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Göttingen Bernard Kouchner erhält Gollancz-Preis in Göttingen
Die Region Göttingen Bernard Kouchner erhält Gollancz-Preis in Göttingen
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22:02 21.09.2014
Von Jörn Barke
Immer noch vital für die Menschenrechte im Einsatz: Bernard Kouchner mit Übersetzerin Catherine Wolf-Chuat. Quelle: CR
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Göttingen

Die Reden zur Preisverleihung pendelten immer wieder zwischen dem Rückblick auf den Kampf gegen Katastrophen in Krisenregionen in der Vergangenheit und dem Blick auf aktuelle Krisen der Gegenwart. Es war ein grausamer Völkermord, der sowohl Kouchner als auch den GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch zu ihrem Engagement antrieb: 1968 kamen im Kessel von Biafra bis zu zwei Millionen Menschen durch Hunger oder Kriegshandlungen um, die meisten davon Kinder.

Etwa zwölf Millionen Einwohner der Republik Biafra, die sich von Nigeria losgesagt hatte, waren vom nigerianischen Militär eingekreist und von der Außenwelt abgeschnitten worden. Kouchner war als Arzt unter Lebensgefahr in Biafra tätig – und wurde aufgrund seiner Erlebnisse zum Mitgründer der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

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Für Kouchner ist es der Auftakt für ein jahrzehntelanges Engagement. Er gründet 1980 auch die Organisation Ärzte der Welt, nimmt an humanitären Einsätzen und friedensstiftenden Missionen unter anderem in Kambodscha, Somalia und Ruanda teil.

Menschenrechte schützen

Sein Credo ist dabei, nicht strikt Neutralität zu wahren, sondern sich einzumischen, Verbrechen zu bezeugen und den Opfern aktiv zur Hilfe zu kommen. Später versucht er als UN-Beauftragter im Kosovo und als französischer Außenminister, Menschenrechte zu schützen.

Bürgermeisterin Helmi Behbehani (SPD) verwies in ihrer Rede auf die aktuellen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer mit hunderten von Toten. „Hier muss ganz Europa im Interesse der Menschlichkeit gemeinsam mehr Verantwortung übernehmen“, sagte Behbehani unter Applaus. Die Stadt Göttingen übernehme Verantwortung, indem sie derzeit rund 500 Flüchtlinge aus über 30 Nationen beherberge.

Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, den viele gemeinsame Aktionen mit Kouchner verbinden, konnte aufgrund einer Erkrankung nicht dabei sein. Seine Laudatio trug Ines Köhler-Zülch vor. Neudeck verwies in seinen „unfrisierten Lob-Worten“ auf die Mischung von Naivität und Mut, mit denen die Menschenrechtler ihr Wirken gestartet hätten.

In seiner lebendigen Dankesrede wies Kouchner darauf hin, dass dringend etwas gegen die Ebola-Epidemie in Afrika getan werden müsse.

Gfbv

Einsatz für Minderheiten

Die in Göttingen ansässige Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ist aus der von Tilman Zülch 1968 mitbegründeten Aktion Biafra-Hilfe entstanden. Die Menschenrechtsorganisation setzt sich für bedrohte ethnische und religiöse Minderheiten an.

Die GfbV hat eigenständige Sektionen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Südtirol/Italien, Bosnien-Herzegowina und Irakisch-Kurdistan sowie Repräsentanten in den USA, Großbritannien und Luxemburg.

In Deutschland hat die GfbV nach eigenen Angaben 20 000 Unterstützer, darunter rund 6000 Mitglieder und Förderer.

Victor Gollancz

Humanist und Verleger

Der Victor-Gollancz-Preis ist nach dem britisch-jüdischen Humanisten, Verleger und Autoren Victor Gollancz (1893-1967) benannt.

Gollancz habe zeitlebens unerschrocken Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekannt gemacht und Hilfe für die Opfer mobilisiert, begründet die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) die Namensgebung.

Gollancz prangerte die NS-Verbrechen ebenso an wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Seit 2000 vergibt die GfbV den Victor-Gollancz-Preis in unregelmäßigen Abständen. 2014 ist er mit 3000 Euro dotiert.