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Göttingen Bayerische Polizei verschlampt brisantes Beweismittel
Die Region Göttingen Bayerische Polizei verschlampt brisantes Beweismittel
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21:29 15.09.2014
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Im Münchener Polizeipräsidium muss noch irgendwo ein Postpaket aus Göttingen herumstehen, dessen Verbleib niemand kennt und das als Beweismittel im Amtsgericht Göttingen gerade schwer vermisst wird. „Es ist nicht überliefert, was die Kripo damit veranstaltet hat, außer, dass sie es verschlampt hat“, stellt Richter Philipp Moog fest.

Dem Angeklagten kommt die bayerische Schlamperei nicht ungelegen. Der 33 Jahre alte Unternehmer muss sich gleich zweier Anklagen erwehren. Zum einen ist er wegen Betruges angeklagt, weil er im Internet-Auktionshaus Ebay ein Laptop versteigert und es angeblich per Post versandt hat, beim Käufer indes nur die besagten vier Benzinflaschen ankamen. Zum anderen wirft ihm die Staatsanwältin Nötigung und versuchte Körperverletzung vor, weil er sich im Zorn einem Radfahrer in den Weg gestellt, er diesen bedroht und beschimpft und schließlich dessen Rad ergriffen und es ihm gegen die Brust gestoßen haben soll.

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Beide Vorwürfe bestreitet der 33-Jährige. Die Zeugen, die seine Unschuld bestätigen, sind alles seine Angestellten. Die Sache mit dem Fahrrad sei so gewesen: An der Ecke Jheringstraße, Groner Landstraße habe er als Rechtsabbieger vor dem Zebrastreifen gehalten, habe vorfahren müssen, um den Verkehr von links einzusehen, habe also folglich auf dem Radüberweg stehen müssen, als plötzlich der Radfahrer kam und ihn gleich beschimpft habe. Dann habe er einen dumpfen Knall gehört – vermutlich habe ihm der Radler im Vorbeifahren gegen das Autoblech getreten.

Darauf habe er ihm hinterhergerufen, er solle stehenbleiben, um gemeinsam den Schaden zu besehen. Der aber sei weitergeradelt. Da habe er Gas gegeben, den Flüchtigen überholt und an der nächsten Bushaltestelle auf ihn gewartet. Der Radler habe jedoch weit vor ihm gestoppt, ihn mit dem Handy fotografiert und sei dann die wenigen Meter zurück zur Polizei geradelt, um Anzeige gegen ihn wegen Nötigung zu stellen.

Tatsächlich wurde danach gegen ihn ermittelt. Doch als der Anzeigeerstatter erfuhr, mit wem er es zu tun hat, zog er seine Anzeige zurück. „Ja, ich habe Angst vor Ihnen und Ihrer Familie“, sagt der Radfahrer als Zeuge. Immer wieder drängt er den Angeklagten, er möge jetzt erklären, dass der sich nicht rächen werde. „Was wollen Sie meinem Mandanten den unterstellen?“, fragt die Verteidigerin. „Typisch“, findet der 33-Jährige. „Nichts als Vorurteile gegen meine Familie.“

Dabei gibt es gar keinen Grund zur Rache. Die Aussage des Belastungszeugen fällt so windelweich aus, dass der Vorwurf der Nötigung gleich vom Tisch ist. Auch der Zeuge, der beim Angeklagten mit im Auto saß, entlastet ihn.
Bleibt noch das vermisste Macbook, ersteigert für 1594 Euro. Der Käufer hatte per Paypal bezahlt, bekam sein Geld also wieder. Er benennt den Postboten als Zeugen, dass nur die Benzinflaschen im Paket waren. Der Angeklagte hingegen hat zwei Zeugen, die dabei waren, als er ein Notebook einpackte.

 Einer soll es zur Post gebracht haben. Dieser Zeuge jedoch ist verschwunden, war zuletzt im Knast, dann in der Psychiatrie, heute wohl untergetaucht auf Drogen. Könnte er Notebook mit Benzinflaschen getauscht haben? Wenn ja, warum Benzin? Das Paket stank schon beim Auspacken, sagt der Käufer. Und warum ist es bei der Polizei verschwunden?

Auf der Basis, sieht auch die Staatsanwältin ein, kann man niemanden verurteilen. Sie bietet eine Einstellung gegen Geldauflage an: „400 Euro ans Tierheim?“ Das akzeptiert auch der Richter. Ebenso der Angeklagte. Die „Spende“ will er persönlich dort vorbeibringen.