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Göttingen Sabine Kray hat Geschichte ihres Großvaters aufgeschrieben
Die Region Göttingen Sabine Kray hat Geschichte ihres Großvaters aufgeschrieben
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17:40 29.11.2017
Sabine Kray, Jahrgang 1984, ehemalige Schülerin des Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasiums, stellt im Otto-Hahn-Gymnasium ihren Roman „Diamanten Eddie“ vor. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

In ihrem Roman „Diamanten-Eddie“ hat die aus Göttingen stammende Autorin Sabine Kray die Geschichte ihres Großvaters Edward Kray, der als 15-Jähriger von der Gestapo aus Polen nach Deutschland verschleppt wurde, aufgearbeitet. Er war zunächst als Zwangsarbeiter in Köthen (Sachsen-Anhalt) tätig.

Am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) diskutierte sie am Mittwoch mit Schülern, die im Fach Geschichte ihr Abitur machen, über das Buch. Die Idee zu der Veranstaltung hatte die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Göttingen (DPG), die oftmals mit Autoren die für sie gelesen haben, auch noch einmal an die Schulen gehen. „Polen ist ein Themenschwerpunkt im Zentralabitur. Und die Schüler beschäftigen sich seit Sommer intensiv mit dem Thema“, erklärte Geschichtslehrer Martin Biermann. Die Lesung sei somit eine gute Gelegenheit, um Geschichte lebendig werden zu lassen. „Mein Großvater hat bei einem Bombenangriff 1939 seine Familie verloren. Danach lebte er mit zwei Sinti und Roma in seinem Elternhaus, bis er von einer Nachbarin denunziert wurde“, berichtete Kray den Schülern.

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Daraufhin sei die Gestapo gekommen und habe ihn mitgenommen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei ihr Großvater nicht nach Polen zurückgekehrt, sondern habe als Schmuggler und Hehler in Mönchengladbach gelebt. „Ich bin zwar mit der Geschichte aufgewachsen, doch kennengelernt habe ich meinen Großvater nicht. Mein Vater wollte auch nicht, dass ich mit anderen über diese Geschichte sprechen“, sagte sie den Schülern. Doch sie habe sich für ihren Großvater interessiert und habe daher 2010 mit Nachforschungen über ihn begonnen. „Ich habe in Mönchengladbach alte Männer über ihn ausgefragt“, berichtete Kray. Dabei sei ihr bewusst geworden, dass man vieles seines Handelns erst verstehen könne, wenn man die Hintergründe seiner Geschichte genau kennt.

In ihrem Roman, der 2014 erschien, hat sie wirkliche Begebenheiten mit fiktiven Handlungen verbunden. Eine Passage, die sie den Schülern vorlas, handelt vom Bombenangriff auf das Flugzeugwerk in Köthen und der anschließenden Flucht ihres Großvaters. Während dieser Flucht bringen er und seine beiden Begleiter einen Gestapomann um, als dieser sie festnehmen möchte. Diese Stelle verknüpfte sie mit der Frage an die Schüler, ob es vertretbar sei, einen Menschen in einer Ausnahmesituation zu töten. Hierbei waren die Schüler sich einig, dass es eigentlich nicht moralisch vertretbar sei, doch in der konkreten Situation im Buch der Überlebenswille über der Moral gestanden habe. Doch trotz des Mordes scheitert die Flucht und Krays Großvaters wird ins Arbeitserziehungslager nach Lahde gebracht.

Auf Nachfrage der Schüler berichtete sie, dass es für ihren Vater durch ihre Recherchen einfacher war, seinen Vater zu verstehen, und er ihn dadurch nicht mehr nur als jemanden gesehen habe, der in der Kindheit wegen Gefängnisaufenthalten nicht für ihn da gewesen sei. Außerdem sagte sie, dass sie zu einigen Personen, mit denen sie während der Recherchearbeit gesprochen habe, noch heute Kontakt hat.

Von Vera Wölk

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