Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen „Einer geht noch“ in Göttingen
Die Region Göttingen „Einer geht noch“ in Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:37 11.08.2018
Die Göttinger Kulturdezernentin Petra Broistedt mit Caricatura-Chef und Ausstellungskurator Martin Sonntag.
Die Göttinger Kulturdezernentin Petra Broistedt mit Caricatura-Chef und Ausstellungskurator Martin Sonntag. Quelle: Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Darf man über den Tod lachen? Ja, darf man, meint Martin Sonntag. Der Leiter der Kasseler Caricatura ist Kurator der Ausstellung „Einer geht noch“, die am Freitag in der Torhaus-Galerie Göttingen eröffnet wurde und noch bis zum 9. September zu sehen ist.

Petra Broistedt, Kultur- und Sozialdezernentin der Stadt Göttingen, hat einen Favoriten, und der hängt in der Torhaus-Galerie gleich links an der Wand: Eine alte Frau fährt mit ihrem Rollator vor dem Friedhof vor, und das am Vehikel befestigte Navigationsgerät vermeldet: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Sie liebe es, sagt Broistedt bei der feierlichen Eröffnung, „wenn Menschen vor Bildern stehen und ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht haben“ – das dürfte in den nächsten Wochen in der Torhaus-Galerie öfter der Fall sein.

Es geht um Karikaturen „auf Leben und Tod“

„Cartoons und Karikaturen auf Leben und Tod“, lautet der Untertitel der Schau, die ein „Best of“ einer umfangreicheren Ausstellung ist, wie Sonntag am Freitag versichert. Bei „Einer geht noch“ handelt es sich um eine Wanderausstellung von Caricatura und dem Kasseler Museum für Sepulkralkultur, die in der Göttinger Torhaus-Galerie, idyllisch gelegen auf dem Stadtfriedhof, bestens untergebracht ist.

Die Idee, „Einer geht noch“ nach Göttingen zu holen, kam Norbert Mattern und seinen Mitstreitern von Göttinger Verschönerungsverein und Torhaus-Galerie 2016 beim Besuch der großen Schau im Kasseler Museum. Matterns Dank gilt nun unter anderem Wolfgang Gieße, Göttinger Fachdienstleiter Friedhöfe, der maßgeblich zur Realisierung des Projekts beigetragen hat. Gemeinsames Ziel: „Bringt Leben auf den Friedhof.“

Und schon ist man wieder beim Thema. Bei Anspielungen, gezielten Tabubrüchen, Grenzüberschreitungen. Wenn Broistedt bei der Eröffnung davon spricht, dass Lachen bekanntlich nicht nur gesund, sondern auch heilsam ist, könnte ihr das angesichts des Ausstellungssujets als komisch, aber ungewollt komisch ausgelegt werden. Die Karikaturen und Cartoons, die Sonntag zu Recht als „1A-Top-Superwitze“ bezeichnet, sind noch eine Spur besser. Aber sie sind schließlich auch von Experten ersonnen, zu denen mit Gerhard Glück ein Göttinger Elch zählt.

Weiter hinten lauert ein Til Mette

Gleich im ersten Raum fällt der Blick auf einen schier wunderbaren Rattelschneck – eine Frau, die nach Hause kommt und den leblosen Gatten vorfindet. „Du tot im Flur, Hans? So kenn’ ich dich ja gar nicht.“ Weiter hinten lauert ein Til Mette: Zwei Jäger mit Hund an der Leine, offenbar schon länger erfolglos auf der Pirsch. Sagt der eine zum anderen: „Ich hab’ kein Bock mehr. Lass’ uns doch einfach den Hund abknallen.“

Martin Sonntag hat sich diesmal vorgenommen, in seiner Rede zur Eröffnung kein „Feuerwerk der Komik“ abzubrennen, sondern sich dem Thema als Reminiszens an die Universitätsstadt Göttingen theoretisch zu nähern. „Das wird eine todernste Angelegenheit.“

Und also erzählt er von einem steten Wandel, durch den Grenzen des sogenannten guten Geschmacks stets neu ausgelotet werden, von political correctness, die kurioserweise bei jungen Leuten stark ausgeprägt sei („Die Alten sind da ganz entspannt“), und von Grenzen der Satire, die durch Gesetze definiert werden.

Erleichterter Applaus nach dem Vortrag

Irgendwann ist dann aber auch mal gut, und Sonntag hat augenscheinlich selbst die Lust an seiner Idee verloren. Erleichterter Applaus der 120 Besucher setzt bereits vor der Conclusio, der Kurzversion der Sonntagschen Ausführungen ein: „Ja, man darf über den Tod lachen.“ Das nächste Mal gebe es wieder eine humorige Einführung, verspricht der Kurator.

Broistedt trifft ins Schwarze, wenn sie ausführt: „Sobald man über etwas lachen kann, verliert es ein wenig seinen Schrecken.“ In diesem Sinne ist „Einer geht noch“ die konsequente Weiterführung der ursprünglichen Schau „Schluss jetzt!“ Oder um es mit dem Werk „Ungewöhnliche Grabsteine“ vom Büchertisch zu formulieren: „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe?“

„Einer geht noch“ ist in der Torhaus-Galerie, Stadtfriedhof Göttingen, Kasseler Landstraße 1, noch bis zum 9. September zu sehen. Öffnungszeiten sind jeweils freitags bis sonntags von 15 bis 17 Uhr.

Von Eduard Warda

10.08.2018
11.08.2018