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Göttingen Bei Merle ist die Gans im Korb und nicht im Ofen
Die Region Göttingen Bei Merle ist die Gans im Korb und nicht im Ofen
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20:01 10.11.2011
Von Michael Brakemeier
18 Jahre, Gänseliesel: Merle Nowack repräsentiert die Stadt Göttingen für ein Jahr. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Stattdessen repräsentiert die Schülerin seit September Göttingen bei offiziellen Anlässen als leibhaftiges Wahrzeichen der Stadt. Fast immer mit dabei: eine ausgestopfte Gans im Weidenkorb und ein langes Kleid. Die Insignien ihrer Herrschaft.

Zum Interviewtermin kommt Nowack aber lieber in zivil. Im Kleid sei es derzeit viel zu kalt, der Korb mit der Gans für den Transport auf dem Fahrrad viel zu groß. Merle fährt viel Fahrrad, obwohl ihr als Gänseliesel zumindest für vier Monate ihrer einjährigen Amtszeit ein Dienstwagen zur Verfügung steht. „Den Wagen nehme ich dann im Frühjahr. Dann ist das Wetter besser und es macht es mehr Spaß.“

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Spaß ist wichtig. Merles Bewerbung zur Gänselieselwahl war auch eher eine spontane Entscheidung von ihr und zwei Freundinnen. „Da stand was von Freigetränken. Da haben wir uns gedacht: Wir machen mit“, lacht Merle. Überhaupt lacht sie sehr viel und sehr gerne. Dass es dann zumindest für Merle für die Endrunde der letzten acht Bewerberinnen um den Titel Gänseliesel 2011 gereicht hat, hat sie auch ihrem Vater zu verdanken. „Der hat bei Freunden und Bekannten mächtig Werbung für mich gemacht.“ So fieberten ihre Freunde bei der Wahl auch vor der Bühne mit. „Merle, ich will eine Gans von Dir“ war auf einem Transparent zu lesen. Der kurze Auftritt von ihr war ziemlich souverän. Charmant und schlagfertig antwortete sie auf die Fragen. Eigentlich sei sie „ziemlich aufgeregt“ gewesen und habe einfach „drauflos geplappert“.

„Vielleicht lag es daran. Vielleicht daran, dass ich nicht klassisch blond bin. Vielleicht an meinem grünen Kleid, das sich doch sehr von den anderen Kandidatinnen abhob“, sagt sie. Überhaupt Grün. Ihre Lieblingsfarbe. Auch beim Interview trägt Merle ein grünes Oberteil zur Jeans und der dunkelroten Jacke. Hinter der Bühne ließen ihre Freunde beim Gänselieselfest nach dem Sieg den Sektkorken knallen. „Als klar war, dass ich unter den letzten acht Bewerberinnen bin, hatte ich schon den Ehrgeiz entwickelt, zu gewinnen“, sagt Merle heute.

Dabei ist Ehrgeiz möglicherweise eine gar nicht so ausgeprägte Charaktereigenschaft. Im kommenden Jahr macht die Schülerin an der Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Abitur. Englisch, Deutsch und Biologie sind ihre Leistungskurse. Was danach kommt? Fest steht nichts. „Ein bisschen jobben, ein Praktikum. Mal sehen“, sagt Merle. Der Berufswunsch geht in Richtung Design. Konkret ist nichts. „Am liebsten würde ich nach dem Abi eine Weltreise machen“, sagt sie. Einzig am Geld mangelt es noch. Sollte es nichts werden mit der Weltreise, bleibt nach dem Abi mehr Zeit für ihre Hobbys. „Obwohl, so richtige klassische Hobbys habe ich gar“, meint Merle. Danach gefragt, gibt sie Freunde treffen, Fotografieren, den Hund ausführen an. Derzeit ist die Buddha Lounge im Cheltenhamhaus ihre Lieblingskneipe, wenn sie ausgeht. „Und ich backe sehr gerne. Die besten Brownies der Welt.“ Zumindest sagt das Merles Freund. Nein, befangen sei der keineswegs. Lachen.
Inzwischen hat Merle ihre ersten offiziellen Termine als Gänseliesel hinter sich gebracht. „Es macht mir Spaß“, sagt Merle. Erst am vergangenen Sonntag hat sie gemeinsam mit Oberbürgermeister Wolfgang Meyer („netter Mann“) Suppe für die Tageblatt-Aktion „Keiner soll einsam sein“ ausgeteilt. Am Sonnabend muss sie wieder an die Schöpfkelle. Diesmal im Kaufpark.

Die Hürden, Gänseliesel zu werden, waren nicht allzu hoch gesteckt. Schlagfertigkeit, gutes Aussehen – das reichte. Ob sie über die Stadt, die sie vertreten soll Bescheid weiß, geriet bei der Wahl in den Hintergrund. Sie habe den Tipp bekommen, sich mit dem kleinen Faltblatt zu beschäftigen, dass die Stadt alle paar Jahre herausgibt. Das reiche aus. Immerhin mit einer knappen Stadtgeschichte und wichtigen Eckdaten.

Im Faltblatt stehen die nackten Zahlen. Doch das was Göttingen wirklich ausmacht, steht dort nicht. Davon kann Merle aber umso besser erzählen. „Ich mag Göttingen sehr, sehr gerne“, sagt die gebürtige Göttingerin. Die Stadt sei „wunderbar klein“. Klein genug, um alles bequem und in kurzer Zeit erreichen zu können oder zufällig Freunde in der Fußgängerzone zu treffen. Das sei in wirklich großen Großstädten ganz anders. Gleichzeitig sei Göttingen groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen. Und wenn Merle mal niemanden sehen will, verzieht sie sich an ihren Lieblingsplatz in der Stadt: den Molkengrund, oberhalb der Schillerwiese am Hainberg. „Da ist es total schön“, schwärmt sie. Im Sommer tauscht sie den Molkengrund aber gerne mit dem Rosdorfer Baggersee. Vielleicht fährt sie im kommenden Sommer mit dem Wagen dahin. Wegen des Spaßes. Und wenn Merle nicht um die Welt jettet.