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Göttingen „Beispiellos brutaler“ Vergewaltiger bald frei?
Die Region Göttingen „Beispiellos brutaler“ Vergewaltiger bald frei?
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19:05 22.07.2011
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Göttingen/Hamburg

Die Tat war an Brutalität und Widerwärtigkeit kaum zu überbieten: An einem Sommerabend lauerte der damals 25-jährige Jens B. einer Studentin im Bratental bei Nikolausberg auf, trieb sie mit vorgehaltenem Messer in den Wald, fesselte sie an einen Baum und vergewaltigte sie. Als Stimmen von Passanten zu hören waren, stach er auf den Kehlkopf der Frau ein. Als sich sein Opfer auf die Seite drehte und sich bewusstlos stellte, stach er noch achtmal zu – in Nacken und Rücken, zwei weitere Stiche drangen in die Lunge.

Während der Tat, so schilderte später das Opfer dem Gericht, habe er hämisch gelacht. Die Frau überlebte nur äußerst knapp, weil ein Radfahrer die schwer verletzte 29-Jährige fand und zu einem Arzt zu schleppen versuchte. Als den Radler die Kräfte verließen, eilte ein Jogger zu Hilfe, danach ein zweiter.

Jens B., ein Gärtner aus Hamburg, wurde gefasst und zu 15 Jahren Haft samt anschließender befristeter Sicherungsverwahrung verurteilt, die später noch einmal verlängert wurde. Richter Rainer Kallmann, der damals den Fall verhandelte, erinnert sich noch heute an die „beispiellose Brutalität“ des Täters: „Damals war ich an der Grenze meines Verständnisses.“ Jens B. sei allgemeingefährlich, schrieb er ihm ins Urteil. Psychiater hatten zuvor bei dem 25-Jährigen eine schwere seelische Abartigkeit erkannt.

Auch die kriminelle Vorgeschichte des Mannes sprach Bände. Nur einen Tag vor der Tat im Bratental hatte er versucht, zwei andere Studentinnen mit vorgehaltenem Messer zu vergewaltigen. Die beiden jungen Frauen kamen nur davon, „weil sie sich beherzt zur Wehr setzten“, erinnert sich Kallmann. Und in Hamburg war er zuvor wegen acht anderen Sexualdelikten verurteilt worden – unter anderem wegen Fällen, bei denen er gleich über jeweils zwei Frauen herfiel.

Seine Sittlichkeitsverbrechen hatte Jens B. in Tagträumen vorphantasiert, kam bei dem Göttinger Verfahren heraus. Immer setzte er ein Messer ein, zwang die Frauen, sich auszuziehen und zerschnitt ihre Kleidung, bevor er sich an ihnen verging. Mehr als 15 Frauen wurden so zu Opfern teils bestialischer Grausamkeit des Hamburger Gärtners.

Heute fühlt sich der Täter von damals als Opfer – Opfer nicht von Gewalt, sondern der deutschen Justiz. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, nachdem die Sicherungsverwahrung nicht nachträglich verhängt oder verlängert werden darf, will B. raus aus dem Knast. Die Sicherungsverwahrung ist im Mai dieses Jahres ausgelaufen. Auf freiem Fuß ist er allerdings (noch) nicht: Jens B. befinde sich nach wie vor in Sicherungsverwahrung, erklärt Thomas Baehr, Sprecher der Justizbehörde in Hamburg. Im Mai habe die Strafvollstreckungskammer die weitere Fortdauer angeordnet. „Es gibt keine Entscheidung, B. zu entlassen“, so Baehr. Allerdings, bestätigt Baehr, ist bereits für den November ein weiterer Anhörungstermin angesetzt. Dann werde erneut geprüft, ob die Voraussetzungen für die weitere Sicherungsverwahrung vorliegen – oder nicht.

Von Matthias Heinzel und Lukas Breitenbach