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Göttingen Bierflasche auf den Kopf und Biss ins Ohr
Die Region Göttingen Bierflasche auf den Kopf und Biss ins Ohr
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19:28 17.06.2013
Von Jürgen Gückel
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Das biedere Äußeres steht im krassen Gegensatz zu dem, was ihm im Jugendschöffengericht vorgeworfen wird: Räuberischer Diebstahl, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Nötigung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Drogenhandel – das volle Programm.

Opfer war meistens seine Freundin, mit der er sich stritt, sich wieder vertrug, die er übel zurichtete, deren Wohnung er verwüstete, die er mit dem Tode bedrohte – und mit der er wieder ein Paar wurde. „Man kann sich das gar nicht vorstellen, dass man danach wieder zusammenkommt“, grübelt laut Richterin Kathrin Ohlemacher.

Nicht nach diesen Vorfällen: Am 24. Januar 2011 hat er die Wohnungstür der Freundin aufgetreten, diese bedroht und geschlagen, hat ihr angekündigt, sie zu töten, wenn sie Göttingen nicht verlassen würde. Am selben Tag ist er noch einmal in die Wohnung eingedrungen, hat einen Wasserhahn und den Boiler von der Wand des Badezimmers getreten, so dass die ganze Wohnung knöcheltief überschwemmt wurde, hat die Wände mit Cremes und Lippenstift beschmiert und mit dem eigenen Blut – er hatte sich verletzt – Drohungen an die Wand geschmiert.

3000 Euro beträgt der Schaden. Am 20. Februar hat er die junge Frau in der neuen Wohnung aufgesucht, ihr im Streit eine Bierflasche über den Kopf geschlagen und sie ins Ohr gebissen. Außerdem zerschlug er eine Porzellanfigur. Am 28. Juni 2011 hat er schließlich gewaltsam die Tür einer weiteren Wohnung der Freundin aufgetreten, hat ihr ein Laptop weggenommen, der ihr gar nicht gehörte, hat ihr an den Haaren gezerrt und sie in den Nacken geschlagen sowie einer Freundin der Frau, die ihn aufhalten wollte, noch eine blutige Platzwunde mittels einer Kopfnuss beigebracht.

Der Diebstahl eines MP3-Players bei Saturn und 20 Gramm Marihuana, die bei ihm gefunden wurden, steigern die Anzahl der Anklagen auf fünf.

Das alles gibt der junge Mann zu. Er bereut es, will sich entschuldigen und alles wieder gut machen. Und er habe sich geändert. „Wenn ich sauer war früher, habe ich ohne zu überlegen reagiert.“ Das solle nie wieder vorkommen. Er habe eingesehen, „dass Ausflippen nichts bringt“.

Und tatsächlich ist seither nichts mehr passiert. Zwei Jahre liegen die letzten Taten zurück. Dass erst jetzt verhandelt wird, erweist sich für ihn als Glück. Lange galt er für die Justiz als untergetaucht, obwohl er da wohnte, wo er sich angemeldet hatte. Er hatte nach den Taten im Drogenrausch Hilfe in der Entgiftung im Asklepius-Krankenhaus gefunden.

Dort erfuhr er, dass das ehemalige Schwesternheim vorübergehend vermietet wird. Er mietete ein Zimmer und meldete der Justiz die Adresse. Die Post aber wurde von Asklepius immer wieder zurückgeschickt. Man kannte den eigenen Mieter nicht. Erst als ein Hausmeister sich der Sache annahm, erfuhr der 20-Jährige, dass er angeklagt wird.

Die eineinhalb Jahre Verzögerung ersparen ihm nun eine Jugendstrafe. Das Gericht erkannte an, dass er sich seither bewährt hat. Sein Paraktikum – das mit der schwärmerischen Bescheinigung – soll demnächst in eine Ausbildung übergehen. Einzig 150 Stunden gemeinnützige Arbeit muss er nebenher noch ableisten, und ein Anti-Aggressionstraining wird ihm auferlegt.