbeiter eingeführt. Darin können und sollen die Rettungsassistenten berichten, wann, wo und wie sie im Einsatz bedroht wurden. „Wir haben im vergangenen Jahr 25 solcher Meldungen verzeichnet”, sagt Frank Gloth, Sprecher der Göttinger Berufsfeuerwehr. Vor allem ging es in den Meldungen um Beleidigungen aber auch von Schubsen, Schlagen und Treten berichteten Einsatzkräfte. „Die Klassiker”, sagt Gloth. „Zwei Mal haben wir nach solchen Angriffen Anzeige bei der Polizei erstattet”, so Gloth. Grund der Anzeige war beide Mal, dass die Angehörigen der mutmaßlichen Notfälle handgreiflich wurden und die Helfer schlugen. „Immerhin ist bislang noch keiner der Kollegen bei den Übergriffen ernsthaft verletzt worden”, so der Feuerwehrsprecher. Ähnlich wie Polizei-Seelsorger Torsten Thiel registriert auch die Göttinger Berufsfeuerwehr immer häufiger, dass Kollegen zudem von den Patienten angespuckt werden.

Umgang mit Helfer wird immer respektloser

Arno Wickmann arbeitet seit 34 Jahren im Rettungsdienst der Göttinger Berufsfeuerwehr. Er hat schon so einiges erlebt und bestätigt Gloths Aussagen. „Ja, der Umgang mit uns wird immer respektloser”, sagt er. Seiner Beobachtung nach sei die Hemmschwelle, zu pöbeln und handgreiflich zu werden, in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. „Die älteren Patienten sind zumeist noch freundlich”, sagt er.

„Jeder Einsatz ist anders“

Hundertprozentig darauf vorbereitet sein, was die Helfer hinter der Haustür erwartet, könne man nicht. Zwar werden die Rettungsassistenten in ihrer Ausbildung geschult, aber das, so Wickmann, ist die Theorie. In der Praxis heiße es vor allem, Ruhe zu bewahren. Und: „Reden, reden, reden”, sagt der Rettungsassistent. Um bei Angriffen und Pöbeleien richtig zu reagieren, dafür benötige man zum einen Erfahrung und zum anderen Fingerspitzengefühl. Manch ein Pöbler brauche eine klare verbale Ansage, der andere eher ruhiges Zureden. „Das spürst du aber bei jedem Einsatz”, sagt er. Denn: „Jeder Einsatz ist anders”. Seine Devise ist: „Hinfahren, ankommen gucken”. Nicht selten entpuppe sich der vermeintlich zu reanimierende „nicht ansprechbare” Patient weniger als akut herzkrank denn sturzbetrunken. Die Zechkumpanen aber beschimpfen dann gerne einmal das medizinische Personal. Angepöbelt, so Wickmann, werde der Rettungsdienst in jeder Woche.

Bremer entwickeln Präventiv-Training

Experten um den Bremer Rechtspsychologen Dietmar Heubrock haben kürzlich gemeinsam mit Feuerwehrleuten ein Präventiv-Training entwickelt, um Gewalt gegen Rettungskräfte möglichst gar nicht aufkommen zu lassen. „Angriffe bei Einsätzen im öffentlichen Raum und in Wohnungen haben zugenommen“, bestätigt auch der Leiter des Instituts für Rechtspsychologie der Universität Bremen. So berichtete Heubrock von einer tumultartigen Szene im Wohnzimmer, in denen Sanitäter von Angehörigen unter Waffengewalt gezwungen wurden, eine Wiederbelebung fortzusetzen, obwohl der Tod schon eingetreten war. Viele Einsatzkräfte hätten berichtet, dass Angriffe für sie aus dem Nichts kommen“, so Heubrock. Doch es gebe Vorzeichen und Reaktionsmöglichkeiten. Sein Institut habe deshalb in Kooperation mit der Feuerwehr ein Deeskalationstraining mit Lehrfilmen entwickelt. Die Rechtspsychologen raten den Einsatzkräften etwa bei Einsätzen in Wohnungen arbeitsteilig vorzugehen und zunächst nach gefährlichen Gegenständen wie Flaschen und Messern Ausschau zu halten. Ein Vorzeichen für eine eskalierende Stresssituation könne beispielsweise schnelleres Atmen Umstehender sein. Die Experten vermitteln den Einsatzkräften überdies körperschonende Abwehrtechniken und Aspekte der „interkulturellen Kompetenz”. So könne es wichtig sein, zunächst mit dem Familienoberhaupt zu sprechen, um die Situation in Ruhe zu erklären.

Gar nicht leicht: Sich nicht provozieren lassen

Ähnlich handeln auch die Göttinger. Gloth: „Stehe still und sammel Dich”, sei erst einmal die Devise. „Doch Ruhe bewahren und sich nicht provozieren zu lassen, das ist nicht immer einfach”, sagt der Göttinger Feuerwehrsprecher.

