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Göttingen Bianca Lumpp seit sieben Jahren für Interplast in Afrika im Einsatz
Die Region Göttingen Bianca Lumpp seit sieben Jahren für Interplast in Afrika im Einsatz
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17:50 18.10.2013
Von Jörn Barke
OP-Schwester Bianca Lumpp mit Katze Éowyn. Quelle: Heller
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Bovenden

Auf dem Rücken hatte er bereits die Größe eines  Fußballs erreicht, innen war er schon in die Lunge eingebrochen. Die Bedingungen im Krankenhaus sind schlicht, das Team war machtlos. Die Frau wurde mit einem Druckverband nach Hause geschickt – sie und das Kind starben.

Doch es gibt auch die anderen Fälle, in denen das Team helfen, ein Leben ändern kann. Wenn etwa eine junge Frau, die mit schweren Verbrennungen an den Beinen ein Jahr lang im Bett gelegen hat, dem Team ein Jahr nach der Operation laufend entgegen kommt und berichtet, dass sie einen Job hat.

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Was man in diesem Augenblick für seinen Einsatz zurückbekomme, „kann man nicht beschreiben“, sagt Lumpp. Sie komme jedes Mal sehr demütig aus Afrika zurück.

Seit 2007 fährt die 52-jährige Bovenderin einmal im Jahr für rund zwei Wochen mit einem OP-Team der Hilfsorganisation Interplast nach Afrika. Zuletzt war sie im Februar im Einsatz. Die Ärzte und Schwestern opfern einen Urlaub für die ehrenamtliche Arbeit.

Seit 2010 im Süden Tansanias im Einsatz

Das Team operiert Klumpfüße, Verbrennungen, schwere Fehlbildungen im Gesicht, Schilddrüsenerkrankungen, Biss- und Machetenwunden. Die Menschen mit Fehlbildungen leiden nicht nur an der Krankheit, sie sind häufig vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Die Hilfsarbeit von Interplast beginnt schon lange vor dem Einsatz. Denn erst einmal muss das Material besorgt werden. Tupfer, Nähte, Handschuhe, Kittel, Implantate, Schrauben – vor Ort gibt es nichts. Das Material wird von Spendengeld besorgt oder an Krankenhäusern gesammelt.

Seit 2010 ist Lumpp im Süden Tansanias im Einsatz, in einem katholischen Krankenhaus in der Stadt Sumbawanga. Schon die Anreise ist eine Herausforderung. Sie dauert laut Lumpp fast zwei Tage – davon sind die letzten elf Stunden eine Fahrt im Kleinbus über eine huckelige Erdstraße. In der Dunkelheit ist die Fahrt nicht ungefährlich, es gibt kriminelle Banden in der Gegend.

Im Krankenhaus muss dann erst einmal die komplette Ausrüstung aufgebaut werden – die OP-Säle sind bis auf die Tische leer. Das Team arbeitet parallel an zwei Tischen, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche.

Fast wundersame Geschichten

Manchmal bleiben die Helfer jedoch hilflos. Ein zehnjähriges Mädchen hatte einen offenen Bruch und ein vollkommen vereitertes Bein. Die einzige mögliche Rettung wäre gewesen, das Bein abzunehmen. Doch die Eltern verweigerten die Amputation – das Mädchen starb.

Dann wieder gibt es fast wundersame Geschichten. Einmal operierte ein Team bis kurz vor der Abfahrt eine 28-jährige aidskranke Patientin mit einem großen Tumor im Bauch. Andere Teammitglieder packten für Lumpp, die noch im Einsatz war, die Koffer. Die Frau überlebte.

Wie es mit den Menschen weitergeht, erfahren die Interplast-Helfer vom örtlichen Arzt und Benediktinerpater Ignas Dandah. Die Patienten legen für ihre Behandlung bis zu 200 Kilometer zurück. Die meisten kommen zu Fuß, manche mit dem Bus.

Malen zum Ausgleich

Für das Team sind erfahrene Kollegen notwendig, denn manche Krankheiten, die dort behandelt werden, gibt es in dieser Ausprägung in Deutschland gar nicht, weil die Menschen hier viel früher zum Arzt gehen. Rund 130 teils mehrstündige Operationen hat das Team im Februar in Sumbawanga vorgenommen.

Familiär hat Lumpp die Freiheit für ihr Engagement: Ihr Lebensgefährte unterstützt sie dabei, ihre beiden Stiefkinder sind schon erwachsen. Als Ausgleich zum Beruf malt sie, viele Bilder mit Tiermotiven aus Afrika sind entstanden.

Einige davon hat sie im Zuge einer Wohltätigkeits-Ausstellung in Göttingen verkauft und damit rund 1500 Euro an Spenden für Interplast gesammelt. Im März fährt Lumpp wieder nach Sumbawanga.

Interplast

Interplast Germany organisiert pro Jahr etwa 70 medizinische Hilfseinsätze in Afrika, Südamerika und Asien. Dabei geht es vorrangig um plastisch-chirurgische Operationen. Der Hilfseinsatz muss von den Regierungen der Länder genehmigt oder geduldet sein.

Bei den Aktionen wird mit Kollegen in den Gastgeberländern zusammengearbeitet. Interplast Germany entstand nach amerikanischem Vorbild: In den USA rief Donald Laub die Organisation 1967 ins Leben.

Nach einem Einsatz mit Donald Laub 1979 in Ecuador gründete Gottfried Lemperle 1980 Interplast Germany in Frankfurt.

Weitere Informationen zu Interplast im Netz unter interplast-germany.de