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Göttingen Aus dem Amtsgericht: Erinnerungsloses Schnaps-Gelage in Onkel Toms Hütte
Die Region Göttingen Aus dem Amtsgericht: Erinnerungsloses Schnaps-Gelage in Onkel Toms Hütte
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17:29 12.08.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Sie hatten sich über Nacht einmal durchs gut gefüllte Schnapsregal der Göttinger Gaststätte Onkel Toms Hütte getrunken, hatten etliche Flaschen Hochprozentiges, den Fernseher und einen zweiten Bildschirm mitgehen lassen, das Geldspielgerät geknackt und den Zigarrettenautomaten umgekippt. „Der größte Schreck war das Chaos“, erinnert sich die 69-Jährige.

Jetzt sitzt einer der Täter vor dem Jugendrichter und erinnert sich nicht – jedenfalls nicht so richtig. Der 20-Jährige ist überführt. Die DNA-Spuren, die er am Tatort am Trinkrand eines Schnapsglases hinterließ, stammen mit 99,99 Prozent plus noch ein paar Neunen von ihm. Er gesteht den Einbruch auch, will sich aber nicht mehr erinnern können, wer noch mit ihm in dem Lokal war. Nur das wisse er: Seine damalige Freundin sei es nicht gewesen. Die war nach der Tat von einem anonymen Anrufer bei der Polizei mit ihm zusammen beschuldigt worden. Es wurden aber keine Beweise gegen sie gefunden.

Dennoch spricht einiges für einen nächtlichen Kneipenbesuch als Paar. Als am frühen Morgen des 4. März 2012 die Putzfrauen auf den Hof der Gaststätte in der Südstadt fuhren, sahen sie zwei dunkle Gestalten davonschleichen – eine groß wie der Angeklagte, eine klein. Und beide hätten etwas mit sich geschleppt, sagt die Raumpflegerin als Zeugin.

Erinnerungslücke

Das könnte das Fernsehgerät gewesen sein, das der 20-Jährige in der Turmstraße verkauft haben will, um an Drogen zu gelangen. „Und was war mit den Pfeffermühlen?“, will die Staatsanwältin wissen. 13 Salz- und Pfeffermühlen waren in jener Nacht auch verschwunden. Davon wisse er nichts, sagt der Angeklagte: Erinnerungslücke. „Und das Geld?“ „Für Drogen!“

Heroin und Benzodiazepin – das ist es, was seit zehn Jahren das Leben des erst 20-Jährigen bestimmt. Mit zehn begann das mit den Drogen, und auch sonst sei „für ihn alles schlecht gelaufen“, erklärt die Jugendgerichtshelferin. Schulabschluss oder Ausbildung hat er nicht. Drogen- und Psychotherapien habe er abgebrochen. Mehrere Verfahren und Urteile wegen Diebstahls gibt es in seinem Bundeszentralregister. In Hameln im Jugendknast hat er gesessen. Obdachlos war er zum Schluss.

Alles verloren

Jetzt tut er sich selber leid. „Wann bin ich denn wieder rausgekommen, Mama?“ fragt er weinend seine im Zuhörerraum sitzende Mutter. Zuletzt nur Tage vor der jetzt verhandelten Tat, wird sich später herausstellen. Das, so die Staatsanwältin, müsse sich strafverschärfend auswirken.
Strafmildernd hingegen erkennt auch sie an, dass der junge Mann damals am Tiefpunkt seines bisherigen Lebens war. Im Gefängnis, ergänzt der Verteidiger, habe der Angeklagte alles verloren, sogar sein schwerkrank geborenes Kind. Das war geboren, als er im Knast saß. Ein einziges Mal habe er es aus der Haft heraus sehen dürfen, dann starb es mit wenigen Monaten.

Milde Strafe

Tatsächlich gibt es eine milde Strafe wegen besonders schweren Diebstahls, auch wenn das Gericht dem Angeklagten nicht glaubt, dass er sich an den Mittäter nicht erinnern könne. Er wolle diesen – oder diese? – nur schützen. Neun Monate Jugendstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, gibt es. Allerdings auch die richterliche Auflage, professionelle Hilfe zur Lebensführung in Form eines Betreuers anzunehmen und eine Drogentherapie auch bis zu Ende durchzustehen. Andernfalls geht es wieder hinter Gitter.

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