Interview mit Polizeiseelsorger Torsten Thiel:

„An seine erste Kinderleiche erinnert sich jeder Kollege. Die vergisst man nie“

“Die Polizei - Dein Freund und Helfer” lautet ein alter Slogan. Manchmal brauchen auch die Helfer Hilfe. Torsten Thiel ist katholischer Polizei- und Zoll-Seelsorger. Der Göttinger ist ab sofort für ganz Niedersachsen zuständig.

Torsten Thiel, Polizei-Seelsorger Quelle: r

 

Wie oft werden Sie um Hilfe gebeten?

Ich führe im Durchschnitt jede Woche ein Gespräch mit einem Polizeibeamten. Zunächst steht den Betroffenen ja intern eine Beratung innerhalb ihrer Polizeidirektion zur Verfügung. Für die Göttinger Polizisten ist die Beratungsstelle in Hildesheim zuständig.

 

Warum gibt es darüber hinaus denn Seelsorger, die zur Kirche gehören?

Ich habe, anders als die Kollegen im Polizeidienst, ein Zeugnisverweigerungsrecht. Wir unterliegen zudem der Schweigepflicht. Das macht es den Beamten in manchen Fällen leichter, sich an uns zu wenden statt an Polizei-Kollegen. Selbst wenn ein Polizist einmal Mist gebaut hat - ich schweige.

 

Können Sie ein Beispiel für Fälle nennen, wo Sie vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht haben?

Wenn beispielsweise ein Polizist im Dienst von der Schusswaffe Gebrauch machen musste. Dann muss er sich intern immer einer Ermittlung stellen. Manchmal ist solch einem Verfahren aber auch seelisch belastend. Wichtig ist dann, dass sich die Einsatzkräfte die Sorgen von der Seele reden können, ohne dass es für sie juristisch relevant wird.

 

Das kann für Sie als Seelsorger aber auch eine Zwickmühle bedeuten, oder?

Ja, natürlich. Aber genau dann sind Schweigepflicht und Zeugnisverweigerungsrecht wichtig. Meine Aufgabe ist ja nicht die interne Aufklärung sondern die psychische Gesundheit der Mitarbeiter. Aber derartige Fälle sind extrem selten. Ich arbeite seit 20 Jahren als Polizeiseelsorger, solche Fälle kann ich an einer Hand abzählen.

 

Mit welchen Problemen wenden sich die Polizisten denn in der Regel an Sie?

Oft sind es Fälle wie die Zeugenschaft bei einem Suizid. So etwas geht den Beamten oft an die Nieren. Meistens sprechen sie zunächst mit den Kollegen darüber. Manchmal ist ein professionelles Gespräch darüber hinaus aber nötig. Das gilt auch für Einsätze mit Kindern, beispielsweise tödliche Unfälle. An seine erste Kinderleiche erinnert sich jeder Kollege. Die vergisst man nie.

 

Ist es denn heute normal, dass sich Polizeibeamte an Sie wenden?

Die Gesprächskultur innerhalb der Polizei hat sich geändert und ändert sich noch. Als ich vor 20 Jahren anfing, fiel es vielen Beamten noch schwer, Schwächen zuzugeben, es herrschte eine stark männlich geprägte Kultur in der Polizei. Heute setzt sich mehr und mehr durch, dass derjenige, der Schwächen zugibt, der Starke ist - und nicht der Schwache. Heute haben wir 43 Prozent Frauen in der Polizeiausbildung. Gleichzeitig wird es einfacher, psychische Probleme anzusprechen.

 

Sie sind ja auch Ausbilder an der Polizeiakademie. Ist das Sprechen über Schwächen eine Generations-Frage?

Ja. Auch, aber nicht nur. Es gibt auch ältere Kollegen, die sich mittlerweile trauen, das Gespräch zu suchen.

 

Wie sieht es mit dem Thema Gewalt gegen die Ordnungshüter aus?

Die Gewalt nimmt zu. Das muss nicht einmal gleich körperliche Gewalt sein - Anspucken beispielsweise wird immer häufiger. Ich habe es selbst bereits mehrfach im Einsatz bei Demonstrationen erlebt.

 

Wie finden die Polizisten Kontakt zu ihnen?

Ich bin hier in der Region bekannt, auch über meine Tätigkeit als Dozent. Heute reagieren zudem auch die Vorgesetzten viel sensibler wenn es Konflikte gibt. Oft spielen auch private Probleme eine Rolle, wenn ein Polizist nicht mehr wie gewohnt arbeitet. Auch dann werden wir kontaktiert.

Sie helfen Helfern, die Schlimmes erlebt haben. Wie steht es um Sie selbst, gibt es Einsätze, die Sie nie vergessen?

Natürlich. Immer, wenn ich Angehörigen die Nachricht überbringen musste, dass ein Polizist im Dienst ums Leben gekommen ist. Der furchtbarste Einsatz aber war im Jahr 2010. Damals wurden drei Beamte beim Versuch, eine Bombe auf dem Göttinger Schützenplatz zu entschärfen, getötet.

Von Britta Bielefeld (mit epd)

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