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Göttingen Aus dem Amtsgericht: Betrügerische Bettelbriefe
Die Region Göttingen Aus dem Amtsgericht: Betrügerische Bettelbriefe
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17:39 24.06.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Mal täuschte er ein Förderprogramm der Europäischen Union vor, mit dessen Hilfe die Universität Göttingen technische Geräte testen sollte, für die die angeschriebenen Firmen Musterexemplare schicken sollten. Mal gab er sich als gutherziger Förderer einer Förderschule im Harz aus, die dringend Hilfe der Industrie für verschiedene Technik-Lernwerkstätten benötige. Als alles aufflog, hätte ihn das Schöffengericht Göttingen beinahe auch befördert – ins Gefängnis.

Verurteilung zu einem Jahr und neun Monaten

Doch es ging noch einmal gut für den gelernten Bürokaufmann, der sich in seinen Bettelbriefen auch schon mal fälschlich als Diplom-Informatiker ausgab. Das Amtsgericht verurteilte ihn wegen 16 Fällen des gewerbsmäßigen Betruges zu einem Jahr und neun Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Einzig der Tatsache, dass er für diesen Teil der 45 Anklagepunkte ein Geständnis abgelegt hat, sei zu verdanken, so Richter Philipp Moog, dass er nicht hinter Gittern landet.

Briefkopf einer Förderschule

Zwei Betrugsmaschen waren es, mit denen der gewiefte Händler die Hersteller von Computer-Hard- und -Software täuschte. Die meisten seiner Briefe schrieb er unter einem mutmaßlich erschwindelten Briefkopf der Förderschule aus dem Landkreis Osterode. Darin gaukelte er mal eine Computer-AG, mal ein Apple-Projekt, mal eine Digitalfoto-Klasse vor oder meldete im Namen des Schulfördervereins anderen Bedarf der armen Förderschüler an. 28 dieser Briefe an seine Lieferanten waren erfolgreich, so dass mal 20 PC-Mäuse, mal 40 Tastaturen, mal Laserdrucker,  Grafikkarten, Smartphones, Laptops, dutzende Festplatten, DVDs oder Computerspiele gespendet wurden. Sogar Lautsprecher und einen Bürostuhl rückten die Hersteller heraus.

Der zweite Bluff wurde auf eigenem Briefkopf, aber unter Verwendung einer eigens dafür angemeldeten Mail-Adresse vorgetragen. Die Adresse mit dem Ende ...universitaet-goettingen.de sollte vorgaukeln, dass die Hochschule tatsächlich von der Aktion des Computerhändlers informiert sei. In Wahrheit wären Anfragen bei ihm selbst aufgelaufen.

Hochwertige und technisch neueste Produkte

Gebeten wurde in den Schreiben um hochwertige und technisch neueste Produkte der Hersteller, die im Rahmen eines Forschungsvorhabens getestet und anschließend in Stückzahlen von mal 200, mal gar bis 600 bestellt werden sollten. In der Aussicht auf den schönen Auftrag der Universität Göttingen schickten viele Hersteller ihre neuesten Smartphones, Speichermedien oder brandaktuelle Softwareprodukte.

„Ausgleich für meine Mühe“

Den Betrug mit dem Uni-Projekt, 16 Fälle, gibt der Angeklagte auch gleich zu. Er habe sich Muster für den Verkauf beschaffen wollen. Bei den Bettelbriefen für die Schule aber soll es anders gewesen sein. Ein Bekannter aus dem Dorf, beschäftigt in der Schule, soll das ganze eingefädelt haben. Der habe den Briefkopf der Schule beschafft, habe Spendenquittungen des Fördervereins besorgt, die Spenden auch immer abgeholt und der Schule gebracht. Und er selber, so der Angeklagte, habe nur „als Ausgleich für meine Mühe“ die Hälfte der Spenden behalten dürfen.

Schulangestellte widerspricht

Doch der so beschuldigte Schulangestellte widerspricht. Ein einziges Mal, so der Zeuge, habe er vom Angeklagten eine Lötstation für die Schule gespendet bekommen, mehr nicht. Auch der Schulleiter weiß von keinen weiteren Spenden. Es sei nie etwas angekommen. Dass eine Firma gleich mehrere gebrauchte Apple-Computer spendete, hört er im Gericht zum ersten Mal. „Wir haben keinen einzigen Apple.“ Vielmehr quälten sich die Förderschüler zur Tatzeit – 2007 bis 20011 – noch mit uralten Dos-Rechnern ab. Und als einmal ein um Hilfe gebetener Hersteller beim Rektor anfragte, ob das auch seine Richtigkeit habe, da habe er sofort den Landkreis Osterode informiert und der habe Strafanzeige erstattet.

Ganz eigenes Förderprogramm beschlossen

Dennoch bleibt der Angeklagte dabei, mit dem Bekannten aus der Schule halbe-halbe gemacht zu haben. Er will Vater und Bruder als Zeugen benennen – Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage wären zwangsläufig die Folge. Da hat der Staatsanwalt ein Einsehen und stellt den Antrag, die Schul-Fälle einzustellen. Die Strafe wegen der zugegebenen Uni-Betrügereien werde ohnehin hoch ausfallen, da komme es auf den Rest nicht an.

Das Gericht beschließt am Ende ein ganz eigenes Förderprogramm: Mit „einem monatlichen Nadelstich“ von 50 Euro soll der zu 21 Monaten auf Bewährung verurteilte Computerhändler drei Jahre lang immer wieder daran erinnert werden, dass er künftig im Handel sauber bleiben muss.